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Mutprobe am Magnetberg

Text und Bilder von GEORG KÜFFNER

03.04.2017 · Die letzte Dhau-Werft in Oman segelt zwischen mystischen Märchen und modernen Momenten. Gerade entstehen drei neue Boote. Sie werden teilweise von in Öl getränkten Kokosschnüren zusammengehalten.

Sehr langsam werden sie in Form gebogen. In winzigen Schritten nehmen die aus kräftigen Teakholzstämmen geschnittenen Schiffsplanken die Kontur einer Dhau an, jener seit Jahrhunderten rund um die arabische Halbinsel für Fischfang und Handel eingesetzten Holzboote. Mit solchen Booten segelten omanische Seefahrer bis an die afrikanische Küste und selbst nach Indien und China. Sklaven, Gewürze und Seide transportierten sie damit etwa auch nach Sur, einem ehemals wichtigen Handelszentrum an Omans Ostküste.

F.A.Z.-Karte Lev. In Sur findet sich Omans letzte Dhau-Werft.

Hier in Sur findet sich Omans letzte Dhau-Werft. An gleich drei Booten wird gearbeitet. Unterschiedlich weit sind sie aufgebaut. Die Montageschritte lassen sich gut erkennen. Die Beplankung links und rechts des längs verlaufenden, kräftigen Kielholzes wird ganz zu Beginn der Arbeiten horizontal ausgerichtet. Sechs Bretter auf jeder Seite. Keinerlei Krümmung oder Biegung ist zu sehen. Untergeschraubte Kanthölzer sorgen für den Verbund und halten Kontakt zum Kiel.

Anfangs liegen die Planken horizontal, um dann sukzessive nach oben gebogen zu werden. Zwanzig Zentimeter lange Nägel halten heutige Dhaus zusammen. Über die gesamte Länge spannt sich das Kielholz und ist damit Fundament des Boots.

Die Handarbeit herrscht vor Über Wochen tauschen die in Indien angeheuerten Bootsbauer die ebenerdig ausgerichteten Kanthölzer gegen immer weiter aufragende, winkelförmige Spannhölzer aus. Die Planken werden so sukzessive nach oben und in die typische bauchige Bootsform gedrückt. Dabei fällt großen Sechskant-Holzschrauben eine entscheidende Aufgabe zu. Mit ihnen werden die Planken an die Spannwinkel gepresst. Kraftvolle Elektroschrauber übernehmen diese Aufgabe, das schafft man nicht mit Muskelkraft. Liegen die Schiffsplanken an Ort und Stelle, werden die Schrauben Stück für Stück gelöst und durch lange, geschmiedete Nägel ersetzt. Deren Köpfe verschwinden in den Bohrlöchern, die anschließend verschmiert werden.

  • Hilfsmittel: Die außen aufgeschraubten Biegehölzer drücken die Planken in Form.
  • Durchaus majestätisch: Der Bootsrumpf hat seine endgültige Form gefunden.

Trotz des Einsatzes von Schraubern, Bandsäge und anderem modernen Hilfsgerät, beim Dhaubau herrscht noch immer Handarbeit vor. Konstruktionszeichnungen gibt es keine. Ungewöhnlich ist das Bauen von außen nach innen. Erst nachdem die Außenhülle geformt ist, werden die Spanten eingepasst. Eine Vorgehensweise, die man über Jahrhunderte immer weiter perfektioniert hat. Wie auch das lange übliche „Schnüren“ der Boote. Sowohl die Schiffsplanken als auch die Bretter des Rumpfes wurden von in Öl getränkten Kokosschnüren zusammengehalten. Diese Boote galten als besonders flexibel und stabil.

Ausladend: Das Deck einer Dhau bietet reichlich Platz.

Geschnürte Boote trotzen dem Magnetberg Bewiesen hat das der Ire Timothy Severin, der sich 1980 mit Unterstützung des Sultans Qaboos von Oman mit einer traditionell gefertigten Dhau für sieben Monate auf eine Fahrt nach Kanton in China aufmachte. Das Boot kam ohne jegliches Metall aus, mussten der Überlieferung nach die Dhaus doch in der Lage sein, an sagenumwobenen Inseln mit rätselhaften Magnetbergen vorbeizusegeln. Nur weil Sindbad, so die Erzählung von Scheherazade in der 14. von 1001 Nächten, auf einem solchen geschnürten Boot fuhr, konnte er die Insel problemlos passieren. Aus den anderen vorbeisegelnden Schiffen zog der Magnetberg alle Nägel, so dass sie auseinanderbrachen und sanken.

  • Dhau-Wrack am Strand von Sur
  • Dhau-Wrack am Strand von Sur
  • © Picture-Alliance Ein Dhau-Denkmal in Sur in der Lagune der vielen Werften
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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 03.04.2017 10:42 Uhr