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Fahrtbericht Chrysler 300C Touring 3.0 : Im Westen doch was Neues

  • -Aktualisiert am

Ein mächtiger Kombi: Der Chrysler 300C Bild: Hersteller

Der Chrysler 300C Touring ist ein mächtiger Kombi, der verschwenderisch mit seinem Raum umgeht. Dafür herrscht Effizienz unter der Haube: Der stramme Dieselmotor ist zurückhaltend beim Konsum.

          Der Wagen ist eine Wucht. Als wäre er direkt aus dem Auto-Drama „Cars“, dem jüngsten Animationsfilm der Pixar-Studios, von der Leinwand gehüpft, steht er nicht in den verschlafenen Gassen von Radiator Springs, sondern in den belebten Straßen von Frankfurt am Main. Er ist auch kein Sproß vom „Cars“-Sponsor GM, sondern er gehört zur Chrysler-Familie. Ein bißchen sieht er aus wie Panzerknackers Lieblingswagen, aber dabei nicht wirklich böse. Schon die Limousine, der Chrysler 300C, war ein erstarrter Guß amerikanischen Anspruchs auf Oberklasse-Weihen, als Touring genanntes Kombi-Modell legt er noch mal nach. Für 39.000 Euro gibt es einen gut fünf Meter langen Wagen, hier in der ganz unamerikanischen Diesel-Ausgabe.

          Raumnot herrscht nirgends im 300C Touring. Das wäre bei einem Radstand von mehr als drei Meter und der stattlichen Breite von 1,88 Metern auch merkwürdig. Alle Mitfahrer genießen üppige Freiheit, allein der mittlere Platz auf der Rückbank ist unbeliebt, da sein Sitzpolster aus Gründen des Designs die beiden äußeren Plätze optisch trennt. Auf dem Wulst sind längere Fahrten unbequem. Das Stauvolumen im Gepäckabteil ist ebenfalls sehr angemessen. 630 Liter passen hier mindestens hinein, unter dem Kofferraumboden gibt es weitere Staufächer, ein praktisches Klapp-Gelaß bietet mit elastischen Netzen die besten Voraussetzungen, prall gefüllte Einkaufstüten vom Markt sicher bis zum Giga-Kühlschrank zu befördern. Mit dem ganz großen Transportvolumen kann der Touring jedoch nicht aufwarten. Die sich Richtung Heck nach unten neigende Dachlinie und die sehr schräg stehende Heckklappe schönen zwar in Verbindung mit der Dachreling samt Trägerpaket (260 Euro Aufpreis) den Auftritt des Amerikaners, geben seiner Form Spannung und Dynamik, schränken aber den Stauraum ein. 1602 Liter passen in den Chrysler, wenn die asymmetrisch geteilten Rücksitzlehnen nach vorn geklappt werden und eine nahezu ebene Ladefläche entstanden ist. Das T-Modell der E-Klasse von Mercedes-Benz, mit dem der 300C Touring einige gemeinsame Gene hat, schafft mehr.

          Kurz summen die Motoren

          Der Fahrerplatz empfängt mit belederter Polsterung (1700 Euro Aufpreis) und serienmäßig elektrischer Einstellung von Sitz und Lenkrad. Wer noch mal 260 Euro drauflegt, kann sogar den Abstand der Pedalerie elektrisch justieren. Kurz summen die Motoren, dann ist eine angenehme Position gefunden. Sie sollte nicht zu niedrig gewählt werden, denn wer einen halbwegs akzeptablen Blick über die Zinnen und Bastionen der Karosserie haben möchte, muß entweder Sitzriese sein oder ein Scherenfernrohr benutzen. In engen Straßen wird deutlich, wie erfolgreich sich die Ecken und Kanten der Kotflügel einer genaueren Kontrolle entziehen, der Chrysler-Fahrer tastet sich immer vorsichtig über schmale Pfade und kann sich wenigstens beim Einparken freuen, daß ihm vom rückwärtigen Geschehen ein Abstandssensor Warnungen zukommen läßt.

          Der Fahrerplatz empfängt mit belederter Polsterung

          Neben dem recht groß ausgefallenen Lenkrad mit einer hübschen Leder-Wurzelholz-Kombination grüßen alte Bekannte. Der Hebel für Blinker und Scheibenwischer, der Schalter der automatischen Geschwindigkeitsregelung und sogar die fußbetätigte Feststellbremse links unter dem Armaturenbrett stammen aus der E-Klasse. Das ist keineswegs störend, sondern angenehm. Denn sie sind mit den üblichen Funktions-Kombinationen ausgestattet, lassen sich leicht bedienen und sehen dabei nicht mal häßlich aus. Eigene Wege schlägt Chrysler bei der Instrumentierung ein. Silbrig wie des alten Büffeljägers Haar glänzen die Zifferblätter, die Skalen sind klar strukturiert und leicht abzulesen. Dazwischen liefert der Bordcomputer Informationen über Fahrtstrecke oder Durchschnittsverbrauch, außerdem zeigt ein Kompaß über Buchstaben oder deren Kombinationen die Himmelsrichtung an.

