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Alfa Romeo 4C : Mitten ins Herz

Im ersten Moment entsteht der Eindruck, Menschen bis 1,85 Meter passten recht kommod in das scharf geschnittene Kohlefaser-Monocoque Bild: Hersteller

Chassis aus karbonfaserverstärktem Kunststoff? Unter 1000 Kilogramm? Für 50.500 Euro? Alfa Romeo 4C heißt die Antwort. Während der Probefahrt erlebten wir einen Klang zum Niederknien.

          Der Schlag ins Kreuz kommt wohltemperiert, immer wieder, sobald das Getriebe die nächste Stufe einwirft. Weil Blitz und Donner süchtig machen, ziehen wir an der Wippe, schalten runter und genießen den nächsten Schlag. Die Nadel steigt auf 6000, fällt in den Keller, nimmt neuen Anlauf, dreht hoch. Die hinter dem Piloten kauernde Maschine trommelt ihre Lust ins Land, Müttern und Vätern und Kindern und Kühen fällt die Kinnlade herunter. Ein Müllmann springt von seinem Gefährt und knipst den Handychip voll, Bauarbeiter klettern aus der Grube und applaudieren. Die Herren von der Polizei merken wohl, dass der rote Sportwagen mit leicht überhöhter Drehzahl unterwegs ist. Sie grüßen freundlich. Der Mann mit dem Elektroauto, der sich eben noch für wahnsinnig fortschrittlich ökologisch hielt, rollt sein Gefährt an den Rand und nutzt das Ladekabel fortan für den Rasenmäher.

          Der Alfa verlegt den Grenzbereich nach weit außen
          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Sie haben es doch gemacht. Was hat sich Alfa Romeo alles anhören müssen, als im Frühjahr 2011 auf dem Autosalon in Genf der 4C als Studie vorgestellt wurde. Chassis aus karbonfaserverstärktem Kunststoff? Unter 1000 Kilogramm Gewicht? Für 45 000 Euro? Die Konkurrenz hat sich schlapp gelacht, niemals würden die Kerle das hinbekommen. Und jetzt, gerade 28 Monate nach der Freigabe durch den Vorstand, fährt er, der 4C. Und er erfüllt die kühnsten Träume. Nur das mit dem Preis klappt nicht wie erhofft. 50 500 Euro werden in der Grundausstattung aufgerufen, mit das Erlebnis vervollständigenden Zutaten sind 60 000 Euro eine gute Hausnummer. Gegen Aufpreis gibt es Ledersitze, Getränkehalter, Zweitschlüssel, Alarmanlage, Pirelli-Rennreifen, Sport- und Designpaket. Nur eine Kleinigkeit, aber unbedingt nehmen: Die Einfassung der Scheinwerfer aus Karbon. Der serienmäßig eingesetzte Kunststoff ist zum Weinen, und es sind keine Freudentränen. Abbestellen lassen sich Radio und Klimaanlage, was die puren Puristen begrüßen dürften, ebenso wie die Tatsache, dass es nie und nimmer ein Navigationssystem oder eine Servounterstützung für die ziemlich direkte mechanische Lenkung gibt. Die Lenkung ohne Stütze ist kein Verlust, ein Navi wäre wohl ohne Zusatzgewicht oder Preistreiberei möglich gewesen. Aber Alfa wollte und will nicht. Der 4C (übersetzt Vierzylinder, was in Deutsch so langweilig klingt wie Viertürer, aber Quattro C oder Quattroporte ist halt etwas anderes) soll fahren, nur fahren.

          Die dunkle Seite: Nur der Tacho leuchtet

          Man könnte sich das übertrieben kostenbewusst und stets in Schwarz mit Tiefschwarz und etwas Mattschwarz eingerichtete Cockpit freundlicher vorstellen. Für Farbenspiele ist einzig die Diskothek hinterm Lenkrad zuständig, auf der Drehzahl, Geschwindigkeit, Reifendruck und Querbeschleunigung gereicht werden. Die Werte stehen auch ohne Blick auf die Anzeige außer Zweifel. Die Beschleunigung auf 100 km/h in 4,5 Sekunden klebt die beiden möglichen Insassen an die Lehne, die Bremse in ihrer zupackenden Art wirft den Körper in den Gurt.

          Im ersten Moment entsteht der Eindruck, Menschen bis 1,85 Meter passten recht kommod in das scharf geschnittene Kohlefaser-Monocoque, hinterher weiß man es besser. Der Alfa verlegt den Grenzbereich nach weit außen, bevor das ESP eingreift, verlässt bis auf Fernando Alonso fast jeden der Mut. Doch nach der lustvollen Hatz sich wieder aus dem Sitz schälen verdient gewisse Anerkennung. Für die tägliche Fahrt ins Büro ist der 4C nicht geeignet, für die tägliche Ausfahrt nach dem Büro umso mehr.

          3500 Stück je Jahr können die Monteure in der Maserati-Fabrik in Modena zusammenfügen, mehr gibt der Kohlefaserofen nicht her

          Alfa Romeo setzt einen vergleichsweise kleinen, aber technisch aufwendigen 1,8-Liter-Turbobenziner ein, der 240 PS (177 kW) und 350 Newtonmeter maximales Drehmoment entwickelt. Im Zusammenspiel mit der Sechsgang-Doppelkupplung wird aus dem knapp vier Meter kurzen, 1,18 Meter flachen und trocken 895 Kilogramm leichten Coupé ein Treffer mitten ins Herz für alle, die Benzin durch die Kammern pumpen. Allenfalls der mit etwas Abstand erscheinende Targa, der ein zusammenlegbares Dach hat, könnte die Sinne noch mehr betören. Bis auf die am Rande des Aussterbens umherfahrenden Lotus und die avisierte Renault Alpine ist wenig am Horizont, was Alfa den Spaß vermiesen könnte.

          3500 Stück je Jahr können die Monteure in der Maserati-Fabrik in Modena zusammenfügen, mehr gibt der Kohlefaserofen nicht her. Rund 300 sind für Deutschland vorgesehen, sechs Monate beträgt derzeit die Lieferfrist. Wer sich nun nicht nur in den 4C verliebt, sondern auch (wieder) in die Marke, wird auf eine harte Probe gestellt. Alfa hat sonst nur zwei vergleichsweise müde Autos auf der Pfanne. Das nächste neue Modell wird der Spider. Im Jahr 2015.

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