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Unterwegs mit dem Elektromotor : Drei Räder, drei Reisen, 5000 Kilometer

Deutsche Mittelgebirge mit dem Fahrrad zu durchqueren oder sich mit Gepäck in die Alpen zu wagen, fällt dank eines elektrischen Hilfsmotors leichter - sollte man meinen. Bild: Pardey

Ist das Erlebnis einer Radreise anders, wenn ein Elektromotor den Reisenden vorantreibt? Wir haben drei Räder auf Mehrtagestouren mit Gepäck genauso wie auf alltäglichen Kurzstrecken bewegt.

          Richtige Radreisen sind völlig andere Veranstaltungen als die 45-Kilometer-Etappen von einer Wellness-Oase zur nächsten Sterne-Küche, auf denen der Schrankkoffer im Bus reist - zusammen mit den gerade indisponierten Teilnehmern. Radreisen fängt aber auch nicht erst mit "The Great Divide" über die Rocky Mountains oder mit einer Tour durch die Wüste Gobi an. Um nach 150 Kilometer zu essen, was man noch nie aß, und dabei kein Wort der Einheimischen zu verstehen, genügt auch eine über Schwarzwald oder Schwäbische Alb zurückgelegte Diagonale.

          Hans-Heinrich Pardey

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Deutsche Mittelgebirge mit dem Fahrrad zu durchqueren oder sich mit Gepäck in die Alpen zu wagen, fällt dank eines elektrischen Hilfsmotors leichter - sollte man meinen. Aber da gibt es etwas, das man das Paradox des Systemgewichts nennen könnte. Der hartgesottene Radreisende ist ja häufig ein Purist: Sein Fahrrad darf sehr wohl teuer und es muss besonders stabil sein, aber es soll dabei allen Schnickschnack entbehren. Was nur mit Muskelkraft bewegt wird, soll bei größtmöglicher Robustheit so wenig wie möglich wiegen. Und es soll an dem Fahrzeug keinerlei Technik dran sein, die man nicht selbst - oder äußerstenfalls der legendenumwobene Grobschmied am Hindukusch - notfalls richten könnte.

          Mit solchen Maximen aus der Zeit von Stahlrohr und Rücktritt-Nabe ist es für den elektrifizierten Radreisenden vorbei. Erstens wiegt mit seinem Alurahmen das Pedelec selbst spürbar mehr als ein Rad ohne Akku und Motor. Ein Elektrorad von nackten 25 Kilogramm (was keineswegs die Höchstgrenze ist) über Bahnhofstreppen und in den Zug zu hieven, kann auch ohne Gepäcktaschen zu einer schweißtreibenden Übung werden. Zweitens hat der Pedelec-Pilot auf Reisen einiges bei sich, was der lediglich eigener Wadenstärke vertrauende Radler nicht braucht: etwa den Zweitakku und das Ladegerät, aber auch eine besonders massive Kette zur Sicherung des teuren Rads. Drittens aber, und da gründet das Paradoxon, lässt sich dieses Mehrgewicht eigentlich locker ignorieren.

          Im besten Sinne Mainstream: Koga E-Worldtraveller - wie bei allen Abbildungen mit Modifikationen für unterwegs. Bilderstrecke

          Das gilt zumindest fürs Fahrgefühl, nicht aber, wenn das Gesamtgewicht betrachtet wird. Das summiert sich schnell zu Werten, für die etwa die Reifen nicht gemacht sind. Ein Rechenexempel: Das Pedelec wiege 24 Kilogramm, plus Zweitakku und Ladegerät mit um die vier Kilogramm und einem Fahrer von 80 Kilogramm, doch in den Spezifikationen des Reifenherstellers ist ein maximales Systemgewicht von 115 Kilogramm angegeben. Lassen wir es ruhig bei einem etwas voluminöseren Reifen 121 Kilo samt dem ausdrücklichen Vermerk "E-Bike ready" sein: Auch 13 Kilogramm für alles übrige Gepäck sind rasend schnell beisammen.

          Um das schon von anno dazumal gewohnte Wiegen des Gepäcks und das Hin-und-her-Rechnen kommt man also kaum herum. Auch dem korrekten Reifendruck muss der Elektroradler sorgfältigst Aufmerksamkeit schenken. Wer glaubt, sozusagen zum Ausgleich dafür erhöhe sich die Reisegeschwindigkeit signifikant, der irrt und wird bei seiner Radreise laufend von gut trainierten Unmotorisierten überholt. Beim Planen einer Pedelec-Tour mit Gepäck kann man realistisch von Durchschnittsgeschwindigkeiten zwischen 20 und 23 km/h auf der Straße ausgehen.

          Der Motor wirkt sich auf Reisen allerdings unbedingt positiv aus: Er erhöht die Moral. Der Anblick von unvermeidlichen Steigungen verliert auch im strömenden Regen viel von seinem Schrecken. Dummerweise eingeschlagene Umwege lassen sich leichter verschmerzen. Nach einer Vesper-Pause wieder in den Sattel zu steigen fällt leichter. Mit dem Motor ist es wie im Ovomaltine-Werbespot: Mit kannst du's nicht besser, aber länger. Am Abend, wenn es noch 30 Kilometer sind, tut es einfach gut, auf Power oder Turbo, eben auf "Volle Kraft voraus" drücken zu können.

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