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Star in der Oldtimer-Szene : Ein Leben unterm Auto

  • -Aktualisiert am

Mein erster Kotflügel: Mike Sander ist Karosseriebauer mit Leib und Seele, hier zu sehen während seiner Wanderjahre in Amerika. Bild: Mike Sander privat

In der Oldtimer-Szene ist der Ingenieur Mike Sander ein Star. Sein Fett schützt Zehntausende betagter Autos, vom Rost zerfressen zu werden. Dabei denkt er auch noch an den Umweltschutz.

          Als normaler Autofahrer wird man mit Mike Sanders Korrosionsschutzfett vermutlich kaum in Berührung kommen. Wenn der Familienkombi anfängt zu rosten, ist er vermutlich schon lange verkauft. Wer jedoch mehrere Jahrzehnte alte Autos fährt, kommt um das Thema Korrosionsschutz nicht herum. Das ist eine Wissenschaft, über die in der Young- und Oldtimer-Szene rege diskutiert wird, gilt doch der Rost als Feind Nummer 1 der alten Karossen. Über kurz oder lang fällt dann der Name Mike Sander als letzte Instanz.

          Sander heißt eigentlich Michael und kommt aus Horst bei Elmshorn nahe Hamburg, und das Fett, das ihn berühmt machte, ist ein Nebenprodukt seiner Arbeit als Karosseriebauer und Diplomingenieur für Fahrzeugbau. Sein Credo beim Restaurieren alter Autos: Arbeiten, die einmal durchgeführt wurden, sollten nicht wiederholt werden. Eine Rostsanierung mit dem Heraustrennen der alten Bleche und dem Einschweißen neuer soll eine einmalige Angelegenheit bleiben, schon in Sanders eigenem Interesse, schließlich hat er selbst eine beeindruckende Fahrzeugsammlung. Vom VW-Campingbus über einen Autobianchi 112 von 1971 bis zu einem noch selteneren Lamborghini 400 GT aus den Sechzigern findet sich alles in Schuppen, Unterständen oder der Werkstatt des Restaurators in Horst. Wie viele es genau sind? Um die 20, sagt er.

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          Am liebsten erzählt der Mann von seinen Autos, von Arbeiten, die gemacht wurden, sowie den offensichtlich wesentlich häufigeren Konstruktionsfehlern bei denselben. Sander springt von Auto zu Auto, von Thema zu Thema, schimpft über Firmen, die Umsatz generieren, ohne auf die Bedürfnisse ihrer Kunden zu achten, doziert über Schrauben, die an einer Stelle lackiert, an anderer blank sein müssen, über Lacke, Restaurationen, die Abgase von Kreuzfahrtschiffen und die Sinnlosigkeit von Photovoltaik. Moment mal - waren wir nicht wegen des Fetts hier? Immerhin sind es 80 Tonnen, die Sander jährlich in die Autowelt hinausschickt, gut fünfzehntausend Autos können damit behandelt werden. Wer das Geld einmal investiert hat, kann ziemlich sicher sein, dass sein Fahrzeug als Geldanlage erhalten bleibt. In Mike Sanders Leben scheint das Korrosionsschutzfett als Haupteinnahmequelle jedoch eher eine Nebenrolle zu spielen, auch wenn er mittlerweile ganz gut davon leben kann.

          Wahrscheinlich ist das eines der Geheimnisse seines Erfolgs. Sander wollte als Unternehmer wohl nie erfolgreich sein, lediglich eine knappe Handvoll Mitarbeiter verliert sich auf seinem Gelände. Wer bei ihm kauft, kann sicher sein, nicht übervorteilt zu werden, und wer will, kann die Konservierung in Eigenarbeit vornehmen. Vier Kilogramm seines Spezialfetts kosten 52 Euro (fünf genügen für manches Auto), die dazu notwendigen Verarbeitungsgeräte kann man sich bei ihm leihen.

