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Mobile Material Service : Das rollende Regal, das niemals leer wird

  • -Aktualisiert am

Daniel Henne in seinem automatisch bestückten Van Bild: Debus

Das ist Hightech im Handwerk. Mit einem elektronischen Materialmanagement will Mercedes die Monteurarbeit leichter und effizienter machen.

          Daniel Henne ist sauer und steht fluchend auf der Baustelle. Ausgerechnet die Rohrschellen, die er jetzt am dringendsten benötigt, sind dem Installateur mal wieder ausgegangen. Also lässt er alles stehen und liegen, fährt zum nächsten Großhändler und wird heute mit seinem Pensum eben wieder nicht fertig. Und so wie dem Meister bei FF-Haustechnik in Langenargen am Bodensee geht es vielen Handwerkern. Tag für Tag. Im Schnitt knapp 60 Minuten verlieren sie jede Woche, weil eine mangelhafte Materialwirtschaft sie zu kurzfristigen Einkaufsfahrten zwingt. Von den höheren Preisen, die sie dafür oft bezahlen müssen, und den vielen Kilometern, die sie auf ihren Firmenwagen schrubben, ganz zu schweigen.

          Doch seit Henne einen neuen Dienstwagen hat, sind ihm die Teile nicht mehr ausgegangen und er hat keinen seiner Händler mehr persönlich gesehen. Denn sein Vito ist Teil einer Pilotflotte, mit der Mercedes-Benz das Warenmanagement fürs Handwerk revolutionieren will: „Mobile Material Solutions“ heißt das Projekt, hinter dem sich im Grunde nichts anderes verbirgt als ein Regal, das niemals leer wird.

          Herzstück dafür ist das intelligente Warenlager im Heck des Vito, das Mercedes gemeinsam mit dem Ausbauer Sortimo und dem Dübel- und Schraubenspezialisten Fischer entwickelt hat. Jede Box in diesem Regal ist mit einem NFC-Tag ausgestattet, mit dem sie von der so getauften Refill-App auf Hennes Smartphone erkannt wird. Sobald der Installateur sein Handy ans Regal hält, sieht er den jeweiligen Sollbestand und kann fehlendes Material mit einem Fingertipp auf den elektronischen Bestellzettel übertragen. Sobald Henne Feierabend macht, muss er nur noch ein letztes Mal auf sein Smartphone schauen und die Bestellung abschließen, schon ist der Wagen am nächsten Tag wieder einsatzbereit.

          Die 70 wichtigsten der theoretisch 30.000 Teile

          Während der Installateur daheim auf dem Sofa sitzt, läuft im Hintergrund eine automatisierte Lieferkette an. Der Großhändler packt die Bestellung zusammen wie immer und der Kurierdienst holt sie ganz normal ab. Nur dass er sie künftig nicht mehr in die Firma fährt, sondern direkt ans Auto liefert. Seine Delivery-App zeigt ihm den jeweiligen Standort und so, wie Car-2-Go-Kunden ihren Smart öffnen, schaltet der Paketdienst mit dem Smartphone die Heckklappe des Montagefahrzeugs frei und legt Schellen, Schrauben oder Dübel, Dichtungen und Ventile für den nächsten Tag bereit. Immerhin die 70 wichtigsten der theoretisch 30.000 Teile aus dem Warenbestand der Firma werden so automatisch aufgefüllt.

          Für Henne, werben die Erfinder des Projekts, habe das nur Vorteile: Statt morgens erst einmal in die Firma zu fahren, dort aus einer riesigen Sendung für alle sechs Fahrzeuge der Flotte seine Päckchen herauszusuchen und seinen Vito neu zu bestücken, muss er nur daheim vor seiner Haustüre die Klappe öffnen und die Päckchen in die Regalboxen verteilen. Fünf Minuten später könne er ohne Umweg direkt zum ersten Kunden fahren. „Morgens früher los und abends schneller fertig: Das spart mir am Tag mindestens eine halbe Stunde“, sagt der Monteur, und die Mercedes-Entwickler beziffern die Zeitersparnis über alle Pilotflotten in den unterschiedlichsten Branchen auf durchschnittlich 140 Minuten die Woche.

          In der Vision der Planer und Programmierer geht es sogar noch einfacher. In einem zweiten Pilotprojekt für eine Schreinerei haben die Schwaben den Materialfluss so organisiert, dass der Kurierdienst die Verbrauchsartikel bereits in den passenden Boxen liefert, so die Regale gleich selbst bestückt und damit die Vorhaltung in der Firma entfällt. Als nächstes wollen die Entwickler alle wichtigen Werkzeuge mit einem RFID-Chip ausstatten und den Bordcomputer so programmieren, dass er ständig das Inventar kontrolliert. Startet ein Schreiner dann morgens ohne Kreissäge oder vergisst er abends die Bohrmaschine auf der Baustelle, schlägt die Elektronik automatisch Alarm. „Und wenn man vom Kollegen im Wechseldienst sein Auto übernimmt, weiß man sicher, dass alles an Bord ist“, spinnt Henne den Faden weiter.

          Entstanden ist der Mobile Material Service in der Initiative Advance, mit der die Transporter-Sparte der Schwaben neue Geschäftsfelder auslotet. Nur mit dem Verkauf oder dem Verleasen der Fahrzeuge allein sei in einer zunehmend vernetzten Welt vielleicht bald kein Geld mehr zu machen, hat Spartenchef Volker Mornhinweg erkannt und eine ganze Reihe ähnlicher Projekte angestoßen – bis hin zum Kurierlastwagen der Zukunft, der seine Päckchen mit autonomen Robotern und Drohnen ausliefert.

          Eine Veränderung hat er freilich schon jetzt festgestellt

          Zwar schreitet die Automatisierung unaufhaltsam voran und Henne hofft schon darauf, dass ihm Sensoren oder Waagen an den einzelnen Regalfächern bald auch noch das Auslösen der Bestellung abnehmen, weil sie auf diese Weise selbst berechnen können, wie viele Schrauben oder Schellen noch auf Lager sind und wie viele Material für den nächsten Tag nachbestellt werden muss. Aber um seinen Job muss er sich wohl trotzdem so schnell keine Sorgen machen. So weit, dass irgendwann mal ein Roboter die Rohre flickt, die Heizung installiert und die Waschmaschinen anschließt, wird es so schnell nicht kommen.

          Was der Mobile Material Service, so er denn wirklich für die Masse marktreif wird, einmal kosten wird, das ist erstens noch nicht ausgemacht. „Und zweitens sollen das mein Chef, die Großhändler, der Kurierdienst und Mercedes-Benz unter sich ausmachen“, fordert der Monteur. Eine Veränderung hat er freilich schon jetzt festgestellt: Seit die Elektronik den Bestand in seinem Sprinter regelt und er nicht immer mal wieder zwischendrin zum Großhändler muss, fühlt er sich weniger gestresst. Auch mache er im Durchschnitt früher Feierabend und weniger Überstunden, behauptet er. Umstellen muss er sich deshalb aber trotzdem, räumt Henne ein. Die Ausrede, man müsse mal schnell in den Baumarkt oder noch mal in die Firma, um ein Werkzeug zu holen, die zieht bald nicht mehr.

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