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Maxi-Scooter Aprilia SRV 850 Zur Vernunft bringt den keiner mehr

Neue Heimat für den stärksten Scooter der Welt: Aus dem Gilera GP 800 wird der Aprilia SRV 850. Man möchte so etwas wie den Maserati unter den Rollern unter die Leute bringen.

© Hersteller Vergrößern Jetzt bekommt der Gilera GP 800 eine zweite Chance

Der Piaggio-Konzern hat sich manche Verdienste um den Scooter erworben. Es macht ihm hier so schnell keiner etwas vor. Traditionelles wie die schöne Vespa (Seufzer) wird gepflegt, aber auch Unkonventionelles wie das dreirädrige Unikum MP3 angepackt. Und 2007 erschien der Gilera GP auf der Bildfläche, der Versuch, den Roller so dicht wie möglich dem Motorrad anzunähern. Ob Piaggio damit bisher viel verdient hat, ist zweifelhaft.

Walter Wille Folgen:    

Bis heute hat dem GP 800 keiner den Titel des stärksten, schnellsten Maxiscooters der Welt streitig gemacht. Noch immer allerdings ist er ein seltener Anblick auf den Straßen, in Deutschland und anderswo. Selbst in seiner italienischen Heimat kam er nicht so in die Gänge, wie sich das seine Entwickler erhofft hatten.

19156690 © Hersteller Vergrößern Ein schickes Cockpit

Auf der Suche nach Gründen dafür, stößt man rasch auf einige Punkte - sofern die im Rollergeschäft üblichen Maßstäbe des Nutzwerts angelegt werden. Ein Scooter hat nach allgemeiner Sichtweise durch praktische Qualitäten zu überzeugen und treu zu dienen. Hier verhält sich der teure Gilera wie ein Galopper, der eine Fuhre Heu ziehen soll. Das ist ihm zu schnöde, er hält sich für etwas Besseres. Unter die Sitzbank passt nicht mehr als ein Helm, in der Frontverkleidung gibt’s überhaupt kein Fach, der Stauraum ist für ein solch mächtiges Fahrzeug mickrig, ABS wurde immer nur angekündigt. Großer Wendekreis, langer Radstand, beträchtliche Masse sind nicht ideal für den Stadtverkehr. Und der Kettenantrieb nach Art des Motorrads, der eine gewisse Pflege erfordert, schreckte manchen Rollerfreund endgültig ab.

Spricht man die Mannen aus der Toskana mal wieder auf diese Dinge an, dann rollen sie unsichtbar mit den Augen, geben einem zu verstehen, dass man aufhören soll, so kleinlich zu sein, dass einem wohl entgangen sei, worauf es ihnen hier eigentlich ankommt. Vielleicht haben sie es in der Vergangenheit auch einfach nicht klar genug gesagt. Sie erlauben sich die Extravaganz, ein Fahrzeug der Vernunftklasse mit Unvernunft auszustatten.

Jetzt bekommt der Gilera GP 800 eine zweite Chance - als Aprilia SRV 850. Piaggio hat ihn von einer Konzerntochter zur anderen transferiert, um Schwung in die Sache zu bringen. Aprilia soll seine Expertise als Hersteller sportlicher Motorräder einbringen und sein Rennsportrenommee wirken lassen. Statt das Fahrzeug gewöhnlicheren Scootern anzugleichen, will man seinen Charakter schärfen. Man möchte es als so etwas wie den Maserati unter den Rollern unter die Leute bringen. Bei einem Maserati fragt auch keiner nach dem Kofferraum.

19156683 © Hersteller Vergrößern Fühlt sich bei 160 km/h stabil an

Man habe noch viel vor mit dem SRV 850, äußerten Aprilia-Strategen bei der Vorstellung der überarbeiteten Version. Im Italien wird sie sofort verfügbar sein, in Deutschland erst von Juni an, weil hier von vornherein und ausschließlich die Version mit ABS (endlich) und Traktionskontrolle angeboten werden soll, für 10 390 Euro inklusive Nebenkosten.

Aprilias Techniker haben sich den 839-Kubikzentimeter-Motor - einziger V-Twin der Rollerwelt, 90 Grad Zylinderwinkel - vorgenommen, die Motorsteuerung überarbeitet, Verbrauch und Schadstoffausstoß angeblich gesenkt und bei der Gelegenheit auch Leistung und Drehmoment angehoben. 56 kW (76 PS, bisher 69 PS) und 76 Newtonmeter (bisher 71) werden versprochen, 0 auf 100 in 5,7 Sekunden, dazu 195 km/h Höchstgeschwindigkeit. Das ist eine Ansage, kein anderer kann in dieser Hinsicht mithalten. Rahmen und Fahrwerk wurden angepasst. Dank eines deutlich vergrößerten Lenkeinschlags lässt sich nun auf einer schmalen zweispurigen Straße in einem Zug wenden. Das Handling insgesamt ist sehr annehmbar, wenngleich der 270-Kilo-Bolide sich nach wie vor wie ein Großapparat anfühlt: im Citygewühl nicht der Agilste, aber es geht.

In jedem Fall sieht er dynamischer aus als bisher. Das unspektakuläre Gilera-Kostüm wurde gegen einen kantigen Sportdress getauscht. Die Front erinnert an Aprilias Superbike RSV 4, es gibt rundum eine Reihe schicker Details am SRV 850 zu entdecken. Nicht mehr elektrisch verstellbar ist die niedrige Scheibe, Brust und Helm sind stets dem Fahrtwind ausgesetzt, es sei denn, man lässt gegen Aufpreis einen größeren Zubehör-Windschild montieren. Die sportlich straffe Sitzbank ist neu, das gesamte Arrangement für den Fahrer gelungen. Das gilt ebenso für die neue Abstimmung der Federelemente mit einem feinen Kompromiss zwischen Sport und Komfort.

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Wesentliches blieb, wie es war: der Zweizylinder elastisch im Stahlrohrrahmen montiert, automatische Kraftübertragung, Aluminium-Schwinge, Kettenantrieb, Reifen in motorradähnlichen Dimensionen (120/70-R16 vorn, 160/60-R15 hinten), leistungsfähige Bremsen. Der kernige Klang passt zum Auftritt des Aprilia, er lenkt sauber ein, fühlt sich zumindest bis 160 km/h (schneller waren wir bei der ersten Probefahrt nicht unterwegs) stabil an, hat reichlich Schräglagenfreiheit. Wie er antritt, wie er durchzieht, bei 130, 140 und darüber hinaus deftig zulegt, wie sich mit dem Gasgriff die Schräglage in der Kurve regulieren lässt - das geht über das Rollerfahren im herkömmlichen Sinn weit hinaus.

In der Prestigeklasse der Maxiscooter fechten die Anbieter mit lauter Neuigkeiten gerade die Führungsposition neu aus. Mal sehen, wie Aprilias Beitrag diesmal ankommt, ob es den Italienern gelingt, dem Publikum klarzumachen, wie sie das gemeint haben und worum genau es sich hier handelt. Kein nüchternes Nutzfahrzeug, sondern ein Büroexpress, eine Ampelrakete, mit der man sich abhebt, ein Ding, das die Fahrer schneller Autos und Motorräder verblüffen kann. Leute, wann begreift ihr das endlich?

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 31.03.2012, 14:00 Uhr

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