Irgendwie kurios: Wer bei Mercedes-Benz das Comand-System in der aktuellen Ausbaustufe „Online“ ordert, um unterwegs mit Internetanbindung und Google-Suche nach Sonderzielen zu fahnden oder sich mit seinen Facebook-Freunden zu vernetzen, muss sich gleich ein neues Smartphone kaufen. Denn Comand Online geht einige Umwege bei der Konnektivität: Es gibt weder eine fest verbaute Sim-Karte noch einen Leseschacht für die eigene, sondern einzig und allein das Bluetooth-Tethering mit dem Dun-Protokoll, dem „Dial up Network“. Das Mobiltelefon stellt also den Kontakt zum Internet her und reicht die Informationen an Comand Online weiter.
Die Idee hat bestechende Vorzüge: keine Fummelei mit Sim-Karten und kein Wirrwarr bei den Mobilfunkverträgen. Man verwendet sein Mobiltelefon, am besten mit Datenkontingent und muss sich um nichts kümmern. Das im Fahrzeug anfallende Datenvolumen wird über die gewohnte Rechnung tarifiert, unzweifelhaft ein Pluspunkt für die meisten Nutzer.
Aber der Nachteil des Dun-Protokolls ist seine begrenzte Verfügbarkeit: Mit einem iPhone von Apple oder einem Android-Smartphone guckt man in die Röhre. Die Geräte lassen sich zwar wie gewohnt mit Bluetooth für Telefonie und Musikwiedergabe koppeln. Beim Aufruf des Internet streiken sie jedoch. Als Smartphone für Comand Online empfiehlt sich ein Blackberry, der das Dun-Protokoll beherrscht.
Mit der neuen A-Klasse, die im September in den Handel kommt, soll nun alles besser werden. Aber nicht unter dem Dach von Comand Online. Es gibt vielmehr eine eigenständige Lösung, die zunächst allein auf das iPhone 4 und 4S von Apple zugeschnitten ist. Hat sich das mächtige Comand damit erledigt?
Erste Antworten mit einem Blick auf die Details: In der neuen A-Klasse, deren Grundpreis in der kleinsten Variante - A180 Blue Efficiency mit 90 kW (122 PS) und 1,6-Liter-Benziner - rund 24 000 Euro beträgt, ist das Radio „Audio 5 USB“ serienmäßig. Wie der Name schon sagt, gehört eine USB-Schnittstelle dazu, und für weitere 280 Euro kann man eine schlichte iPhone-Halterung mit Freisprecher ordern. Das „Drive Kit“ wird um eine App ergänzt, und in dieser Kombination erhält man ein vollwertiges iPhone-Navi, das sein Kartenmaterial lokal vorhält, also ohne Mobilfunkverbindung durch Westeuropa leitet. Kleine Extras sind ein Web-Radio und ein Fahrzeugfinder, der die Position speichert, sobald das iPhone aus der Halterung genommen wird.
Weitaus spannender ist das „Drive Kit Plus“ für 690 Euro, das aber zwingend die Musikanlage „Audio 20“ mit 15-Zentimeter-Display oder das größere Comand Online mit seinem 18-Zentimeter-Monitor voraussetzt. Der Pfiff dieser Plus-Lösung besteht darin, das zwingend mit einem Kabel angebundene iPhone im Handschuhfach verschwinden zu lassen - und seine Inhalte auf den Bildschirm in der Mittelkonsole zu bringen. Die Steuerung übernimmt fortan der Controller des Mercedes. Neu ist die Idee, dass die Inhalte vom kleinen Smartphone zum großen Bordmonitor wandern, indes nicht. Viele Autohersteller arbeiten an diesem „Terminal Mode“ oder „Mirror Link“, noch ist jedoch nichts serienreif. Und Mercedes-Benz überträgt keineswegs 1:1 alle Inhalte, sondern nur die Daten der hauseigenen App, die zudem im Vordergrund laufen muss.
Was wir bei der Vorstellung sehen konnten, lief jedoch butterweich und in schönster Cover-Flow-Manier. Mit dem Controller wechselt man flink von einer Abteilung zur nächsten, und das sind derzeit Facebook, Twitter, geteilte Inhalte aus den sozialen Netzwerken, die Navigation, Web-Radio und der Internetdienst Glympse, der anderen temporär Zugang zu den eigenen Standortdaten gibt.
Bei Facebook und Twitter werden neue Statusmeldungen während der Fahrt nur vorgelesen, Mercedes-Benz verweist auf die Fahrerablenkung. Klickt man mit dem Controller auf einen Link passiert nichts. Es gibt keinen Zugriff auf Facebook-Gruppen, Facebook-E-Mail oder Twitter-Listen, das Gebotene bleibt rudimentär und ist bestenfalls eine grobe Orientierung zum aktuellen Geschehen in den Netzen. Eigene Nachrichten kann man allein in der Form von Textbausteinen absetzen, hier lassen sich allerdings persönliche Inhalte wie das Navigationsziel oder die gerade gehörte Musik automatisch einfügen.