          „1991 ging das Verkaufen los“

          Als käufliches Produkt behauptet sich Mike Sanders Korrosionsschutzfett schon beinahe 25 Jahre. Damals, 1988, rief die Zeitschrift „Motor Klassik“ ihre Leser dazu auf, Vorschläge für Hohlraumversiegelungen einzureichen. Sander hatte für sich ein Fett zusammengemischt, dass bei 120 Grad flüssig in die Karosserie gespritzt wurde, so dass es auch in die kleinsten Ritzen kroch. Mit der in einer alten Farbdose abgeschickten Probe gewann Sander den drei Jahre dauernden „Geheimtip-Wettbewerb“. Das war die Initialzündung, „1991 ging das Verkaufen los“, erzählt er, „nach dem Test konnten wir Ergebnisse vorweisen. Nach den drei Jahren war manch anderer Kasten im Test einfach durchgerostet.“ Das Fett, dass eigentlich nie für den Verkauf gedacht war, entwickelte sich zum Geheimtipp. Hinsichtlich der Zusammensetzung schweigt Sander, nur so viel gibt er preis: „Es ist die Langzeitkriechwirkung, die sich ergibt, dass sich das Auto zum Beispiel in der Sonne erwärmt und ölartige Bestandteile austreten. Die Kriechwirkung tritt schon bei 20, 30 Grad Celsius ein“, erklärt er, „die Idee war, dass zum Beispiel Schweißfalze durchdrungen werden.“ Das sind Stellen, an denen Bleche aufeinandergelegt und verschweißt werden, um Bauteile zu verbinden. Sie gelten als neuralgische Punkte. Mike Sanders Fett verhindert das Eindringen der Feuchtigkeit in die Falze; auch auf bereits verrosteten Blechen schützt das kriechende Fett. „Der Trick liegt in der Mischung, also zum Beispiel beim Ölgehalt des Fetts“, erklärt der Einundsiebzigjährige, „die Industrie versucht das Öl herauszukriegen, damit sich das Fett bei Temperaturschwankungen nicht ändert, wir führen es wieder zu.“

          Aus technischer Sicht härtet Fett im Gegensatz zum gebräuchlichen Hohlraumwachs nicht aus, und es gibt keine Rissbildung, was sich gerade bei einem über fünf Jahre dauernden Test der Zeitschrift „Oldtimer Markt“ zeigte. Von 27 getesteten Produkten gingen die ersten fünf Plätze an Fette, erst dann folgten die Wachse. Sander musste sich mit seinem Fett knapp mit dem zweiten Platz begnügen, Platz eins ging an den rund doppelt so teuren Mitbewerber TimeMax. Sanders Korrosionsschutzfett muss bei der Verarbeitung wie erwähnt erhitzt werden und kühlt anschließend in den Hohlräumen ab - sicherlich nicht jedermanns Sache. Zahlreiche Werkstätten und Hobbyschrauber setzen da auf leichter zu verarbeitende Produkte wie Fluid Film oder Wachse.

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          Autos aus den 1960er und 70er Jahren

          Überhaupt die Anwendung: Für welche Autos ist es denn eigentlich geeignet, Herr Sander? Wer jetzt Marketingsprüche erwartet, wird enttäuscht. Sanders kann wohl nicht anders, als sich Zeit zu nehmen, zu beraten und zu dozieren. „Bei einem Mercedes-Benz 210 Kombi raten wir zu! Aber ein rostiger 124er mit etlichen 100.000 Kilometern auf dem Tacho? Nein. Mit dem willst du doch nicht als Oldtimer herumfahren!“ Überhaupt lohne sich das Ganze sowieso nicht bei Autos, die viele Kilometer fahren, oder bei hoher Laufleistung. „Und auch nicht bei Vorkriegsautos, die Leute wollen sich da doch nicht die Hosenbeine mit Fett vollschmieren!“ Denn bei Sonne aus den Hohlräumen austretendes Fett ist bei Mike Sanders Produkt systemimmanent - echte Freaks begrüßen jede neue Fettnase auf dem Lack mit einem glücklichen Jauchzer.

          Aber es bleiben ja noch ein paar Autos zum Versiegeln übrig. „Meist sind es Fahrzeuge aus den 1960er und 70er Jahren - Autos mit vielen Hohlräumen,“ sagt Sander. Bekannte Roster oder Fahrzeuge im Geländeeinsatz wie der Land Rover Defender mit seinem komplizierten Stahl-/Alu-Mix im Aufbau kommen auch gern schon in jungen Jahren zur Vorsorge. Und gerade beginnen sich die Fahrzeuge aus den 1980er Jahren als Sammlerobjekte zu etablieren, da gibt es noch viele Hohlräume zu schützen.

          Wobei Sanders Fett übrigens ein deutsches Phänomen ist. Zwar gibt es Vertriebsstationen in etlichen europäischen Ländern, aber nirgends ist es so verbreitet wie hier. Um die 200 Werkstätten „sandern“ in Deutschland Autos. Damit steht der Name in einer Reihe mit Kärchern oder Flexen. Der Erfolg seiner Hohlraumversiegelung hängt freilich immer auch von der Werkstatt ab. Viele Hohlräume sind schlecht oder nur mit viel Aufwand zugänglich. Gerade für Laien zeigt sich der Erfolg erst, wenn das Auto auch Jahre danach nicht rostet. Das weiß auch Fettpionier Sander, denn viele Kunden wollen ihr Auto explizit bei ihm in Horst versiegeln lassen. „Eigentlich müsste man alle Verarbeitungsbetriebe kontrollieren“, sagt er. Wenn die Versiegelung dann letztlich gut gemacht ist, ist das für den Norddeutschen Sander gelebter Umweltschutz: was nicht verrostet, muss nicht neu gebaut werden - ganz einfach.

          Quelle: F.A.S.

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