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Erwin-Hymer-Museum : Auf Traumstraßen zu Sehnsuchtsorten

  • -Aktualisiert am

Aussteigen und schieben: Die Alpenüberquerung war in den fünfziger Jahren noch eine Herausforderung Bild: Andreas Müller

Häuschen am Haken: Im neuen Erwin-Hymer-Museum in Bad Waldsee kann man sich in die Geschichte des Caravaning vertiefen. Die passenden Fahrzeuge aus fünf Jahrzehnten sorgen für das richtige Ambiente.

          Sie kommen überall hin, die Menschen, die ihr Häuschen hinter sich herziehen oder gleich in einem rollenden Apartment unterwegs sind. In den fünfziger Jahren überquerten sie die Alpen, um ins Sehnsuchtsland Italien zu gelangen, später durchquerten sie Wüsten und Steppen, um sich in Indien erleuchten zu lassen, sie lagen unter dem Sternenhimmel der Sahara und in den Weiten des Wilden Westens - immer unterwegs, aber immer auch daheim. Und mit welchen Vehikeln sie zu ihren fernen Zielen aufbrachen! Ohne Mobilitätsgarantie, aber mit viel handwerklichem Geschick und Ersatzteilen und noch mehr Gottvertrauen.

          Sowohl die technische Entwicklung als auch den kulturhistorischen Hintergrund veranschaulicht ein einzigartiges neues Museum in Bad Waldsee. Dort, gegenüber dem Hymer-Reisemobilwerk, steht ein zweiteiliger Gebäudekomkomplex unübersehbar auf einem Hügel, er hat die Form eines liegenden und eines stehenden Wohnwagenfensters, was eingefleischte Caravaner schon von weitem erkennen. Das zweigeschossige, stehende Fenster mit den charakteristischen runden Ecken ist dank seiner riesigen Glasflächen so lichtdurchlässig, dass man schon von außen die Exponate in ihrem Umfeld sieht. Und von innen kann man bei gutem Wetter bis zu den Alpen gucken.

          Unverkennbar ein Caravanfenster: Durch den lichten Museumsbau kann man hindurchsehen

          Die Urlaubsreise eines Caravaners beginnt mit dem Einräumen seines Fahrzeugs. Das kann dauern, weil ja so viel Zeug mit muss, und davon kann sich der Besucher im „Aufbruchtunnel“ schon mal einen multimedialen Eindruck verschaffen. Und dann geht es endlich auf Tour: mit dem VW Käfer oder Opel Kadett samt Anhänger über fünfzehnprozentige Alpenpässe nach Italien. Auf den Serpentinen in der Ausstellungshalle führt der Weg der ausgestellten Gespanne in genau solchen Steigungen ins Obergeschoss. Da wird sich mancher daran erinnern, dass seinerzeit oft das Kommando kam: Alles aussteigen und schieben!

          Früh verschieden: Der Caravano war Hymers erstes Reisemobil, leider ging Borgward bereits nach wenigen Exemplaren pleite

          Acht Sehnsuchtsorte kann man im Museum ansteuern, und wenn man sie erreicht, findet man sich in einer traumhaften Kulisse wieder, die alle Sinne anspricht. Im Zelt in der Form einer marokkanischen Mokka-Kanne kann man eintauchen in ein orientalisches Ambiente und sich in kurzen Filmen in die Wüste oder auf den Basar entführen lassen. Den Wigwam der amerikanischen Indianer betritt man durch einen Streifenvorhang aus duftendem Leder, man läuft auf gestampftem Lehmboden, sitzt auf Sätteln und kann einen Filmflug über den Grand Canyon erleben, projiziert auf ein gespanntes Kuhfell. Im indischen Ganesha-Tempel, beschallt mit entsprechender Musik, steht „der“ ausgebaute VW Bus, mit dem Tausende durch die Welt zigeunerten.

          Sieht aus wie ein Pferdeanhänger: Selbst für die kleinsten Autos gab es Wohnwagen, hier die kleine Laika am Fiat 500

          So entsteht an jedem Sehnsuchtsort eine authentische Umgebung, dekoriert mit meist originalem Zubehör. Das war oft noch in den Fahrzeugen enthalten, die man Erwin Hymer für seine Sammlung angeboten hat. Jahrzehntelang hat er sie irgendwo gelagert, bis vor zehn Jahren die Idee eines Museums konkretisiert wurde. Seit dem vorigen Wochenende ist es eröffnet, es zeigt 80 Exponate aus einem Fundus von 200. Sie stehen entlang der Traumstraßen, in die meisten kann man hineinschauen oder sogar hineingehen, man hat manchmal den Eindruck, der Besitzer könnte jeden Moment zurückkommen.

          Sehnsuchtsort Indien: Bei passender Musik kann man im Turban-Zelt einen VW T2 begutachten

          Es sind fast nur Originale, die in der Museumswerkstatt aufgearbeitet wurden. Nur wo das ursprüngliche Gefährt nicht mehr existiert, etwa das „Wohnauto“ von Dethleffs, 1931 der allererste Caravan in Deutschland, wird ein Nachbau ausgestellt. Die englischen Globetrotter waren noch früher unterwegs, im Car Cruiser von 1932 gab es sogar schon einen kleinen eingebauten Toiletten-Eimer. Was den unbefangenen Besucher stark beeindruckt, sind die Phantasie und der technische Einfallsreichtum der Camper aus der ehemaligen DDR, die mit ihrem Sehnsuchtsort „Ostsee“ vertreten sind. Man steht staunend vor Gefährten, die aussehen wie Flugzeugrümpfe oder Boote, mit Hubdächern und absenkbarem Fußboden.

          Die Besucher können sich an vielen Stellen selbst in Szene setzen, auch Kinder haben einiges zu tun, und am Ende darf man das Ergebnis seiner Aktivitäten mit nach Hause nehmen. Aber wir wollen hier nicht alles verraten.

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