Sylt. Nicht, dass die Namen der anderen Nordfriesischen Inseln keinen besonderen Klang hätten. Jede auf ihre Weise. Der Klang von Sylt: dass dort die Schönen und Reichen und Einflussreichen süße Stunden ihres Lebens verbringen, am Strand, am Wattenmeer, in Bars und Reetdachhäusern. Offiziell exakt 99,14 Quadratkilometer feine Vielfalt. Genau richtig, die Seele baumeln zu lassen. Aber längst schon nicht mehr exklusiv für die gerade beispielhaft angeführte exklusive Klientel. Sie machten die Insel berühmt. Alle anderen machen einfach Urlaub.
Ein Druck auf den Taster lässt den Motor des Bentley Continental GTC V8 an. Die Typenbezeichnung sagt es: Acht Zylinder arbeiten unter der Haube, zwölf gäbe es alternativ, also handelt es sich um das Basismodell. Was für ein sich verbietendes Wort bei diesem Gefährt. Denn der V8 ist beileibe keine magere Wahl, um über den Sommer zu kommen. 507 PS (373 kW) entwickelt er mit Hilfe zweier Turbolader aus 4 Liter Hubraum und schafft ein Drehmoment von 660 Newtonmeter herbei, das sich schon von 1700/min ins Zeug legt. Die resultierenden Eckdaten, von der eindrucksvollen Seite beginnend: Höchstgeschwindigkeit 301 km/h, Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 5 Sekunden. Möge die Inselpolizei weit wegschauen. Das C in GTC steht übrigens für „Convertible“, somit für die offene Ausführung des Coupés. Wir zeigen und dankbar für den Buchstaben, denn das Wetter verspricht einigermaßen milde Temperaturen.
Der Motor hebt nur unmerklich seine Stimme, als die Fuhre sich in Bewegung setzt. Schrittgeschwindigkeit fordert halt kaum, doch ein höheres Tempo ist nicht erlaubt für die kurze Fahrt über die nächsten Meter. Sie geht, welch schnöde Umgebung für ein Mobil britischen Autoadels, von der Verladestation Niebüll auf einen Eisenbahnwaggon. Per Bahn über den Hindenburgdamm, das ist der direkte Weg nach Sylt. Immerhin darf das Fahrzeug auf dem offenen Autowaggon ins Oberhaus und ganz nach vorn. Dach öffnen? Die Himmelsgrafik wechselt zwischen der Bedrohlichkeit eines Wolkenbruchs und der Freundlichkeit eines Sommertags, mit einem Quäntchen mehr Tendenz zur Variante 2. Für die nächste Dreiviertelstunde dürfte es trocken bleiben. Somit wird das elektrisch betriebene Verdeck geöffnet, um das volle Panorama der Überfahrt zu genießen. Einen Weg zurück in die Geborgenheit eines geschlossenen Autos gibt es unterwegs nicht: Der Zug wird mit 60 bis 80 km/h fahren - zu viel, um währenddessen den Bentley zu schließen, ohne dass der Fahrtwind das Textildach rabiat abrupfen würde. Was sich allein schon im Sinne eines sorgfältigen Umgangs mit dem inklusive aller Sonderausstattung 205 025,10 Euro kostenden Testwagen verbietet. (Nebenfrage: Rundet in solchen Sphären der Käufer den Preis durch ein großzügiges Trinkgeld auf? Oder der Händler auf eine glatte Summe ab?)
Wir stellen uns eine touristische Überfahrt vor. Gemächlich dahingleitend durch die Landschaft und über das Meer. Die Ausblicke genießend, die würzige Luft einatmend. Sich einstimmend auf die Insel.
