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Berliner Kant-Garagen : Rundherum, das ist nicht schwer

  • -Aktualisiert am

Dynamisches Raumerlebnis: Die doppelgängige Wendelrampe auf nahezu kreisrundem Grundriss spart Platz. Bild: Sven Bardua

Die Menge an Autos in den Großstädten unterzubringen ist ein bis heute ungelöstes Problem. Aber es lässt sich durch geschickt gebaute Parkhäuser lindern. Die Berliner Kant-Garagen sind das nicht. Jetzt droht ihnen der Abbruch.

          Die Menge an Autos in den Großstädten unterzubringen ist ein bis heute ungelöstes Problem. Aber es lässt sich durch geschickt gebaute Parkhäuser lindern. Einem Pionier der platzsparenden Bauweise mit kreisförmigen Wendelrampen droht jetzt der Abbruch: Die 1930 gebauten Kant-Garagen in Berlin-Charlottenburg machten damals Furore, Führungen wurden veranstaltet. Heute ist es das älteste erhaltene Parkhaus dieser Art in Europa. Doch nun ist das unter Denkmalschutz stehende Gebäude baufällig.

          Schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es Parkraumnot. Am Straßenrand parkende Fahrzeuge behinderten den Verkehrsfluss in den großen Städten. Etwas Abhilfe schufen die ersten Parkhäuser, die Autos wurden darin zeitaufwendig mit Aufzügen oder anderen mechanischen Anlagen zum Stellplatz befördert. Diese wegen ihrer geringen Verkehrsflächen zunächst favorisierten Parkhäuser hatten wegen ihrer hohen Personalkosten einen schweren Stand. Erst mit der Automatisierungswelle in den neunziger Jahren erlebten sie eine Renaissance.

          Wendelrampe in Form einer Doppelhelix

          Die meisten Parkhäuser bekamen deshalb in der Frühzeit weitgehend gerade verlaufende Rampen für die Auffahrten. Doch diese quälen die Fahrer, wenn auf diese Weise etliche Geschosse im Stoßverkehr bewältigt werden müssen. Denn die Verkehrsteilnehmer müssen wegen der ungleichmäßigen Fahrstrecken immer wieder bremsen und beschleunigen.

          Das können die Wendelrampen besser. Hier gelangt der Fahrer fast ohne Lenkradbewegung mit seinem Auto über alle Geschosse nach oben oder unten. Jene der Kant-Garagen ist als Wendelrampe in Form einer Doppelhelix ausgelegt; eine Fahrbahn führt spiralförmig hoch, die andere in der gleichen Spirale versetzt hinunter, die Fahrzeuge begegnen sich deshalb nicht.

          „Die Auffahrt vom Erdgeschoß zum obersten Geschoß nimmt kaum eine halbe Minute in Anspruch“, schwärmte ein Rezensent 1930 in der Zeitschrift „Bauwelt“ über die neuen Kant-Garagen. Allerdings bemängelte ein Parkhausexperte schon damals die geringe Zahl der Stellplätze je Geschoss. Im Vergleich zur Doppelspirale wären gerade verlaufene Halbgeschossrampen besser gewesen, meinte er. Sie verbrauchten weniger Fläche. Die Architekten der Kant-Garagen hielten mit dem Fahrkomfort und der örtlichen Situation dagegen.

          11 000 Quadratmeter Nutzfläche für 300 Autos

          Ohnehin sind die Kant-Garagen kein Werk aus einem Guss: das Grundstück zwischen Kantstraße und Stadtbahn war aus baurechtlicher Sicht nur eingeschränkt geeignet, schreibt Joachim Kleinmanns im Buch „Parkhäuser, Architekturgeschichte einer ungeliebten Notwendigkeit“ (Marburg 2011). Statisch war der Bau auf nie gebaute acht Geschosse ausgelegt. Doch es wurden nur drei Obergeschosse gebaut, 1936 kam noch ein Dachgeschoss hinzu. Auf 11 000 Quadratmetern Nutzfläche bietet der Bau seitdem Stellplätze für 300 Autos.

          Der Bauherr Louis Serlin und die daran beteiligten Architekten unter der Regie von Hermann Zweigenthal waren sich außerdem wohl nicht immer einig. So nutzte Serlin die häufige Abwesenheit Zweigenthals, um Nutzfläche zu gewinnen, meint Kleinmanns. Deshalb wurde der zunächst geplante ovale Rampengrundriss nahezu auf Kreisform gestaucht. Das machte die Rampe aber steiler, und sie passte nicht mehr richtig zu den Geschosshöhen. Damit die Übergänge funktionieren, entstanden an den Ausfahrten der Geschosse Fahrbahnbuckel. Außerdem nutzte Serlin das zunächst geplante freie Auge im Zentrum der Wendelrampe, um dort Waschplätze einzubauen.

          Wichtiger Bau der klassischen Moderne

          Eine Tankstelle in der Einfahrt sowie Einrichtungen für Reparatur und Wagenpflege waren in damaligen Parkhäusern selbstverständlich. Die Boxen werden mit feuersicheren Stahlschiebetoren geschlossen, deren auf Schienen laufende Segmente aus Platzgründen nach innen geöffnet werden. Die automatisch bei großer Hitze schließenden Feuerschutztore an den Rampenzufahrten dokumentieren den damals modernen technischen Standard ebenso wie das für die Fenster verwendete Drahtglas. Äußerlich geriet der Stahlbetonbau schlicht-zweckmäßig. Nackter Beton und die für relativ viel Licht im Inneren sorgenden Glasfronten prägen die Architektur. Klare Formen und reizvoll verwendete Details machten den einst als „Kant-Garagen-Palast“ bezeichneten Bau zu einem wichtigen Stück der klassischen Moderne.

          Seitdem ist das Parkhaus originalgetreu erhalten und in Betrieb - wenn auch arg heruntergekommen. Weltweit soll es nur einen älteren erhaltenen Bau dieses Typs geben: die 1928 errichtete Richmond Garage in Virginia. Doch in Berlin will der Eigentümer das Baudenkmal abreißen, weil es saniert werden müsse und ihm dies aus wirtschaftlichen Gründen nicht zuzumuten sei. Dies berichtete Marc Schulte, Baustadtrat des Bezirkes Charlottenburg-Wilmersdorf. Der Bezirk hätte sich zwar klar gegen einen Abriss positioniert. Auch die Fachwelt protestierte kräftig. Doch sei es schwierig, eine dauerhaft tragfähige Nutzung für den alten Garagen-Palast zu finden, meint er. Für die weitere Abstimmung der Berliner Behörden steht nun eine Entscheidung des Landesdenkmalamtes aus.

          Quelle: F.A.Z.

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