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Mercedes-Benz 450 SEL : Alle Aufmerksamkeit gilt hinten rechts

Ein Klassiker, jung wie nie: Mercedes-Benz 450 SEL 6.9. Gebaut von 1975 bis 1980 Bild: Hersteller

Im Sommer wird die neue S-Klasse von Mercedes-Benz eingeführt. Vollgestopft mit Assistenzsystemen. Wie war das bloß, als es noch keine gab? Eine Ausfahrt in der letzten S-Klasse, in der nur der Fahrer zählte. Und der Direktor.

          Mai 1992. Rostock. Eintracht Frankfurt hat die Deutsche Fußballmeisterschaft so gut wie sicher. Das letzte Spiel steht an, auswärts bei Hansa Rostock. Vier Freunde aus Frankfurt packen Trikots und Fahnen zusammen und ein paar Kästen Bier für die bevorstehende Meisterschaftsfeier. VW Golf und Opel Kadett, beide nicht das frischeste Baujahr, stehen für die lange Fahrt in den Osten bereit. Da fällt dem einen ein, sein Vater werde zu diesem historischen Ereignis womöglich sein Auto bereitstellen. Er tut es, und so macht sich das Quartett mit einem weißen Mercedes-Benz 450SEL 6,9 auf den Weg.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Der Verlauf des Spiels ist über die Grenzen der Eintracht und ihrer Fans bekannt. Nach der stillen Trauer vor Ort blieb eine quälend lange Rückfahrt über schlechteste Straßen samt diverser Umwege mangels Beschilderung. Für unsere jüngeren Leser: Navigationsgeräte gab es damals noch nicht. In Erinnerung sind aber nicht nur der große Polizeieinsatz samt Straßensperren weit vor dem Stadion, die rüden Verbalattacken einiger sogenannter Rostocker Fans gegen Frankfurter Spieler, der tragische Fehler des Schiedsrichters und das Blei in den Schuhen der Kicker vom Main, sondern auch die luxuriöse Form des Transports.

          Mitte der Siebziger war die S-Klasse konkurrenzlos

          Auch wenn der Mercedes damals schon fünfzehn Jahre auf dem Buckel hatte, so gehörte er doch noch immer in die Spitze der Automobilwelt. Zur Zeit ihrer Markteinführung Mitte der siebziger Jahre war diese S-Klasse vermutlich konkurrenzlos, nein, sie war sicher konkurrenzlos, wissen ihre Entwickler.

          Februar 2013. Öhringen. Vor dem zur Würth-Gruppe gehörenden Schlosshotel Friedrichsruhe parkt ein 450 SEL 6,9 in Hellblaumetallic. Baumuster 116.036, Konstruktionsbezeichnung V 116 E 69, gebaut von September 1975 bis Mai 1980. Es ist die letzte S-Klasse, die ohne Assistenzsysteme hergestellt wurde. Es gibt kein ABS, kein ESP, von Spurhalteassistenten oder Pausenwarnern mit ihren etwas albern dampfenden Kaffeetassen im Rundinstrument ganz zu schweigen. Nur eine Servolenkung darf der Chauffeur genießen.

          Sonst nichts. So gut wie nichts. „Vier Kopfstützen an den Vorder- und Rücksitzen sind in Verbindung mit den automatischen Drei-Punkt-Sicherheitsgurten der bis heute optimalste Schutz bei Frontal-Zusammenstößen und Auffahrunfällen“, meldet die Presseinformation im Mai 1975. Wie um Himmels willen konnte dieses Auto seinen oftmals hinten rechts sitzenden Eigner sicher über die Straßen befördern? Es konnte, und wie.

          Kein ABS, kein ESP: die letzte S-Klasse, die ohne Assistenzsysteme hergestellt wurde. Nur eine Servolenkung darf der Chauffeur genießen Bilderstrecke
          Kein ABS, kein ESP: die letzte S-Klasse, die ohne Assistenzsysteme hergestellt wurde. Nur eine Servolenkung darf der Chauffeur genießen :

          Die Rundstrecke um Öhringen ist 35 Kilometer lang, und sie ist eine echte Teststrecke auf öffentlichen Wegen. Die Entwickler von Mercedes-Benz haben sie jahrzehntelang zur Fahrwerksabstimmung genutzt. An diesem Tag im Februar greift Karlheinz Bühler noch mal ins Lenkrad, der Meister des SEL-Fahrwerks. Mit dreizehneinhalb Jahren stellte sich der aus Nagold stammende Bühler bei Daimler im fernen Stuttgart vor und wurde mit den Worten „Du bist noch arg jung und schmächtig“ wieder nach Hause geschickt. Ein Jahr später, im Frühjahr 1958, wurde er eingestellt, zog ins Ausbildungsheim auf dem Werksgelände und machte seine Lehre zum Kraftfahrzeugmechaniker.

          Es folgten 48 Jahre Daimler und das Glück, dass seine besondere Gabe entdeckt worden ist: Bühler hat das Popometer. Er spürt einfach, ob ein Auto gut oder schlecht liegt. Computeranalyse? Damals Fehlanzeige. „Wir hatten mehrere Sätze Federn und Dämpfer dabei. Die wurden jeweils getauscht, dann wurde wieder eine Runde gefahren, dann wieder getauscht. 15 Minuten dauerte der Umbau jedes Mal. Dazu gab es Temperaturfühler und einen 9-Punkt-Drucker vor dem Beifahrersitz. Das war’s. Die Einstellungen mussten wir erspüren.“

          Diese Modellreihe des SEL profitierte zudem von der Einmaligkeit eines hydropneumatischen Fahrwerks, das allein mit seinen 38 Leitungen, unzähligen Verbindungsstücken und Dichtungen ein Meisterwerk komplizierter Technik ist. „Die neue, erstmals bei Daimler-Benz verwendete hydropneumatische Federung übertrifft die vom 300 SEL 6,3 her bekannte Luftfederung und ist im Prinzip eine Gasfederung mit einer hydraulischen Niveauregulierung. Zur Konstanthaltung des Fahrzeugniveaus wird das Ölvolumen in den Federbeinen durch eine Druckölanlage vergrößert oder verkleinert und durch zwei Niveauregler an Vorder- und Hinterachse über die Querstabilisatoren automatisch gesteuert“, hieß es 1975.

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