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Mercedes E-Klasse : Die digitale DNA soll Autos langsamer altern lassen

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.; Hersteller

Mercedes-Benz vernetzt die neue E-Klasse wie kein Auto zuvor. Sajjad Khan leitet den Bereich Digitalisierung und sagt: Da geht noch mehr.

          An diesem Wochenende kommt die neue E-Klasse auf den Markt. Nie zuvor war ein Mercedes-Benz mit derart viel Elektronik ausgestattet. Doch auch das wird nur eine Etappe sein. Sajjad Khan lässt keinen Zweifel daran, dass die Zukunft an Bord eine digitale ist. Khan leitet seit kurzem den neuen Bereich Digital Vehicle & Mobility von Daimler in Stuttgart. „Zeit“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung, „ist für alle Menschen ein limitierender Faktor.“ Wer es am besten verstehe, dieses Limit zu lockern, der werde den größten Erfolg haben. Khan setzt auf eine immer weitreichendere Vernetzung und das in jeder Hinsicht intelligente Auto.

          Nach kurzen Abstechern zu Magna und BMW ist der 42-Jährige seit diesem Frühjahr wieder in Sindelfingen und hat dort eine Schlüsselrolle übernommen. Khan ist in Pakistan geboren, in Kanada und den Vereinigten Staaten ausgebildet und im Silicon Valley zu Daimler gestoßen. Später wechselte er nach Stuttgart. In Deutschland ist er der Liebe wegen hängengeblieben. Bei ihm laufen nicht nur alle Fäden der Digitalisierung aus Entwicklung, Vertrieb und Services zusammen. Er soll auch den Industriekonzern fit machen für den Wettbewerb mit den Internetriesen und ein bisschen Silicon Valley nach Sindelfingen holen.

          Nebenbei will der Mann die PS-Branche und Europa zurück in die erste Liga der Innovatoren führen. „Es gibt einen Grund, weshalb Apple und nicht Motorola oder Nokia das Smartphone groß gemacht hat. Und es gibt einen Grund, weshalb jeweils einem Dutzend Google und Baidu in Amerika oder China gerade mal ein einziges großes IT-Unternehmen aus Europa gegenübersteht“, sagt Khan und macht das an einem einzigen Indikator fest: „I to P“ lautet seine wichtigste Größe, und sie steht für die Zeit, die eine Idee braucht, bis sie zum Produkt wird.

          Bei der Umsetzung gibt es Nachholbedarf

          An Ideen herrsche weder in der Automobilindustrie noch sonst irgendwo in Europa Mangel, ist Khan überzeugt. „Aber bei der Umsetzung haben wir gehörigen Nachholbedarf.“ Das könnte sich für alle Autohersteller noch zu einem großen Problem entwickeln. „Egal ob Premium oder Volumen, Masse oder Nische: Die Digitalisierung ist so selbstverständlich wie die vier Räder am Auto. Wer sich diesem Thema verschließt, der hat kaum mehr eine Chance auf Erfolg.“

          Ein bisschen Silicon Valley in Sindelfingen: Daimlers Netzwerker Sajjad Khan

          Zwar spricht Khan gern vom Großen und Ganzen, doch seine 1500 Mitarbeiter in Sindelfingen und Sunnyvale, in Bangalore und in Peking misst er ebenfalls am I-to-P-Indikator. Sein erster Prüfstein ist die neue E-Klasse. Für sie habe die Mannschaft nicht nur vor Ideen gesprüht, diesmal seien sie auch im großen Stil umgesetzt worden.

          Das beste Beispiel dafür sind seiner Ansicht nach zwei unauffällige schwarze Tasten im Lenkrad, die Mercedes von Blackberry übernommen und zu zentralen Bedienelementen geadelt hat. Man kann über sie in vier Richtungen streichen und seine Auswahl mit einem Druck bestätigen. „Jetzt haben wir nicht nur die besten Grafiken in unseren Displays. Man kann sich in den Menüs nun auch einfacher bewegen als bei jedem anderen Hersteller“, behauptet Khan. Anderen Bedienkonzepten wie Gestensteuerung oder Touchscreen erteilt er dagegen eine Absage, zumindest vorübergehend. „Es darf nicht unser Ziel sein, partout als Erster mit einer Technik zu kommen oder der Konkurrenz möglichst schnell hinterherzuhecheln. Wir müssen immer nach dem größtmöglichen Nutzen für den Kunden streben. Deshalb bleibt bei uns zum Beispiel die Gestensteuerung noch in der Schublade.“ Selbst vom neuen BMW 7er will er sich da nicht aus der Reserve locken lassen.

          Bei der Bedienung ist weniger mehr

          Geht es nach ihm, hat man künftig ohnehin weniger zu bedienen. Vieles, was der Fahrer von seiner E-Klasse möchte, soll die im vorauseilenden Gehorsam selbst erledigen. Das gilt nicht nur für die Übernahme regelmäßiger Navigationsziele oder das Erlernen favorisierter Restaurants, sondern auch für das Feld der Vernetzung. „Es reicht nicht, dass wir uns mit allen Telefonen verbinden oder immer online sind. Das ist doch selbstverständlich.“ Wichtig sei, was das Auto mit diesen Möglichkeiten anfange. In der E-Klasse werden dem Kunden zum Beispiel unter den Tankstellensymbolen auf der Navigationskarte die aktuellen Benzinpreise angezeigt. „Natürlich nur für den Treibstoff, den der Wagen benötigt. Wer einen Benziner fährt, dem ist der Dieselpreis egal.“

          Das dritte Digitalisierungsmerkmal der E-Klasse ist für Khan die DNA ohne Verfallsdatum. Zum ersten Mal hat Mercedes eine Architektur gewählt, die ständig auf dem Laufenden gehalten werden kann, in weiten Bereichen sogar über eine Mobilfunkverbindung. So, wie man sein Smartphone mit regelmäßigen Updates immer auf dem neuesten Stand hält, bleibt die E-Klasse länger frisch.

          Alterungsprozess verlangsamt

          Mit der neuen Architektur werden klassische Modellpflegen zwar nicht überflüssig. Aber die digitale DNA lasse Autos langsamer altern. „Haben wir die Software früher intern alle zwei Jahre aktualisiert, waren wir zuletzt bei acht Monaten. In der E-Klasse verkürzen wir die Zyklen auf drei Monate“, sagt Khan.

          Fortan gibt es Neuerungen nicht nur für neue Autos. Zum ersten Mal kann Mercedes bereits ausgelieferte Fahrzeuge aktualisieren. Damit tun sich nicht nur neue Geschäftsfelder auf, wenn man Assistenzsysteme wie Apps nachträglich herunterladen und oder im Abo bezahlen kann. Auch der Kundendienst und Rückrufe lassen sich womöglich leichter abwickeln. Doch ganz ohne klassische Ingenieurleistungen wird es wohl trotzdem nicht gehen. Khan weiß das natürlich: „Wie ein mechanisch perfektes Auto ohne Anschluss an das digitale Universum unverkäuflich ist, so taugt der am besten vernetzte Computer auf Rädern nichts, wenn ihm der Motor fehlt.“

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