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Mercedes A-Klasse : Der verschmähte Käufer

A-Klasse, noch als Konzeptauto, aber mit eindeutigen Hinweisen: So wie bisher soll es nicht weitergehen Bild: Hersteller

Die neue Mercedes A-Klasse wird jünger und dynamischer. Der Einser-BMW ist das Vorbild. Viele ältere Fahrer der A-Klasse werden sich neu orientieren müssen.

          Auch die Autogeschichte kennt die Ironie: Just in den Boom-Zeiten der alternativen Antriebe und neuer Kompaktformate schickt Mercedes seine seit 1998 in zwei Generationen gebaute A-Klasse aufs Altenteil. Der Nachfolger ist zwar von flottem Wesen, aber auch von konventioneller Machart. Ein Geniestreich wie mit der ersten A-Generation kann eben nicht alle Tage gelingen. Sie wurde trotz des Elchtest-Umkippers zum Vorbild etlicher Kompaktautos und verhalf dem Bremshilfeprogramm ESP zum Durchbruch.

          Wolfgang Peters

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Mit dem Ende der zweiten A-Generation verschwindet das eigentlich am besten für die Zukunft gerüstete Auto aus dem Mercedes-Programm. Denn die A-Klasse fuhr zwar ohne Netz, aber mit doppeltem Boden. Dieser war für die kommenden Alternativantriebe vorgesehen: Er könnte zum Beispiel die Batterien des Elektroantriebs oder die Brennstoffzellentechnik aufnehmen.

          Künftig andere Strategie

          Aber Mercedes-Benz verfolgt mit seiner neuen A-Klasse und mit dem verwandten, pünktlich zur IAA 2011 neu aufgelegten, größeren B-Modell künftig eine andere Strategie in diesem Segment des Marktes. Von 2012/2013 an soll die neue A-Klasse mit anderen Werten punkten. Dabei hat die Marke mit dem Stern die Marke mit dem weißblauen Rundwappen anvisiert: Der Einser von BMW ist ungewöhnlich erfolgreich und bei Mercedes weiß man auch, warum. Denn die Bayern haben ihren Kompaktwagen von Anfang an so ausgelegt, dass aus dem Single-Einser rasch eine Einser-Familie werden konnte.

          Nach dem Start des viertürigen Einser-BMW wurden kurze Zeit danach eine Version mit zwei Türen und Heckklappe, ein Coupé und darauf basierend ein Cabriolet mit Stoffverdeck nachgeschoben. Über eine kleinere Stufenhecklimousine wird noch gegrübelt. Schließlich setzte BMW mit dem Einser M Coupé (250 kW/340 PS) noch eins drauf. Während die Münchner frohlockten, stieg den Mercedes-Männern die Zornesröte ins Gesicht.

          Verjüngungskur auch von hinten
          Verjüngungskur auch von hinten : Bild: Hersteller

          Denn da konnte Mercedes auf der Basis der A-Klasse mit einer vergleichsweise schwächlichen Turboversion (142 kW/193 PS) nicht gegenhalten. Lediglich eine A-Variante mit zwei Türen (wurde optimistisch als Coupé definiert) mochte man bei Mercedes noch hinzufügen. Was kein wirklicher Erfolg wurde: Ende 2010 wurde die Coupé-Produktion eingestellt.

          Seit drei Jahren ist der kleine BMW der hoch bauenden und schmalschultrigen A-Klasse auf dem deutschen Markt weit voraus. Mit ihrem Verkauf geht es seit 2007 bergab. Das gilt auch für die größere B-Klasse, die aber im Prinzip die Konstruktionseckpunkte und das One-Box-Design übernommen hat. 2007 verkaufte Mercedes-Benz hierzulande noch rund 62.000 Stück, im Jahr 2010 waren es noch etwa 51.500. Und die Zahlen bröckeln weiter: Von Januar bis August 2011 rollten in Deutschland knapp 35.000 Einser zu den Kunden, aber nur 22.500 Exemplare der A-Klasse wurden abgesetzt. Und die Einser-Baureihe trifft erst in diesem Herbst in ihrer Neuauflage wirklich bei den Kunden ein.

           A-Klasse als Einstieg zum Aufsteigen

          Für den gebremsten Erfolg der A-Klasse und den Missmut der Mercedes-Manager gibt es viele Gründe: technische und stilistische sowie strategische. Gleichzeitig erscheint der Rückzug von Mercedes-Benz aus dem Segment der kompakt-pragmatischen Kleinwagen (die neue B-Klasse rangiert weit darüber, etwa da, wo die Omnibusse anfangen) voreilig und unnötig. Denn Mercedes hat mit der ersten A-Klasse aus dem Nichts ein eigenes Segment der nicht unschicken Kleinwagen entstehen lassen, die es vorher in dieser Form nicht gegeben hatte: praktisch zum Einsteigen, mit leicht erhöhter Sitzposition und guter Übersichtlichkeit und ausreichenden Mengen an Stauraum und Fahrkomfort.

          Dazu kam auch in der A-Klasse die vorbildliche passive Sicherheit von Mercedes. In der Summe eben ein Auto für Menschen, die nicht unbedingt auf jeden Euro achten mussten und eher mit Vernunft als mit Vergnügen einkauften. Doch gerade diese Klientel möchte Mercedes nicht mehr mit der A-Klasse bedienen: den älteren Herrn mit weißem Schopf, der ein Leben lang nur den großen Mercedes gefahren ist und nun im Alter der Marke die Treue halten will. Hausfrauen, Kleinfamilien, Kindergärtnerinnen, Krankenschwestern und Nonnen fahren A-Klasse. Alles Kunden ohne jegliche Ambitionen, die A-Klasse als Einstieg zum Aufsteigen zu begreifen.

          Verschmähte Synergie-Effekte

          Den vielleicht größten Fehler müssen sich die Strategen anrechnen lassen. Sie planten die A-Klasse ausschließlich mit dem Blick auf Europa, ohne weitere Versionen für andere Regionen realistisch anzugehen. Zwar waren immer wieder weitere Varianten (ein Kombi, ein Roadster-Coupé oder ein Pick-up) in der Gerüchteküche unterwegs, aber sie verschwanden schneller, als sie aufgetaucht waren. Und die Modellmacher gaben ihr mit dem Selbstbewusstsein ihrer Ingenieurzunft technische Merkmale mit, die sonst nirgends bei Mercedes-Mobilen zu finden waren: Natürlich mit Frontantrieb, mit einer fast extraterrestrischen Unikatsplattform und einer Antriebseinheit, die speziell entwickelt und ausschließlich in der A-Klasse eingesetzt werden konnte, wurden Synergie-Effekte verschmäht, noch ehe sie auftreten konnten. Die aufstrebenden Märkte in Fernost und der immer wieder erstarkende amerikanische Markt konnten mit der konsequent, aber unversöhnlich eigenwillig gestalteten A-Klasse nichts anfangen.

          Der A-Klasse-Zielgruppe bleibt in ihrer künftigen Unbehaustheit ein schwacher Trost. Wenn sie sich mit der neuen, vor allem dynamisch-forsch wirkenden Baureihe nicht anfreunden mag, dann könnte sie zum künftigen Viertürer-Smart greifen. Aber das ist dann wegen der intensiven Kooperation der Konzerne mehr ein Renault-Nissan-Smart. Vor allem: es ist kein Mercedes.

          Quelle: F.A.S.

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