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Fahrrad-Ausstellung : Alte Nachrichten vom urbanen Lebensstil

Kommt ein Fahrrad geflogen, das Plakatmotiv zur Hamburger Ausstellung. Bild: Foto Björn Lexius / Museum der Arbeit

Das Fahrrad ist gerade wieder angesagt wie schon lange nicht mehr. Eine Ausstellung im Hamburger Museum der Arbeit trägt dem Hype Rechnung. Sie ist nicht nur für Fahrradfreunde sehenswert.

          Das dritte Obergeschoss des Museums der Arbeit in Hamburg-Barmbek hat eine Fläche von 650 Quadratmetern, sagt Professor Rita Müller, die Hausherrin. Wenn man die Werte zum Beispiel einer städtischen Stellplatzverordnung aus Südhessen zugrunde legt, würde dieses Stockwerk also Raum für 433 Fahrradparkplätze bieten. Bis 2015 zeigt das Museum nun mehr als 100 Fahrräder – an sich müsste man sagen: Fahrzeuge – aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert. Um diese dreistöckig angeordnete Galerie herum – ihre rarsten und teuersten Exponate sind außer Griffweite nach oben sortiert – versucht die Ausstellung mit dem Untertitel „Kultur, Technik, Mobilität“ die ganze Fahrradwelt und 200 Jahre Geschichte der Mobilität in den Griff zu bekommen. Kann das gutgehen?

          Hans-Heinrich Pardey

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Wer sich fortgesetzt mit dem Fahrrad als Fortbewegungsmittel, aber auch als sammelnswertem Gegenstand und mit seiner Technik befasst, der muss über zweierlei einfach staunen: Erstens ist so gut wie alles seit Anfang des 20. Jahrhunderts schon einmal sehr ähnlich da gewesen. Es wird wiederentdeckt und als der letzte Schrei gepriesen. Dennoch geht die Entwicklung weiter: Die alten Ideen werden mit neuen Materialien realisiert und funktionieren endlich – oder aber immer noch nicht richtig. Folgerichtig werden sie – manche dann schon zum wiederholten Male – ad acta gelegt, bis jemand, der noch jünger ist, sie wieder ausgräbt, modifiziert und abermals als das Ei des Kolumbus anpreist.

          Das Fahrrad als „Fortbewegungsmittel der Stunde“

          Zweitens lässt das ständige Auf und Ab aus höchster Wertschätzung und stiller Verachtung, womit das Fahrrad im Wechsel behandelt wird, nur schmunzeln und den Kopf schütteln: nicht zuletzt deshalb, weil die verschiedenen Perioden ihrer Kürze wegen in einem Lebensalter zu beobachten sind. Momentan hat eine Generation, die seit dem Kindergartenalter gar nichts anderes kannte, als mit dem Auto durchs Leben gekarrt zu werden, die Freuden der Selbstbewegung für sich entdeckt. Sie begeistert sich – vor allem als (Groß-)Stadtbewohner – für das Fahrrad, weil die negativen Begleitumstände der Auto-Monokultur zurückliegender Jahrzehnte besonders im urbanen Raum unübersehbar geworden waren. Die Hamburger Ausstellung ist ein Baby genau dieser Generation.

          So ist denn fröhlich davon die Rede, das Fahrrad sei das „Fortbewegungsmittel der Stunde“. Dass das „im ländlichen Raum“, wie die Verkehrspolitik das zu nennen pflegt, weithin noch ganz anders aussieht, blendet die von Kurator Mario Bäumer besorgte, etliche Leihgaben aus großen und kleineren Technik-Museen versammelnde Sonderausstellung aus. Was dem wahren Fahrradfan gar nichts Neues ist, dass nämlich sein Rad zur Demonstration von Lifestyle und als Statussymbol taugt, das wird in Hamburg als brühwarme Neuigkeit serviert. Von einer eben mitzuerlebenden „Renaissance“ des Fahrrads ist tatsächlich die Rede, und auf die sechziger Jahre wird zurückgeblickt, als ob man mittelalterliche Finsternis vor sich habe.

          Zwei, drei Liegeräder

          So hat die zu weiten Teilen durch die Laufmaschinen und „Knochenschüttler“, die „Safetys“ und die glücklicherweise in der Versenkung verschwundenen Prototypen historisch geprägte Ausstellung auch einen Zug des Ahistorischen. Sie kann nur Ausschnitte bieten, Themen und Entwicklungen bloß anreißen: Zwei, drei Liegeräder zum Beispiel, ja, an denen kommt man vorbei, aber die vermitteln keinen Begriff davon, welche Fülle sich allein auf diesem – einem der kleinsten – Spezialgebiet der Fahrradtechnik entwickelt hat. „Das Fahrrad“, wie der Titel der Ausstellung statuarisch tönt, ist solch ein Riesenthema, damit ließe sich das ganze Haus und nicht nur ein Stockwerk füllen.

          Wer mit einiger Kenntnis durch die Ausstellung schlendert, wird dies und das vermissen, was zum Teil im Katalog Darstellung findet. Beispiele: der historische, aber auch der heutige Fahrradtourismus. Oder der Breitensport, der in der jüngeren Vergangenheit ganz neue Formen entwickelt hat. Andererseits kann man sich von Fall zu Fall wundern, was ins Rampenlicht gestellt wird. Denn die Wahl ist nicht bloß hier und da eher aufs Kuriose und Laien Verblüffende gefallen denn auf das, was die Entwicklung tatsächlich weiterbrachte. Weniger vorinformierten Besuchern macht die Ausstellung jedoch deutlich, wie groß das Thema Fahrrad überhaupt ist: dass unser Freizeit- und Alltagsvehikel vom Militärwesen bis zur Kunst und von der Verkehrsinfrastruktur bis zum Sport vielfältig mit der Wirklichkeit verknüpft ist.

          Die Ausstellung zwingt den Besucher lobenswerterweise nicht dazu, lange Erläuterungstexte zu lesen. Sie setzt eher auf Interaktion, ob auf dem Ergometer mit filmisch abgespulter Strecke, beim Anheben eines Karbonrahmens oder mit dem über den Sattel eines Hochrads geschwungenen Bein. Was an Ausführlichkeit und inhaltlicher Tiefe vor den Gegenständen fehlt, macht das Buch, das sich bescheiden Katalog nennt, wett. Hier ist nicht einfach aufgeführt, was in der Ausstellung zu sehen ist, sondern der Band versammelt Aufsätze verschiedener Autorinnen und Autoren und bietet dazu mit sehr gut gedruckten Abbildungen eine Menge Material, das keinen Platz in der Ausstellung gefunden hat.

          Sehenswert und deshalb zu besuchen? Unbedingt, nicht nur für Fahrradfreunde.

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