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„Saline4Fun“ : Vive la vitesse

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Fahren im Schongang, bremsen mit Fallschirm: Der „Saline4Fun” erreicht lässig die 200-km/h-Marke Bild: Hersteller

Er ist klein und kantig, in Amerika nahezu unbekannt und hat 50 Jahre auf dem Buckel, doch ein Rennmotor aus dem R5 Turbo macht den „Saline4Fun“ zum schnellsten Renault 4 der Welt. Bei der „Speedweek“ in Utah will er das beweisen.

          Eigentlich ist Bonneville ein ziemlich verschlafenes Nest in Utah. Doch einmal im Jahr werden seine Salzseen buchstäblich zum Gravitationszentrum der Autowelt. Dann sind bei der legendären „Speedweek“ so viele starke und schnelle Autos unterwegs, dass sie mit einem kollektiven Gasstoß den Gleichlauf der Erdkugel ein wenig durcheinanderbringen könnten.

          In diesem Jahr allerdings wird zwischen den millionenschweren Rekordfahrzeugen ein Rennwagen herausstechen wie das hässliche Entlein bei der Zuchtgeflügelschau: Er ist klein und kantig, in Amerika nahezu unbekannt, hat 50 Jahre auf dem Buckel und taugt mit serienmäßig zuletzt 34 PS in Bonneville nicht mal als Werkstattwagen. Ein Renault 4. Doch mit genau diesem Auto wollen die „Triplettes des Bonneville“ beweisen, was für ein großes Herz der kleine Renner hat. Die Triplettes, das sind vier flinke Freunde aus Frankreich, die sich nach einem Comic benannt haben und schon zum vierten Mal nach Bonneville fahren.

          Der Wagen, den Bernard Canonne vom 13. August an über die Salzseen prügeln wird, ist natürlich kein gewöhnlicher Youngtimer. Der „Saline4Fun“ ist wahrscheinlich der mit Abstand schärfste und schnellste unter den 8.135.424 R4, die Renault zwischen 1961 und 1992 gebaut hat. Schon bei den letzten Tests auf einem Flugfeld im Umland von Paris erreicht er bald 200 km/h, bevor Canonne am großen Hebel reißt und den vom Reglement vorgeschriebenen Bremsfallschirm öffnet. „Und hier fahren wir nur im Schongang“, heizt der Pilot die Erwartungen an. Wenn er demnächst in Bonneville den Drehzahlmesser weit über 7000 Touren jagt, dann sollen es 250, vielleicht sogar 280 km/h werden.

          Satt: Unter der Haube steckt ein 1,5 Liter großer Vierzylinder aus dem R5 Turbo

          Nur noch nacktes Blech

          Viel ist von dem fast 30 Jahre alten Lieferwagen allerdings nicht mehr übrig geblieben. Das Fahrwerk wurde so tief gelegt, dass der blau-weiß lackierte Rennwagen bei jeder noch so kleinen Bodenwelle aufsetzen und Funken sprühen würde. Auf den Achsen stecken Spezialreifen, die Goodyear eigens für solche Weltrekordfahrzeuge baut. „Die extraschmalen 15-Zöller sehen zwar aus wie Noträder, halten aber mehr als 500 km/h aus“, sagt Teamchef Frank Figuls.

          Auch innen ist nichts mehr, wie es einmal war. Es gibt keine Verkleidung mehr, sondern nur noch nacktes Blech und einen massiven Überrollbügel mit armdicken Streben. Aus dem mit Instrumenten überladenen Armaturenbrett ragt ein griffiges Sportlenkrad, das man zum leichteren Einstieg abnehmen kann. Statt des alten Fahrersitzes gibt es eine aus Blech geschweißte Sitzschale mit dem Kuschelfaktor eines Schraubstocks, und zum ersten Mal ragt aus dem Wagenboden des R4 ein klassischer Schaltknauf. Er steuert jenes Fünfganggetriebe, das die Entwickler aus dem R21 Turbo entlehnt haben.

          „Bei der letzten Messung waren es 290 PS“

          Unter der Haube steckt ein 1,5 Liter großer Vierzylinder aus dem R5 Turbo. Er brüllt wie ein antiker Kampfjet beim Start und hat mehr Leistung, als sich ein R4-Fahrer jemals träumen ließ. „Bei der letzten Messung auf dem Prüfstand waren es 290 PS“, schwärmt Figuls. Allerdings dürfte die dünne Luft in Utah den Vierzylinder noch etwas Leistung kosten, befürchtet das Quartett. Und das windschnittigste Auto ist der R4 auch nach dem Umbau noch nicht. „Doch selbst wenn es nicht für den Klassensieg reicht, haben wir eine Bestleistung schon sicher: Schneller als unser Auto ist noch nie ein R4 gefahren.“

          Zwar geht es vor allem um den Spaß und die Ehrenrettung für den R4. Doch ein wenig Patriotismus schwingt beim großen Rennen natürlich auch mit. „Immerhin starten wir in Bonneville zum ersten Mal seit 1956 wieder mit einem französischen Auto“, sagt Figuls. Damals stand ebenfalls ein Renault auf den Slatflats: der „Etoile Filante“. „Der extrem flache und windschnittige Einsitzer wurde von einer 270 PS starken Jet-Turbine angetrieben und holte mit einem Tempo von 307,4 km/h den ersten und einzigen Geschwindigkeits-Weltrekord für unsere Firma“, sagt Hugues Portron, der die Klassiksparte der Franzosen leitet. Daran erinnern die Triplettes mit einem vornehmen Augenzwinkern.

          Dann schieben die Franzosen ihren R4 ganz sachte in den Übersee-Container. Sie selbst steigen bald ins Flugzeug, um sich mit großem Tross und einer ordentlichen Werkstatt auf die Speedweek vorzubereiten. Das sei nicht immer so gewesen, erinnert sich Figuls an die erste Teilnahme 2008. Damals starteten die Triplettes mit einem Mofa mit Seitenwagen und mussten viel improvisieren. „Wir waren so klamm, dass wir uns den Transport unserer mehr als 50 Jahre alten Motobécane nicht leisten konnten. Deshalb haben wir sie in Frankreich kurzerhand demontiert, die Einzelteile in unsere Koffer gepackt und sie erst vor dem Rennen in Bonneville wieder zusammengebaut.“ Das hat dem 50-Kubik-Maschinchen offenbar nicht geschadet. Im Gegenteil. Auf dem Heimweg mussten die Triplettes auch noch vier Pokale und die entsprechenden Rekordurkunden ins Gepäck quetschen.

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