Der Zug setzt sich in Bewegung, und man merkt gleich, dass eine gemütlichere Gangart eingeschlagen wird. Bereits im Landesinnern wird die Luft würzig: Sie schmeckt mild nach den Abgasen der vorgespannten Diesellok der Baureihe 218, ein Klassiker auf dieser Route. Die Windschutzscheibe des Bentley, sie hält viel und genügend ab. Stechen wir also über die See, oder wie würde man anders sagen, wenn es keine Wasserberührung gibt? Zunächst ist es ohnehin noch immens viel Land, das den Bahndamm umgibt. Niebüll liegt rund 20 Kilometer von der Küste entfernt. Wie war das mit der Einstimmung auf die Insel? Eng damit zusammen hängt jetzt eine steigende Spannung auf den ersten Meerblick. Der nach etwa einer Viertelstunde Fahrt gelingt. Und schon rollt der Zug auf den Damm. Das Wasser rechts und links reflektiert einen dunklen Himmel, es trägt auf gewellter Oberfläche einen eher bräunlichen Teint.
Das Navigationssystem des Bentley haben wir angelassen. Weil es einfach lustig ist, wie sich der Richtungspfeil bewegt, obwohl das Auto selbst nicht fährt. Wir schweben sozusagen antriebslos über die Welten, in diesem Fall wenige Meter breit und von der Küstenlinie des Festlands bis zu der von Sylt 8,1 Kilometer lang durchs Wattenmeer. Insgesamt ist der Damm 11,3 Kilometer lang.
Das Bauwerk ist ein Resultat diverser Verwicklungen nach dem deutsch-dänischen Krieg des Jahres 1864. Die Kurzform: Sylt gehörte zu Deutschland, aber eine Schiffsverbindung gab es ausschließlich über Dänemark. Eine feste Landverbindung versprach zudem weitgehend Unabhängigkeit vom Tidengeschehen im Wattenmeer. Somit begann 1923 der Bau eines eingleisigen Eisenbahndamms. Reichspräsident Paul von Hindenburg eröffnete ihn vier Jahre später und fuhr als erster offizieller Bahnpassagier vom Festlandbahnhof Klanxbüll nach Westerland auf Sylt. Einen Namen trug die Verbindungsstrecke damals noch nicht. Erst nach und nach bürgerte sich die Bezeichnung Hindenburgdamm ein.
Die Autobeförderung begann im Jahr 1932, zunächst und bis zum Zweiten Weltkrieg als Ladung eines Güterzugs, täglich rollte einer. Während der Sommersaison kam jeden Tag ein reiner Auto-Güterzug hinzu. Von 1950 an konnten die Fahrzeuginsassen im Auto sitzen bleiben, von 1951 an gab es spezielle Autotransportwaggons, zehn Jahre später kamen sie als Doppelstöcker. Über die Jahre und Jahrzehnte wurden es täglich immer mehr Züge, so dass die Strecke ausgebaut wurde und seit 1972 zweigleisig ist. Sylt Shuttle heißt der Zug heute.
Das Rollen im offenen Bentley über den Damm und das Meer ist ganz großes Kino. Breitwand, wohin man schaut, 360 Grad und 3D. Ständig sind Himmel und Meer in Bewegung, wechselt das Licht, was wie nebenbei die Autoaußenfarbe „Thunder“ bestens zur Wirkung kommen lässt: gekauft. Der Wind weht dazu, Salzwassergeruch mischt sich mit Dieselabgasodeur. Viel zu früh ist die Insel erreicht, vergrünt sich die Landschaft, verstädtert sich schließlich bei der Einfahrt nach Westerland. Oder Weesterlön, wie der Friese sagt, der auf Söl lebt.
Der Bentley bietet eine äußerst kommode Reiseumgebung. Vier Personen hätten Platz, wobei es hinten etwas stärker zieht. Aber es gibt ja dieses phantastische Stoffverdeck, dass bei Bedarf wie ein heimeliges Zelt das Interieur überspannt. Der GTC rollt vom Autozug und auf die Inselstraßen, die er als Nächstes von einer Inselspitze zur anderen erkunden wird, Besuch der Sansibar inklusive. Sein antriebstechnisches Potential wird er dabei kaum ausnutzen, nur selten über die gekonnt abgestimmte Auspuffanlage ein dezentes Röhren herauslassen. Cruisen ist angesagt. Erholung stellt sich ein.
Wann kommt die Luxus-Steuer für solche Gefährte?
Thomas Böhm (Thomasbaerboehm)
- 17.07.2012, 15:01 Uhr
Leider ein schöner Bericht
klaus keller (klkeller)
- 16.07.2012, 21:36 Uhr
