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Fahrsicherheit : Kinder bis vier Jahre sollten rückwärts sitzen

Rückwärts ist besser: Schwedens Kinder fahren am sichersten Bild: Hersteller

In Schweden wird die Sicherheit im Auto besonders groß geschrieben. Gerade wenn es um den Schutz der Kinder an Bord geht, investiert Volvo viel Geld in Crash-Tests. Ein Ergebnis dieser Forschung: die richtige Sitzposition rettet Leben.

          Es ist ein regnerischer Sonntag. Ein Volvo V70 fährt in zügigem Tempo über eine Landstraße. In einer Linkskurve schleudert plötzlich ein Mercedes auf den Kombi zu, der Volvo-Fahrer hat keine Chance auszuweichen, alles geht zu schnell. Ein fürchterlicher Unfall: Fahrer und Beifahrerin im Volvo sind trotz angelegter Gurte und Airbags schwer verletzt. Ihre fünfjährige Tochter im Kindersitz hinter dem Fahrer bricht sich das Bein. Aber ihrer zehn Monate alten Schwester, die im Kindersitz hinter ihrer Mutter sitzt, kann niemand mehr helfen. Genickbruch, sie ist tot.

          Frank Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Es schmerzt Lotta Jakobsson, Expertin für Kindersicherheit im Sicherheitszentrum von Volvo in Schweden, diese Geschichte zu erzählen, sie ist selbst Mutter zweier Kinder. Aber das Mädchen würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch leben, hätte es nicht in Fahrtrichtung, sondern rückwärts gesessen. „Bis zum Alter von drei, vier Jahren sollten, ja müssen Kinder so sitzen“, mahnt Jakobsson. Erst von diesem Alter an sei die Hals- und Nackenmuskulatur so ausgeprägt, dass sie den bei solch einem Unfall kurzfristig sehr hohen Belastungen standhalten könne. Und je älter das Kind werde, desto leichter werde sein Kopf im Verhältnis zum Rest des Körpers. So mache bei einem Baby der Kopf fast ein Viertel des Körpergewichts aus, bei einem Erwachsenen seien es nur sechs Prozent. Außerdem sind die Kinder irgenwann schlicht zu groß, um „falsch herum“ mitzufahren.

          Jährlich gut 220 Crash-Tests

          Lotta Jakobsson weiß, wovon sie spricht. Schon seit 1970 wertet Volvo regelmäßig Unfälle aus, in die Fahrzeuge des schwedischen Herstellers verwickelt sind. Alle schweren Crashs, die sich im Umkreis von 100 Kilometern um Göteborg, den Stammsitz des Autobauers, ereignen, werden dem Forschungsteam gemeldet. Rund 100-mal im Jahr rückt es aus, wobei die neuen Volvo im Fokus der Forscher stehen. Außerdem werden spektakuläre Unfälle aus ganz Europa wissenschaftlich untersucht.

          Doch das Gros der Erkenntnisse kommt aus den Resultaten der jährlich gut 220 Crash-Tests, die Volvo in seinem Sicherheitszentrum absolviert. Mitfahrer sind stets Dummies, große und kleine, also „Kinder“ und „Erwachsene“, die mit Sensoren bestückt sind und über die Belastungen, die bei den Kollisionen auftreten, informieren (noch einmal so viele Versuche werden im Auftrag für die Konzernmarken Land Rover, Jaguar, Ford und Aston Martin abgewickelt).

          Aufwendige Montage

          Sicherheit ist ein teures Vergnügen. Ein kompletter Dummy kostet bis zu 100.000 Euro, jeder Crash rund 30.000 Euro, ohne die Fahrzeuge. Die Auswertung eines Versuchs dauert eine bis zwei Wochen. Und aus solchen Tests kennt man genau die Belastungen, denen kleine Kinder bei einem Unfall ausgesetzt sind, auch wenn sie in einem Vorwärts-Kindersitz vermeintlich sicher sitzen.

          Ganz generell würden auch Erwachsene im Auto besser geschützt, säßen sie gegen die Fahrtrichtung. Kinder im Rückwärts-Sitz überstehen mehr als 90 Prozent der Unfälle unbeschadet, bei einem Vorwärts-Sitz beträgt diese Quote nur 75 Prozent. Lotta Jakobsson weiß sehr wohl, dass es außerhalb Schwedens mitunter schwierig ist, Rückwärts-Sitze für größere Kinder zu bekommen. Es müsse aber ein Umdenken stattfinden. Sicherheit gibt es nicht zum Nulltarif. Ein Rückwärts-Sitz kostet rund 350 Euro, und die Montage ist durchaus aufwendig, muss gewissenhaft geschehen und kann rund eine Viertelstunde dauern. Das Wohl des Kindes müsse aber im Vordergrund stehen. Wenn das Kind vorn rückwärts mitfährt, muss zwingend der Airbag abgeschaltet sein. Ist er es nicht, kann er das Kind bei einem Unfall erschlagen.

          Schweden hat die beste Quote

          Obwohl Volvo schon 1964 den ersten Protyp eines rückwärtsgewandten Kindersitzes vorstellte und acht Jahre später das Modell serienreif hatte, bietet das Unternehmen heute kein eigenes Produkt in dieser Klasse, sondern empfiehlt Britax. Der englische Hersteller hat in Schweden ein zweiteiliges System parat, bei dem zunächst das Baby in der auch in Deutschand bekannten Schale (bis zirka ein Jahr), später in einem „Rearward Seat“ mitfahren kann. Für die größeren Kinder (ab vier Jahre) hat Volvo seit kurzem einen eigenen Sitz auf dem Markt, Booster genannt. Hier werden die Kinder mit dem herkömmlichen Dreipunktgurt angeschnallt. Sind sie größer, kann man das Sitzkissen allein benutzen ohne das Rückenteil. Auch hier gelte die Regel, dass die Kleinen so lange wie möglich den Sitz und die Erhöhung benutzen sollten. Man solle nicht zu früh auf einen Sitz verzichten, auch wenn die Kinder maulten. Das erfordere natürlich Konsequenz, sagt Mutter Jakobsson. Bei einer Größe von 1,40 Meter an brauche man dann die Erhöhung nicht mehr.

          Die in Schweden allgemein großen Anstrengungen um die Verkehrssicherheit (aktiv wie passiv und städtebaulich) schlagen sich durchaus in der Statistik nieder. Schweden ist für große und kleine Autofahrer das sicherste Land der Welt. 2006 starben 445 Menschen bei einem Autobestand von 4,5 Millionen. Eine bessere Quote hat niemand.

          Quelle: F.A.Z., 15.05.2007, Nr. 112 / Seite T3

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