http://www.faz.net/-gy9-74m69
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.12.2012, 18:00 Uhr

Maserati Gran Turismo Sport Die italienische Charakterprobe

Der Gran Turismo Sport ist eine Probe auf den Charakter des Fahrers. Vor allem beim Frühstart in der Reihenhaussiedlung verscherzt man es sich mit den Nachbarn.

von
© Hersteller Wir fuhren den Maserati nicht im stumpf-dunklen Blau der Autos des Vatikan-Staats, sondern in „blu sofisticato“

Seit Maserati eine selbständige Abteilung von Ferrari ist und damit unter den Fittichen von Fiat fährt, geht es mit der Traditionsmarke aufwärts. Harald Wester, deutscher Manager mit VW-Konzern-Hintergrund, ist seit einigen Jahren Chef von Maserati und hat in Modena mehr erreicht als die meisten seiner Vorgänger: Maserati kam relativ gut durch die jüngste Krise, blickt optimistisch voraus, baut solidere Autos als je zuvor und ist dennoch italienisch geblieben. Nicht zuletzt deshalb, weil es kaum um Vernunft, sondern meist um Emotionen und um ein Leben geht, das üppig und dennoch beherrscht verläuft.

Wolfgang Peters Folgen:

Das vor kurzem abermals gestärkte Maserati Gran Turismo Coupé ist für beides gut: das hemmungslos triebhafte Ausleben von dunklen Leidenschaften in schnellen Kurven, in den akustischen Lusträumen von Hohlwegen und in einsamen Unterführungen beim richtigen Umgang mit den Arien des Autos. Oder es verkörpert eine Hommage an die stille Zeit eines intelligenten Lebensstils, als Männer noch Fred-Perry-Hemden mit heruntergeschlagenem Kragen trugen und die schweigsamen Frauen daneben am Ende des zierlichen Rückens nicht tätowiert waren. Kein anderes Auto prüft den Charakter des Fahrers intensiver.

22348755 © Hersteller Vergrößern Denn dieser Maserati ist wohl einer der letzten Sportwagen, den ein Herr mit perforierten Lederhandschuhen über den empfindsamen Pianofingern und einem gepunkteten Seidenschal im offenen Kragen überhaupt noch fahren kann

Wir fuhren den Maserati nicht im stumpf-dunklen Blau der Autos des Vatikan-Staats, sondern in „blu sofisticato“, leider mit aufdringlich wirkenden Karbonzutaten außen und mit viel zu hellem Leder innen, den Trident eingestickt in die Kopfstützen und die Kuhhäute vernäht mit dünnem, blauem Zwirn, die Bremssättel ebenfalls blau leuchtend, alles wie der Beginn einer Nacht an der Amalfitana, einer der schönsten Küstenstraßen der Welt. Aber wir tummeln uns im bayerischen Spessart und delektieren uns an den feinen Manieren der italienischen Nobilität. Die erste Probe auf den Charakter des Fahrers steht zum frühen Start in den herbstlichen Morgen ins Haus, präziser: in die Garage.

Der Maserati logiert in der mittleren von drei Abstellboxen, und er startet spontan, bösartig und kurz kreischend, mit rauschhafter Tourenzahl, er bleckt die Zähne wie die capitolinische Wölfin zum Schutz von Romulus und Remus, reißt an seiner Kette, dann ist der V8 erwacht, besinnt sich auf seine noble Erziehung, murmelt mit leicht erhöhter Leerlaufdrehzahl blubbernd und brabbelnd vor sich hin. Dann wählt der Fahrer die Fahrtrichtung, auf Tastendruck ruckt der Gran Turismo an, atmet fauchend durch, scheint die prallen Backen über den Hinterrädern zusammenzuklemmen und rollt in relativer Lautlosigkeit hinaus. Die alte Eiche, an der Achatz von Mechenhardt sein Leben ließ, schüttelt ein wenig Laub hinter dem Maserati her. Sie ist immer so sentimental.

22348753 © Hersteller Vergrößern Das erprobte Langbeinwesen auf dem Beifahrersitz wandert mit mildem Erstaunen durch die Preisliste des Maserati Gran Turismo Sport: 129 120 Euro werden für den 2+2-Sportwagen Modena verlangt

Das erprobte Langbeinwesen auf dem Beifahrersitz wandert mit mildem Erstaunen durch die Preisliste des Maserati Gran Turismo Sport: 129 120 Euro werden für den 2+2-Sportwagen Modena verlangt. Dass unser Exemplar auf 158 890 Euro kam, lag vor allem am Aerodynamik- und Karbon-Paket, das allein knapp 14 000 Euro zusätzlich forderte. Da dürfen die 90 Euro für „Teppichkeder in Nero“ oder die 540 Euro für das „Trident-Logo in Kopfstützen“ als Piccolezze gelten, deren Anwesenheit man als Serienausstattung erwarten könnte. Aber wir wollen nicht kleinlich sein und tauchen ein in die Welt einer italienischen Sportlichkeit, die aus der Vergangenheit einer lässigen Perfektion im Umgang mit Technik lebt und vielleicht deshalb einen festen Rang in der mobilen Gegenwart einnimmt.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fahrbericht Jaguar F-Pace Auf den Spuren des Cayenne

Alle Welt baut SUV, jetzt auch Jaguar. Und das gelingt den Briten gewiss nicht schlecht. Kein Wunder, bei der Nähe zu den Spezialisten von Land Rover. Mehr Von Boris Schmidt

22.08.2016, 16:02 Uhr | Technik-Motor
Osteria Francescana in Modena Das beste Restaurant der Welt

Nirgends speist es sich laut dem renommierten Restaurant Magazine so gut wie in der Osteria Francescana im italienischen Modena. Aber was macht das Drei-Sterne-Haus zum Besten Restaurant der Welt? Mehr

28.07.2016, 18:36 Uhr | Stil
BMW 320i Luxury Line Der 3er greift nach den Sternen

Beliebtester Motor für den 3er BMW ist und bleibt der 2,0-Liter Vierzylinder mit 184 PS. Wenn es etwas mehr Ausstattung sein darf: Der 320i Luxury Line im Fahrbericht. Mehr Von Boris Schmidt

14.08.2016, 14:12 Uhr | Technik-Motor
Modeshooting in der Fabrik Frauen und Autos...

Modern Times reloaded in der Fabrik in Turin, wo Maserati seinen SUV herstellt. Neue Autos, neue Mode: Das sitzt, passt, wackelt – und hat Lust. Mehr Von OLAF WIPPERFÜRTH (Fotos) und MARKUS EBNER (Styling)

15.08.2016, 17:42 Uhr | Stil
Nach Autounfall bei Olympia Deutscher Kanu-Trainer Henze in Rio gestorben

Der während der olympischen Spiele in Rio durch einen Verkehrsunfall lebensgefährlich verletzte Kanu-Assistenztrainer Stefan Henze ist tot. Er erlag den Folgen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas. Mehr

15.08.2016, 21:23 Uhr | Sport

Kein kalter Kaffee

Von Boris Schmidt

Neben Schmuck, Pyjamas, Sonnenbrillen, Hausschuhen, Reisen und Mobilfunkkarten will Tchibo nun auch Oldtimer offerieren. Mehr 1 0