http://www.faz.net/-gy9-8yhn6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 09.06.2017, 15:14 Uhr

Das vernetzte Motorrad Seid netz zueinander

Am Motorrad und am Motorroller wird der ganze Rummel um Big Data und Vernetzung abperlen, glauben viele immer noch. Was für ein Irrtum!

von
© Hersteller Das vernetzte Motorrad macht den Kopf frei

Aus dem Off warnt eine Stimme: „Achtung, Sie sind zu schnell!“ Der Tonfall der weiblichen Stimme ist resolut und ein wenig zu gebieterisch. Daran dürfte sich noch etwas ändern. Grundsätzlich aber ist die Ansage aus den Lautsprechern im Motorradhelm anscheinend Bestandteil einer Zukunft, der wir unbeirrbar entgegensteuern. „Linkskurve in 200 Metern“, sagt die Stimme während der Fahrt auf dem Testparcours von Bosch in Boxberg, und kurz darauf ein weiteres Mal: „Achtung, Sie sind zu schnell!“

Walter Wille Folgen:

Was zu schnell ist für die nächste Kurve und was nicht, das lässt sich programmieren und sogar individuell ans Können des Fahrers anpassen. Sein Motorrad wird imstande sein, den Fahrstil zu analysieren. Ein Beispiel von vielen für all das, was die Industrie sich gerade ausdenkt beziehungsweise schon in der Schublade hat in punkto Assistenz und Vernetzung. Das motorisierte Zweirad wird datendienstlich rundum umsorgt, es folgt darin dem Automobil in schnellen Schritten, und wenn man den Verantwortlichen in den Unternehmen glaubt, dann ist das Motorrad ebenso wie der Scooter demnächst nicht mehr die Oase analogen Erlebens, sondern Bestandteil von Big Data.

46887433 Nicht heute, aber morgen: „Concept Link“, BMW-Studie eines vernetzten Elektrorollers. © Hersteller Bilderstrecke 

Auf dem konzerneigenen Testgelände führte Bosch jetzt vor, wohin die Reise geht – zum „digitalen Schutzschild“ fürs Zweirad durch Kommunikation per Datenaustausch mit allen anderen Verkehrsteilnehmern. Zur tiefgehenden Anbindung des Smartphones ans Fahrzeug, zur Integration von Smartphone-Apps ins frei konfigurierbare Cockpit-Display, das ein Computer ist und „Integrated Connectivity Cluster“ genannt wird. Zum „Connected Horizon“, der die Person im Sattel dank der Verbindung mit der Internet-Cloud vor etwas warnen kann, das noch außer Sichtweite liegt. Zu weiteren Assistenzsystemen und vielleicht sogar zu Motorrädern und Scootern, die von selbst für ihre Fahrer mitbremsen oder mitbeschleunigen – wenn ein Algorithmus das für notwendig erachtet, um eine Gefahr abzuwenden.

Mehr zum Thema

Wann immer die Vernetzung gepriesen wird, ist zugleich von Sicherheit die Rede sowie der Notwendigkeit, Unfallzahlen zu reduzieren. Damit ist der wunde Punkt angesprochen: Zusammenstöße, weil Zweiräder übersehen werden, Stürze durch Fahrfehler, Übermut oder rutschigen Fahrbahnbelag, mangelnder Schutz und Verletzungsrisiko. „Dies ruft nach mehr intelligenter Sicherheitstechnik“, folgert Bosch-Manager Fevzi Yildirim.

Der Europa-Chef der Zweiradsparte des Konzerns, der einer der bedeutendsten Zulieferer der Branche ist, spricht von einer „Zeitenwende der Mobilität“. Die stehe nicht erst bevor, sie habe längst begonnen. „Und sie wird sich in den nächsten Jahren schneller als je vollziehen“, sagt Yildirim. „Auch das Motorrad muss seine neue Rolle finden. Wir müssen es zukunftsfähig machen.“

„Denken wir 20 Jahre weiter“

Stephan Schaller, oberster Motorrad-Mann bei BMW, äußert sich ähnlich. „Denken wir 20 Jahre weiter: Die Autos fahren zum großen Teil elektrisch und sind stark vernetzt. Bliebe das Motorrad auf dem Stand von heute, hätte es keine Überlebenschance. Es muss sich weiterentwickeln, es muss leiser, elektrisch und emissionsfrei werden und durch Konnektivität jene Sicherheits-Features nutzen, die die Autoindustrie fürs autonome Fahren entwickelt.“

Autonomes Fahren? Vielleicht sogar auf zwei Rädern? Das nicht, stellt Schaller klar: „Es wird aus meiner Sicht nie ein autonom fahrendes Motorrad geben. Das ist nicht der Sinn eines Motorrads. Es ist ein Hobby-Produkt, das Spaß macht. Doch es macht noch mehr Spaß, wenn der Sicherheitsfaktor erhöht wird.“

Es gehe darum, erklärt Schaller, jene Technik, die für autonom fahrende Autos entwickelt werde, so einzusetzen, dass die Sicherheit des Motorrad- oder Rollerfahrens erhöht werde. „Das hat sehr viel mit Konnektivität zu tun, mit dem Verwenden von Massendaten, die von Autos erfasst werden und die wir uns zunutze machen, um Unfälle zu vermeiden.“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Im Schneckengang

Von Lukas Weber

Über die Bürokraten in Europa zu schimpfen gehört zur Folklore. Aber manchmal wünscht man sich dann doch etwas mehr Vereinheitlichung in der Union. Mehr 1 0

Hinweis
Die Redaktion