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Lomographie Befremdliche Schönheit

In diesem Monat feiert die Lomographie ihr Bestehen seit 20 Jahren. Schon damals wurde die Geschäftsidee geboren, wie man aus technisch schlechten Fotos ordentlich Umsatz generiert.

In diesem Monat feiert die Lomographie ihr Bestehen seit 20 Jahren. Das hat schon seine Richtigkeit: 1992 wurde in Wien die Lomographic Society International (LSI) gegründet. Am 5. November jenes Jahres veröffentlichte die Wiener Zeitung ein kunststudentisches Manifest, das mit Zehn Goldenen Regeln wie „Don’t think“, „Sei schnell!“, „Du musst nicht im Vorhinein wissen, was auf deinem Film drauf ist“, „Im Nachhinein auch nicht“ oder „Übe den Schuss aus der Hüfte“ wie ein Ulk wirkte. Tatsächlich war damit aber die Geschäftsidee umrissen, wie man aus objektiv betrachtet technisch schlechten Fotos, hergestellt mit primitiven Kameras, einen international beachteten Fotostil und ordentlich Umsatz generiert. Heute kommt weder das Smartphone noch die anspruchsvolle Digitalkamera ohne die Fähigkeit aus, „Bilder befremdlicher Schönheit“ zu machen, greulich verzeichnet und farblich verfälscht, wie eine Spielzeugkamera mit abgelaufenem Filmmaterial.

Hans-Heinrich Pardey Folgen:  

Tatsächlich reicht die Geschichte der Lomo LC-A, die keineswegs als Toycamera gemeint war, aber noch zehn Jahre weiter zurück. Als St.Petersburg noch Leningrad ist, entschließt man sich bei Lomo, einem auch mit Militärtechnik befassten Optikunternehmen, eine kleine Kamera des japanischen Herstellers Cosina zu kopieren. 1984 beginnt die Massenproduktion, die das schwarze Knipskästchen bald auch bei den sozialistischen Brudervölkern populär macht. In Prag stoßen zwei Wiener Studenten 1991 auf die LC-A, und in Wien machen die „trashigen“ Bildergebnisse umgehend Mode: Auf der ersten Lomographie-Ausstellung - viele kleine bunte Bilder in sequentieller Struktur zu einer Art von Tapete geklebt, die „LomoWall“ - werden 700 LC-A verkauft.

1996 wollen die Russen die Produktion einstellen. Die Wiener reisen an und bewegen die Lomo-Leitung und einen Vizebürgermeister - „ein gewisser Wladimir Putin“, heißt es in lomographischen Geschichtswerken - zum Weitermachen. Zehn Jahre später wird 2006 die LC-A+ als Nachbau in China hergestellt. Der Nachbau ist besser als das Original, eigentlich viel zu gut, so dass für eine russische Linse besonders geworben wird, die angemessen fehlerhafte Bildergebnisse garantieren soll: „umwerfende Kontraste, tiefe Sättigung und eine charakteristische Vignettierung“.

Spätestens seit 1998 steht das Geschäft der Lomographic Society International nicht mehr nur auf dem einen Bein LC-A: Auf der Photokina wird das Modell Actionsampler präsentiert, das mit seinen wie Spinnenaugen aussehenden vier Linsen im Plastikgehäuse vier Bilder in Folge auf ein Kleinbildnegativ bannt. 2003 kommt Fashion hinzu und dann die Diana+, Nachbau einer Einfachstkamera aus den sechziger Jahren. Es kommt eine Fischaugenkamera, die zweiäugige Lubitel+, die kleine Sardina, die Sprocket Rocket, die auf die Filmperforation belichtet, dazu Instant-Rückwände und Mini-Kameras fürs 110er-Format. In diesem Herbst ist die Belair, eine Mittelformat-Klappkamera mit Wechseloptik für Formate bis 6×12, angekündigt worden.

Bis jetzt scheint sich die Prophezeiung „The Future is analogue“ zu bewahrheiten. Aber wissen möchte man schon, wie viele Lomographien nie Negativ waren, sondern aus digitalen Daten geprintet worden sind. Denn das Smartphone in der Hemdentasche macht mir mit zwei, drei Fingerstipps jede nach, eine Diana+, eine Sprocket Rocket, eine Fisheye oder eben eine Lomo LC-A.

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 12.11.2012, 14:00 Uhr

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