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Neue Strategie : Harleys Flucht nach vorn

Für 2020 ist die Markteinführung der Reiseenduro Pan America 1250 geplant. Bild: Hersteller

Harley-Davidson hat einen mutigen und radikalen Plan. Das Unternehmen will aus seiner Cruiser- und Klassik-Ecke ausbrechen. Dafür gibt es einen einfachen Grund.

          Alle Wege führen bekanntlich nach Rom. Wie viele nach Milwaukee führen, wissen wir nicht. Auf jeden Fall sollen es mehr werden. „More Roads to Harley-Davidson“ heißt das Wachstumsprogramm, das sich der Motorradhersteller verschrieben hat. Es handelt sich um einen mutigen, radikalen Plan: Harley-Davidson ergreift die Flucht nach vorn.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Zweierlei ist erstaunlich an diesem Plan. Zum einen das Ausmaß der in der vorigen Woche angekündigten Veränderungen, der Ruck, mit dem die Unternehmensspitze das Ruder herumreißt. Zum anderen die Tatsache, dass die Amerikaner sich überhaupt so gründlich in die Karten schauen lassen. Ehernes Gesetz im Hauptquartier von Milwaukee war es bisher, über kommende Modelle nicht zu sprechen. Niemals! So etwas war stets Verschlusssache. Nur eine Ausnahme gab es: Mitte 2014 zeigte Harley-Davidson sein Projekt Livewire, den Prototyp eines im Geheimen entwickelten Elektromotorrads. Ziel war es, herauszufinden, wie das Publikum reagieren würde, falls so etwas auf den Markt gebracht würde.

          Nun lehnt sich die Chefriege um Harley-Boss Matt Levatich weit aus dem Fenster, gibt detailliert Auskunft darüber, was in den nächsten Jahren zu erwarten ist. Die Livewire wird tatsächlich kommen, schon im August 2019. Das große Foto oben links zeigt die Hochvolt-Harley möglicherweise bereits in der Serienfassung, die dem Prototyp noch ähnelt, aber im Design wesentlich verfeinert wurde. Inwieweit sich etwas an den wenigen damals genannten Daten – 55 kW, 70 Nm, 148 km/h, 209 Kilo – geändert hat, ist ungewiss.

          Als sicher dagegen gilt, dass der Livewire bis 2022 weitere Strom-Harleys folgen, darunter leichte, sehr agile Zweiräder. Wie man sich dergleichen vorstellen kann, veranschaulichen die beiden oben rechts abgebildeten Skizzen. Manche Überlegungen scheinen in die Richtung von Gerätschaften zu gehen, die einem Elektrofahrrad ähnlicher sind als einem elektrischen Motorrad.

          Die Livewire sieht serienreif aus und tritt schon 2019 an. Bilderstrecke

          Die bestehende Palette von Cruisern und Tourern im klassischen Stil soll nicht verschwinden. Harley-Davidson kündigt an, sie zu verbessern, und zwar „in einer Art und Weise, die sich kaum jemand vorstellen kann“, wie es in einem in diesen Tagen verbreiteten Videoclip heißt. „Einige der Dinge, die wir tun, werden für Kopfschütteln sorgen.“ Das klingt spannend, noch spannender wird sein, wie die Amerikaner sich in Marktsegmenten schlagen werden, die sie bisher gemieden haben und jetzt erobern wollen. Die für 2020 angekündigte Großenduro Pan America 1250 beispielsweise (untere Reihe links) muss sich gegen Platzhirsche von BMW, Ducati, Honda, Kawasaki oder Triumph beweisen. Ist die Pan America nicht von Anfang an auf Augenhöhe mit den Etablierten, wird sie scheitern.

          Nicht nur sie. Einer neuen modularen Plattform mit vier Hubraumgrößen (500 bis 1250 Kubik) in drei Kategorien (Enduro, Custom, Streetfighter) sollen bis 2022 diverse Motorräder entspringen. Ein sportlich agiler Streetfighter mit 975 Kubik (unten Mitte) soll schon 2020 zur Stelle sein, ebenso ein 1250-Kubik-Custom-Modell (unten rechts) Letzteres könnte der Vorbote einer Modellfamilie sein, die einmal die heutige, in die Jahre gekommene Sportster-Baureihe ablöst. Darüber hinaus hat sich Harley-Davidson vorgenommen, in Zusammenarbeit mit einem asiatischen Hersteller erschwingliche Maschinen für die Märkte Asiens, vor allem Indien, anzubieten. Das dürften schlanke Einzylinder-Maschinen sein, die Rede ist von 250 bis 500 Kubik. Wer der Kooperationspartner ist und ob dies überhaupt schon feststeht, lassen die bisherigen Verlautbarungen offen.

          Dass Harley-Davidson aus seiner Cruiser- und Klassik-Ecke ausbricht und Chancen in anderen Segmenten sucht, hat sicher auch mit zunehmendem Druck durch die Konkurrenz auf Harleys angestammtem Terrain zu tun. Neue Vertriebsmethoden, Veränderungen im Händlernetz sollen dazu beitragen, die Marke zu verjüngen, das Geschäft in der amerikanischen Heimat wieder anzukurbeln, asiatische Märkte zu erobern, junge Kunden fürs Motorradfahren zu gewinnen, Umsätze und Gewinne zu steigern. Spannung ist garantiert, nicht nur wegen der Livewire.

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