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Fahrrad Meier Cruiser : Das fehlt auf der Eurobike

Softcruiser, Generation IV: Fährt sich besser, als der Anblick vermuten lässt. Warum der Name „meier Cruiser“ draufsteht, ist eine eigene Geschichte. Bild: Hersteller

Am Mittwoch beginnt in Friedrichshafen die größte Fahrradmesse der Welt – die Eurobike. Doch es fehlt ein Cruiser, den sein Entwickler für die Zukunft des Alltagsfahrrads hält.

          Nein, das Fahrrad neu erfunden, das habe er nicht, sagt Helmut Wirkner. Der 73 Jahre alte Maschinenbauingenieur sitzt in seinem gemütlichen Wohnzimmer in Wendelstein bei Nürnberg als quicklebendiger Beweis für die These, dass Fahrradfahren fit hält. Aber das gilt wohl auch fürs Fahrrad-Tüfteln.

          Hans-Heinrich Pardey

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Auf der einen Seite des Kieferntischs hat Wirkner einen Präsentationsmonitor an seinen Notebook angeschlossen. Daneben liegt stoßweise ausgedrucktes Material, Diagramme, eine Rolle professioneller Designskizzen, Schaubilder. Es geht um ein Projekt, das den gebürtigen Sudetendeutschen schon seit rund 25 Jahren beschäftigt: das optimale Alltagsrad. Drei Exemplare, die unterschiedliche Entwicklungsstufen repräsentieren, stehen draußen im Garten.

          Ein Alltagsrad in der vierten Generation

          Begonnen hat die Tüftelei des Helmut Wirkner in den Jahren, als er von Wendelstein aus erst nach Nürnberg (einfache Strecke: 13 Kilometer) und später nach Fürth (einfache Distanz: 25 Kilometer) mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr. Lange war er bei AEG-Kanis angestellt und dort erst für die Betriebsorganisation und später für die IT zuständig. Als pedaltretender Berufspendler erlebte er allerlei: vom Sturz über einen umgeknickten Baum, was nicht zuletzt mit dem funzeligen Licht des Fahrradscheinwerfers zusammenhing, bis zum Aktenkoffer, der vom suboptimalen Gepäckträger herunter und in den Alten Kanal rutschte.

          Nach 1990 baute Wirkner drei Sesselräder, aber die waren ihm im Alltagsgebrauch nicht handlich genug. Er begann den Bautyp des „Softcruiser“ zu favorisieren. So nennt er seine Räder auch heute, wenn man ihn fragt, was sein Alltagsrad eigentlich für ein Typ von Fahrrad sei. Softcruiser ist auch ein Markenname, unter dem Jürgen Steiner („Steinerdesign“) in Pforzheim Räder baut. Eines der Modelle von Steiner, das „SwinG“, zeigt mit seinem aus einem Rohr gebogenen Hauptrahmen ein Erscheinungsbild, dem Wirkners Cruiser prinzipiell folgt. Im Detail unterscheiden sich die beiden Rahmen jedoch.

          Dass auf Wirkners Alltagsrad der inzwischen vierten Generation nun „meier Cruiser“ steht, hängt mit Markus Streck zusammen. Der Werber gibt seit 15 Jahren ein regionales Magazin namens Meier heraus, fährt seit geraumer Zeit eins von Wirkners Rädern, hält das Softcruiser-Konzept für prima und rührt daher die Werbetrommel für das „optimale Alltagsrad“. So hat Entwickler Wirkner selbst sein Ziel definiert, und methodisch, wie er an alles herangeht, hat er von erstens wie „ergonomische Gestaltung / Sitzhaltung“ bis zu zehntens wie „kundenorientierte Vermarktung und Service“ den Weg zu diesem Ziel in zehn Schritte unterteilt.

          Schlechte Gewohnheiten verhindert der Cruiser

          Statt die nun aber alle einen nach dem anderen abzuarbeiten, setzen wir uns erst einmal auf eins dieser Alltagsräder und machen eine Probefahrt. Im Garten steht dafür unter anderem der e-Cruiser, den der Name Franz ziert, weil das der Vorname seines Käufers ist. Der Steuerberater hat das Elektrorad der etwas anderen Art mit einer Anhängerkupplung ausstatten lassen, weil er gern seinen Hund im Hänger mitnimmt. Der Probefahrer lässt sich seine abgrundtiefe Skepsis gegen das Fahrzeug und vor allem die Sitzposition nicht anmerken: Für ihn ist es selbstverständlich, auf einem Fahrrad mit vorgeneigtem Oberkörper, abgestützt auf die angewinkelten Arme und nicht nach schräg vorn, sondern schön rund nach unten in die Pedale zu treten.

          Derlei – Wirkner findet: schlechte – Gewohnheiten verhindert der Softcruiser zuverlässig: Man kann auf ihm gar nicht anders sitzen als aufrecht. Der hohe hintere Rand des von der Parallelogramm-Stütze gefederten Sattels gibt unterm Po rückwärtig Halt, ungewohnt, aber keineswegs unangenehm. Vor allem aber ist ungewöhnlich, wie tief man sitzt. Jederzeit lassen sich die Füße auf beiden Seiten flach auf den Boden stellen – zum Beispiel nach einer dieser beeindruckend ruhig und beherrschbar absolvierten Vollbremsungen mit den hydraulischen Scheibenbremsen von Shimano.

          Was ist noch zu optimieren?

          Der bewährte Motor von Bafang macht den e-Cruiser zu einem ausreichend flotten Pedelec. Der an eine Thermosflasche erinnernde Akku ist nicht schön, stört aber längst nicht so wie manch anderer Akkupack auf dem Unterrohr von enger gebauten Elektrorädern. Apropos, enger gebaut: Die vierte Generation des Cruisers fährt sich deutlich angenehmer als die dritte. Unter anderem wurde der Radstand verkürzt.

          Keine Frage, dass man auf diesen Rädern anders unterwegs ist, aber keineswegs langsamer oder behäbiger. Man geht zwar an Steigungen nicht aus dem Sattel. Doch man kann in der nach hinten gedrehten Position auch kräftig reintreten und am Lenker ziehen. Gewöhnungsbedürftige Übungssache ist das Fahren besonders enger Kurven, der geweihartige Lenker überträgt die Lenkkräfte stark. Freihändig oder einhändig zu fahren ist überhaupt kein Problem. Die vielen praktischen Details machen Wirkners Räder in der Summe wirklich zu etwas Besonderem: Geschützt verlegte Züge, Schutzbleche von Pletscher, die diesen Namen verdienen, Befestigungsmöglichkeiten für Taschen.

          Was wäre an Helmut Wirkners Entwicklung noch zu optimieren? Unbedingt der Preis! In Einzelfertigung wie momentan kostet das Rad 3000 Euro ohne und 4000 Euro mit Motor. Sein Entwickler hofft auf einen Investor oder darauf, dass ein etablierter Hersteller sich einen Ruck gibt und eine Serie auflegt.

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