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Breite Fahrradreifen : Was ist dran an dicken Schlappen?

Sondermodell: Velotraum Finder Bild: Pardey

Zu den Neuheiten der Eurobike gehörte dieses Jahr die Botschaft, dass die Reifen breiter werden. Manche und mancher mag das für einen Einfall der Marketingabteilungen halten.

          Über Reifen reden alle mit. Und über Reifen halten sich hartnäckig höchst widersprüchliche Ansichten, besonders, wenn es um die Reifen von Fahrrädern geht. Diese Reifen sind insofern von besonderem Interesse, als ihre Art und ihr Zustand unmittelbar spürbare Auswirkungen auf das Vorankommen mit Muskelkraft haben. Zum Beispiel ist die Diskussion darüber, ob breite oder schmale Reifen „leichter laufen“, keineswegs überholt. Und sie wird erst recht angeheizt, wenn auf einer Fahrradmesse wie der Eurobike nicht etwa nur Montainbikes, sondern auch Rennräder für grobes Geläuf mit breiteren Reifen als bisher gezeigt werden.

          Hans-Heinrich Pardey

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Leichter Lauf wird bei den argumentativen Gefechten meistens einfach mit einem geringen Rollwiderstand des Reifens gleichgesetzt. Dass der einerseits ein komplexes Phänomen ist und andererseits nicht der einzige Grund, warum man sich beim Radfahren schwertun kann, muss noch ein wenig aufgedröselt werden. Und es ist wahr: Der deutsche Reifenmarktführer Schwalbe hat schon seit rund zehn Jahren als Schützenhilfe für seine Big-Apple-Reifen geradezu gebetsmühlenartig und plakativ stark vereinfachend das Paradox wiederholt, dass breite Reifen leichter rollen.

          Nun gehen in den Rollwiderstand des Reifens, seine mit Energieverlust verbundene ständige leichte Materialverformung beim Abrollen, aber eine ganze Reihe von Einflussgrößen ein, als da sind der Reifendruck, der Durchmesser des Reifens, seine Breite, sein Material und der innere Aufbau sowie das äußere Profil. Wäre die Fahrbahn von idealer Glätte, könnte man den Rollwiderstand verringern, indem man einfach den Druck im Reifen erhöht. Das könnte das Abplatten an der Aufstandsfläche, also die Verformung, verringern, würde aber irgendwann sehr unkomfortabel. Auf natürlichem Untergrund und in Wald und Feld ist es viel vernünftiger, mit nicht zu hohem Reifendruck zu fahren. Weniger stark aufgepumpt, kann sich der Reifen Unebenheiten besser anpassen, und man fährt sich nicht so leicht fest.

          Nobby Nic von Schwalbe
          Nobby Nic von Schwalbe : Bild: Hersteller

          Ein kleinerer Reifen hat einen höheren Rollwiderstand als ein größerer, weil er sich prozentual stärker verformt. Das gilt wie Schwalbes Mantra, dass breite Reifen leichter rollen als schmale, unter der – häufig allerdings vernachlässigten – Voraussetzung, dass die verglichenen Reifen mit gleichem Luftdruck gefahren werden. Genau das ist aber nicht der Fall: Zum Beispiel werden schmale Rennradreifen um ein Mehrfaches härter aufgepumpt und gefahren als Ballonreifen. Je dünner und flexibler der Aufbau des Reifens ist, desto geringer ist – um den Preis einer höheren Pannenanfälligkeit – der Rollwiderstand, der außerdem von feinem oder keinem Profil begünstigt wird: Dicke Stollen hemmen mehr.

          Passt gerade noch
          Passt gerade noch : Bild: Pardey

          Wenn man diese Zusammenhänge alle berücksichtigt und noch dazu die Tatsache, dass die Größe und das Gewicht der Laufräder entscheidende Auswirkungen auf die Fahrdynamik eines Fahrrads haben, ist es völlig klar: Den Reifen und das Laufrad für alle Situationen gibt es nicht. In einer überfluteten Frühlingswiese bleibe ich mit einem schmalen, knallhart aufgepumpten und auf der Straße profillos astrein rollenden Reifen genauso abrupt stehen (und stürze) wie in einer sandgefüllten trockenen Mulde. Mit dem Traktorreifen eines Fatbikes komme ich aber selbst dort noch weiter, wo ich mich mit einem 26-Zoll-Mountainbike, das auf 2,3 Zoll breiten Reifen läuft, festfahren kann. Das hat rein gar nichts mit Marketingerfindungen zwecks Absatzsteigerung zu tun.

