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Mobile World Congress Googles Androiden machen alles gleich

 ·  Die Fokussierung der Messe auf Dutzende von Android-4-Smartphones mit ähnlicher Ausstattung und Leistung führt zu einer Monokultur. Es fehlen die Geräte zum Träumen und die Objekte der Begierde.

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© Google Nicht zu übersehen in Barcelona: Googles Android-Männchen

Überall zeigen sich die kleinen grünen Android-Männchen. Sie sind das Markenzeichen eines Betriebssystems geworden. Barcelona war ihr Klassentreffen. Der Mobile World Congress ist die wichtigste und größte Fachmesse der Mobilfunkwelt. Aus der Liste der großen namhaften Unternehmen fehlte nur eines: Apple. Alle anderen zeigten Neuheiten für einen starken Smartphone-Sommer. Auch an Superlativen mangelte es nicht. Jedenfalls auf den ersten Blick und zunächst bei LTE, Long Term Evolution, dem Nachfolger von UMTS, der in vielen europäischen Ländern bereits an den Start gegangen ist.

Die neue Technik ist ein Paradigmenwechsel, es ist die vierte Mobilfunkgeneration, die alles besser machen soll: mehr Kapazität, höhere Bandbreiten, bessere Funkabdeckung – und das alles zu geringeren Kosten und mit einer sehr effizienten Systemarchitektur. LTE bietet eine sehr hohe Übertragungsgeschwindigkeit von 20 bis mehr als 100 MBit/s in Verbindung mit kurzen Antwortzeiten. Diese Ping- oder Latenzzeiten sind nicht nur bei Internet-Spielen wichtig, sondern auch für den Abruf aufwendiger Web-Seiten. Telefonica zeigte auf dem Messegelände LTE mit elf sogenannten Metro-Cells, wie sie auch in den deutschen Großstädten zum Einsatz kommen werden. In einer Zelle können gleichzeitig bis zu 30 Nutzer mit Geschwindigkeiten von maximal 30 MBit/s im Netz surfen.

Jenseits der Netzinfrastruktur, die in Deutschland die weißen Flecken fehlender DSL-Versorgung tilgen soll, kommt LTE jetzt in die Smartphones. Vodafone hatte schon vor dem Weltkongress sein HTC Velocity 4G vorgestellt. Im stationären Betrieb kann man unter guten Bedingungen um die 50 MBit/s im Download erreichen, ergaben erste Tests. Der koreanische Hersteller LG zeigte in Barcelona sein Optimus LTE, einen Androiden mit 11-Zentimeter-Display in hochaufgelöster Darstellung (1280 x 720 Pixel), es kommt im Sommer auf den Markt. Auch der chinesische Hersteller Huawei bringt LTE in sein neues Spitzenmodell Ascend D1, hier sticht der üppige HD-Bildschirm ebenfalls hervor.

Aber schon gibt es Einwände: LTE auf dem Smartphone belaste den Akku über Gebühr, und den Zugang zu den neuen Hochgeschwindigkeitsnetzen werden sich die Mobilfunker gewiss gut bezahlen lassen. Nicht wenige Experten meinen: Mit dem Kauf eines LTE-Smartphones sollte man noch warten. Und man kann natürlich vortrefflich streiten, welchen Sinn hohe, aber nur punktuell erzielbare Download-Geschwindigkeiten auf einem Smartphone haben, mit dem man seine E-Mail abruft oder ein Youtube-Video guckt. Was ist der Fortschritt gegenüber einer guten und permanent verfügbaren 5 MBit/s-Anbindung?

Flaggschiff ohne LTE-Technik

So wundert kaum, dass Nokia sein neues Flaggschiff Lumia 900 in Europa ohne die LTE-Technik auf den Markt bringt. In den Vereinigten Staaten ist es hingegen mit dem Datenturbo erhältlich. Hierzulande bleibt also das Maximaltempo bei 21 MBit/s, und der wichtigste Unterschied zum Lumia 800 sind die größere Bauform, die verbesserte Kamera und vor allem die Zweitkamera an der Gerätevorderseite für Videotelefonie. Trotz größerer Displaydiagonale (10,6 Zentimeter) bleibt dieses Windows Phone bei einer Auflösung von 800 x 480 Pixel.

Die größte Überraschung der Finnen war indes ein Gerät mit dem veralteten Symbian-Betriebssystem. Interessant an dem Pure View 808 ist nur ein einziges Detail: Der Kamera-Sensor hat eine Auflösung von 41 Megapixel, also das Fünffache der klassentypischen 8 Megapixel. Zugegeben, seine Aufnahmen speichert das Nokia im Standardmodus nicht in der vollen Auflösung, sondern mit 5 bis 8 Megapixel. Die 41 Megapixel sollen vor allem beim digitalen Zoom ein Pluspunkt sein. Die Aufnahme wird bei Ausschnittvergrößerungen nicht „aufgeblasen“, sondern basiert auf realen Bildpunkten, „Pixel Oversampling“ nennt Nokia das. Für rund 600 Euro soll der telefonierende Fotoapparat im Mai in den Handel kommen.