Innovativ tritt hingegen die „Social Playlist“ auf. In dieser Wiedergabeliste wird plattformübergreifend jeder Audio- und Videolink gesammelt, den die Freunde veröffentlicht haben - und man kann die Musiktitel der Netzbekannten während der Fahrt im Streaming-Verfahren hören. E-Mail und Apples kluge Assistentin Siri mitsamt ihrer Spracherkennung sind im Drive Kit Plus zum Marktstart nicht implementiert - noch in diesem Jahr wird die App entsprechend ergänzt. Die Navigation nutzt abermals Karten, die auf das iPhone geladen werden, die Software stammt von Garmin, wird aber für den jüngsten Mercedes angepasst. Hier fehlt ebenfalls die Spracheingabe von Navigationszielen, aber es gibt eine Google-Suche für Sonderziele. Die neue Anlage, die es auch in weiteren Mercedes-Benz-Modellen geben wird, soll mit dem schon angekündigten Betriebssystem iOS 6 zusammenarbeiten - und mit dem iPhone 5, das allerdings noch nicht offiziell vorgestellt wurde. Und Comand Online hat sich mit dieser iPhone-Integration nicht erledigt: Von 2013 an soll das High-End-System kompatibel mit der Apple-Welt werden.
Johann Jungwirth ist President und CEO Mercedes-Benz Research&Development in Palo Alto.
Lieber Herr Jungwirth, mit der neuen A-Klasse zieht die App in den Mercedes ein. An wen richten sich die neuen Angebote rund ums iPhone?
Die Hauptzielgruppe unserer neuen A-Klasse ist ein jüngeres Publikum. Darunter die Digital Natives, die jung geblieben sind und sehr intensiv ihr Smartphone für Social Media, Internetradio und ihren digitalen Lifestyle nutzen. Diese Kunden suchen eine moderne Lösung fürs Auto.
Und sie können dann Facebook und Twitter während der Fahrt mit dem Controller bedienen. Was ist mit der Fahrerablenkung?
Unsere App-Lösungen erfüllen alle internationalen Richtlinien zur Fahrerablenkung. In jedem einzelnen Punkt. Während der Fahrt setzen wir auf eine Vorlesefunktion für Nachrichten. Auch bei der Bedienung ist sichergestellt, dass möglichst wenige Schritte zum Ausführen einer Funktion verwendet werden. Menüs, Schriftarten und Symbole sind hinreichend groß. Texte kann man nur im Stand lesen.
Wie lassen sich eigene Twitter- oder Facebook-Meldungen absetzen?
Wir haben die Module für Facebook und Twitter so umgesetzt, dass sie im Fahrzeug sinnvoll darstellbar sind. Da steckt viel Intelligenz in den Apps. Man kann die aktuelle Position, das Fahrziel oder die gerade gehörte Musik mit zwei Klicks auf Facebook oder Twitter teilen. Zusätzlich gibt es die Option, vorgefertigte Nachrichten aus einer Liste auszuwählen. Diese Standardsätze lassen sich - im stehenden Fahrzeug - bearbeiten. Wenn wir in der zweiten Jahreshälfte Siri integrieren, wird man mit Spracherkennung Nachrichten, E-Mails und SMS diktieren können.
Andere Autohersteller setzen auf den Terminal Mode, der jetzt Mirror Link heißt. Warum weicht Mercedes-Benz von internationalen Standards ab?
Wir stehen ganz klar zu Mirror Link und werden einer der ersten sein, der die Technik ins Auto bringt. Aber nicht alle Smartphone- Hersteller und Anbieter von Unterhaltungselektronik werden Mirror Link unterstützen, dazu gehören etwa Apple und Googles Android-Betriebssystem. Wir entwickeln also parallel Lösungen für jene Geräte mit hohen Marktanteilen, die bei Mirror Link außen vor bleiben.
Wer sich gerade eine E-Klasse mit Comand Online gekauft hat, guckt nun eifersüchtig auf die A-Klasse mit ihrer besseren iPhone-Integration?
Unsere Apps und das Drive Kit Plus wird es künftig in weiteren Baureihen geben. Nicht nur in der A-Klasse, sondern auch in der B-, C- und E-Klasse.
Dann ist Comand Online ein Auslaufmodell?
Keineswegs. Comand Online ist für uns extrem wichtig, es ist unser High-End-System, es bietet mehr Inhalte und Funktionen, es ist flexibel erweiterbar über die Cloud. Wir haben erst vor kurzem zwei neue Apps mit Nachrichten und Online-Parkplatzsuche gebracht.
Aber das alles lässt sich nicht mit dem iPhone nutzen?
Sie können Comand Online vom kommenden Jahr an auch mit dem iPhone und dem Pan-Profil von Bluetooth verwenden. Damit sind dann alle Smartphones an Bord.
Können sich unabhängige Entwickler an den Mercedes-Benz-Apps beteiligen, oder bleibt dies ein geschlossenes Projekt?
Wir arbeiten intensiv in unserem Labor in Palo Alto an diesem Thema, haben aber noch nicht offiziell kommuniziert, auf welchen Plattformen und wo wir uns öffnen werden. Letztlich leben Smartphones und webbasierte Apps von der Entwickler-Community. Wir werden Wege finden, wie wir diese flexibel über SDKs oder Templates mit ins Boot nehmen können, wobei abermals die Fahrerablenkung zu berücksichtigen sein wird.
Die Fragen stellte Michael Spehr.
Raumschiff?
Jürgen Jacobs (juergenjacobs)
- 31.07.2012, 15:08 Uhr
Hoffentlich ist das schnell veraltet
Marvin Parsons (mapar)
- 30.07.2012, 21:13 Uhr
Freudsche Fehlleistung
Thomas Maedje (TaoMing)
- 30.07.2012, 14:40 Uhr
Sackgasse
Closed via SSO (Krakz)
- 30.07.2012, 12:36 Uhr
Dies ist nicht richtig! Mercedes-Benz diesbzgl. vorne...
Johann Jungwirth (JJungwirth)
- 30.07.2012, 11:28 Uhr