          Für 1550 Euro Aufpreis bekommt der 300C Touring das Design-Paket, zu dem einige Alcantara-Verzierungen sowie Walnußholz-Einlagen am Armaturenbrett, an den Armauflagen der Türinnenseiten und auf dem Wahlhebel der Automatik gehören. Die Verarbeitung hinterläßt einen guten Eindruck, die Chrysler-Werker haben das Material mit Sorgfalt zusammengebaut.

          Zweitonner wird mächtig angeschoben

          Munter springt der V6-Diesel an. Er klingt ein wenig rauher als im E 320 CDI von Mercedes-Benz, was an einer weniger aufwendigen Schallisolierung liegt. Auch leistet der Selbstzünder unter dem Stern 5 kW (rund 6 PS) mehr als im 300C. Doch genügen 160 kW (218 PS) völlig, um den Zweitonner mächtig anzuschieben. Vor allem das bereits bei niedrigen Drehzahlen einsetzende Drehmoment (maximal 510 Newtonmeter bei 1600 Umdrehungen in der Minute) liegt auf dem Niveau von Mercedes-Benz und bringt den hinterradgetriebenen Chrysler ordentlich in Schwung. Aus dem Stand beschleunigt, überwindet der amerikanische Freund nach 7,9 Sekunden die 100-Kilometer-Marke, danach geht es zügig weiter und erlaubt selbst bei Reisegeschwindigkeiten zwischen 160 und 180 km/h immer noch einen flotten Zwischenspurt. Gut, mit dem größeren Hemi-V8-Triebwerk von Chrysler würden noch eiligere Zeitgenossen zufriedengestellt. Aber die müssen auch einen erheblichen Treibstoffzuschlag entrichten. Der 300C Touring schafft als 3.0 CRD 227 km/h Höchstgeschwindigkeit, verbraucht aber bei moderater Fahrweise nur 7,1 Liter Diesel für 100 Kilometer. Der Durchschnittswert von 8,8 Liter liegt deutlich unter dem angegebenen Norm-Wert des Benziners im Spitzenmodell, der mit 13 Liter Super für 100 Kilometer angegeben wird. Die verbrennt der Diesel-Chrysler selbst bei höchster Leistungsanforderung nicht, 68 Liter im Tank garantieren seltene Tankstellenbesuche. Die Automatik schaltet unaufgeregt durch ihre fünf Fahrstufen, sanft und ruckfrei, manchmal vielleicht etwas behäbig. Die Bremsen arbeiten zuverlässig und packen ordentlich zu, bei hoher Beanspruchung läßt ihre Wirkung jedoch spürbar nach. Die Lenkung ist für amerikanische Verhältnisse wahrlich direkt. Kleinen Bewegungen am Volant folgt der Touring unverzüglich, dennoch ist am Geradeauslauf, vor allem aufgrund des langen Radstands von 3,05 Meter, der den eines T-Modells der E-Klasse um fast 40 Zentimeter übertrifft, überhaupt nichts zu bemängeln. In stoischer Ruhe zieht das Dickschiff seine Bahn. Dafür fährt es schnell an seine Grenzen, wenn die Strecke kurvig wird. Flinke Richtungswechsel quittiert der 300C Touring mit deutlichen Karosserieneigungen, das Quietschen der Reifen prophezeit eine baldige Reaktion des ESP, das dann kräftig bremst und regelt, um den Wagen wieder einzufangen.

          Die Federung ist ebenfalls nicht von der ersten Sorte. Querfugen regen den Touring auf, er wird unruhig, wellige Beläge lassen ihn tanzen wie angetrunkene Square-Dance-Künstler. Der Chrysler-Fahrer lernt diese Unarten bald kennen und begnügt sich eben mit einer eher gemächlichen Gangart, bei der das Roß sich brav am Zügel führen läßt. Bei niedrigeren Geschwindigkeiten bleiben die kleinen Schwächen des Fahrwerks in tolerablen Regionen.

          Der Chrysler hat einen unbestritten starken Auftritt. Stets erscheint er als Blickpunkt im Verkehrsgeschehen, und nicht nur einer der anderen Autofahrer fragt interessiert nach Marke und Leistung. Die ist im sehr angemessenen Umfang vorhanden, und wer viel Platz verlangt, findet ihn ebenfalls im Kombi der amerikanischen Lesart. Sein Preis ist darüber hinaus höchst attraktiv. Vergleichbares kostet bei BMW fast 10.000, bei Mercedes-Benz gut 12 000 Euro mehr. Und dafür kann man sich mit ein paar kleinen Unzulänglichkeiten durchaus anfreunden.

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