Von allen Marktbeobachtern hoch gelobt

Und dann die Android-Smartphones. Nahezu alle Neuerscheinungen arbeiten mit „Ice Cream Sandwich“. Das ist der Code für Android 4.0, das die Smartphone- und Tablet-Welt zusammenführen soll. Sein ansprechendes minimalistisches Design wird von allen Marktbeobachtern hoch gelobt. Aber viel davon wird man auf den jungen Android-4-Maschinen von HTC, Samsung oder Sony nicht sehen, denn wie gehabt modifizieren diese Hersteller die Bedienungsoberfläche, um ihre eigenen Akzente zu setzen. Eine Maßnahme, die umstritten ist.

HTC präsentierte dementsprechend sein „Sense“ in einer Version 4.0 für seine neue Modellreihe „One“, die es in den Geschmacksrichtungen X, V und S gibt. Das One X bietet ein Unibody-Gehäuse aus Polycarbonat, hat ein fast 12 Zentimeter in der Diagonale messendes Display mit 1280 x 720 Pixel und kratzfester Frontscheibe. Für ein flottes Arbeitstempo sorgt der Vierkernprozessor Tegra 3 von Nvidia; eine LTE-Variante befindet sich in Vorbereitung. Das One S und das One V müssen mit einer kleineren Anzeige und langsameren Prozessoren auskommen. Alle neuen HTC-Kandidaten sollen besonders schnelle und lichtstarke Kameras erhalten, die auch für HDR-Aufnahmen gerüstet sind. Das besondere Extra ist ein mit 25 Gigabyte mehr als üppig bemessenes Dropbox-Konto, das One-Käufer gratis erhalten.

Chip für die „Near Field Communication“ (NFC)

Sony zeigte in Barcelona das neue Xperia U und Xperia P. Letzteres hat ein 10-Zentimeter-Display mit 960 x 540 Pixel, das nach Angaben des Herstellers das hellste auf dem Markt ist. Die Kamera schießt Aufnahmen mit bis zu 8 Megapixel, und es gibt einen Chip für die „Near Field Communication“ (NFC). Das Xperia U ist der kleine Bruder mit geringerer Auflösung, sowohl bei der Kamera wie auch der Anzeige. Zum Marktstart im zweiten Quartal ist zunächst das ältere Android 2.3 aufgespielt, aber ein Update auf die Version 4 soll umgehend folgen. Panasonic meldet sich auf dem Smartphone-Markt nach langer Pause zurück und präsentierte das Eluga Power als neues Spitzengerät: Das 12,7-Zentimeter-Display mit 1280 x 720 Pixel steht für schiere Größe, Android 4 und ein NFC-Chip sind ebenfalls an Bord.

Und einer fehlt noch: Das von den Freunden der Marke heiß ersehnte Galaxy S3 war bei Samsung leider nicht zu sehen. Das aktuelle Galaxy S2 fand in den vergangenen zehn Monaten 20 Millionen Käufer, ein neuer Rekord bei den Androiden. Zum Nachfolger gibt es bislang nur Gerüchte. Hingegen zeigten die Koreaner auf dem MWC ihre neuen Tablet PC mit Android: Das Galaxy Note 10.1 ist sozusagen der Tablet-Bruder des übergroßen Smartphone Galaxy Note und lässt sich wie dieses mit einem Stift bedienen. Das Galaxy Tab 2 (10.1) unterscheidet sich von seinem Vorgänger durch Android 4.0 und eine leicht modifizierte Bauform.

Huawei hingegen bringt einen Vierkern-Prozessor für sein Android-Tablet: Das Mediapad erhält die Namenserweiterung 10 FHD, und hier sticht neben dem hohen Arbeitstempo auch die Bildschirmauflösung von 1920 x 1200 Pixel hervor, während die Konkurrenz typischerweise nur 1280 x 800 Pixel bietet. Aber das Hauptproblem der Android-Tablets bleibt: Sie verkaufen sich nur schleppend, wie ein Manager von Samsung am Rande der Veranstaltung zugestand.

Alles in allem war der diesjährige Weltkongress eine Veranstaltung der großen Handy-Hersteller. Die früher in Barcelona dominierenden Netzbetreiber konnten jenseits des Modethemas LTE kaum eigene Akzente setzen. Ihr Versuch, die schwindenden SMS-Umsätze mit einem neuen Chat-Dienst namens Joyn zu kompensieren, weckt keine Begeisterung. Mehr Funktionalität als Whats App, Skype oder Apples Nachrichtensystem bietet Joyn nicht. Aber es wird teurer. Die Fokussierung der Messe auf Dutzende von nahezu ununterscheidbaren Android-4-Smartphones mit ähnlicher Ausstattung und Leistung kann in gefährliche Fahrwasser führen. Stichwort: Monokultur. Auch der Vierkern-Prozessor, den viele Hersteller in diesem Jahr in ihre Smartphones einbringen, ist nur für die kleine Fraktion der Spiele-Liebhaber ein Gewinn. Die Gelegenheit, mit messerscharfen Alleinstellungsmerkmalen aufzutrumpfen, haben die führenden Hersteller also verpasst. Es fehlen die Geräte zum Träumen und die Objekte der Begierde.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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