          Zwischengrößen erweitern Möglichkeiten für Fahrradfahrer

          Wenn ich einen Strand vor der Haustür habe und dort entlangradeln möchte, ist ein Fatbike ein bedenkenswerter Fahrradtyp. Dass ich auch winters oder im Wald vielleicht lieber in Rennradposition als mit einem Mountainbike unterwegs bin, ist auch so eine Geschmacksfrage. Das kann ich natürlich nicht mit meinen für die Straße optimierten, seidenweich laufenden Straßenrennreifen: Die haut es mir an der ersten kräftigeren Baumwurzel durch. Deshalb werde ich mich über einen Reifen wie den G-One (35 und 40 Millimeter breit, rund 60 Euro) von Schwalbe freuen, noch dazu, wo er mit Gewichten von 400 Gramm an nur unwesentlich schwerer als robuste Straßenreifen ist und schlauchlos gefahren werden kann.

          Der deutsche Reifenmarktführer Schwalbe behauptet: Breite Reifen rollen leichter.
          Der deutsche Reifenmarktführer Schwalbe behauptet: Breite Reifen rollen leichter. : Bild: obs

          Und wer als weder besonders groß noch schwer auf dem Montainbike sitzt, der merkt zwar, dass ihm ein Twentyniner einerseits wunderbaren Geradeauslauf und besseres Übersteigen von kantigen Hindernissen, aber eben auch – genauso wie das Fatbike – mehr Unhandlichkeit und mühevolleres Beschleunigen der größeren rotierenden Massen einbringt. Da ist dann ein Mountainbike mit 27,5-Zoll-Laufrädern (650B) keine Marketingspinnerei, sondern eine willkommene Alternative. Und wenn nun der bestens eingeführte Schwalbe Nobby Nic mit den Dimensionen 27,5×2,8 und 27,5×3 Zoll als Noby Nic B+ in einen Rahmen passt, der wie beim Velotraum Finder mit Standardbauteilen aufgebaut werden kann, dann ergibt sich auch noch eine Alternative zum Fatbike.

          Die Kritik erhebt sich schnell, wenn die Auswahl größer wird, das sei doch alles nur Geschäftemacherei. Tatsächlich passen die Zwischengrößen, die es nun auch bei den Reifen gibt, das Fahrrad besser dem Menschen an und erweitern die Möglichkeiten, sein Bike zu nutzen. Und das ist gut so.

          Nicht ganz so fett macht Überbreite noch mehr Spass

          Vom ersten Moment an vermittelte dieses Rad mit seinen 3 und 2,8 Zoll breiten 650B-Plus-Reifen – der hintere war der schmalere und passte gerade noch so eben durch den Rahmen – deutlich das Gefühl: Dies hier ist ein guter Kompromiss zwischen den Vorzügen eines Fatbikes und denen eines 650B-Montainbikes mit nur 2,15 oder 2,3 Zoll breiten Reifen. Das Fatbike hat mehr Grip in Sand, Schnee und Matsch, aber bleibt für zierliche Fahrer doch erheblich unhandlicher, weniger wendig und schwerer zu beschleunigen – speziell auf Untergrund, der nicht nach dem Grip verlangt.

          Mit dem Rahmen Finder FD-100 – der nicht von Velotraum und mit der 29-Zoll-Karbongabel Prong von Traversbikes (rund 330 britische Pfund) aufgebaut worden war – hat Stefan Stiener eine Art eierlegende Wollmilchsau für die Reifengröße 650B+ ausgetüftelt. Es lassen sich mit ihm genauso ein Reiserad für grobe Pisten wie ein Alltags-/Pendler-Rad für den Ganzjahresbetrieb oder ein robustes Mountainbike realisieren. Man kann eine Rohloffnabe, einen Zahnriemen, aber auch einen Nabenmotor verbauen. In der ausprobierten Variante, die in die Kategorie „Mountainbike mit der Option, Gepäck mitzunehmen“ gehörte, zeigte sich: Die 650B-Laufräder mit dem Plus an Breite lassen sich spürbar schneller auf Tempo bringen, als die Traktorwalzen eines Fatbikes.

          Und die Nobby Nic von Schwalbe (860 und 910 Gramm, rund 65 Euro) in Überbreite entwickeln – vor allem nach dem Luftablassen – den Grip, dessentwegen man im letzten Herbst meinte, unbedingt ein Fatbike zu brauchen. Die Überbreiten haben rund ein Viertel mehr Volumen als herkömmliche 650B-Reifen, besitzen bei – noch fahrbarem – Niedrigdruck etwa sechzig Prozent mehr Aufstandsfläche, wiegen trotz Flankenverstärkung nur etwa 5 Prozent mehr. Sie tubeless, also ohne Schlauch, zu fahren ist ein buchstäblich rundherum positiv zu bewertendes Erlebnis: Sozusagen das Beste zweier Welten. Und wieder einmal bestätigte sich die Erfahrung, die schon mit dem Fatbike im Frühling auf abgesoffenen Wiesen am Bach gemacht worden war: Mehr nach Gefühl als mit dem Manometer Druck ablassend, fuhr es sich mit einem etwas fester aufgepumpten Vorderreifen und einem etwas schlapperen hinten besonders gut: mehr Führung vorn und hinten mehr Traktion.

          Quelle: F.A.S.

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