Noch liegt das Summen des V8 in der Luft. Aber die einzige Serienlimousine mit einem Ferrari-Motor ist von kaltem Staub bedeckt. Ihr Bild aus innerer Eleganz und behutsam vorgetragener Kraft ist nur noch Erinnerung. Dunkles Rot im Karosseriekleid, ein seitlicher Pinselstrich an den Flanken, zart wie das Flirren einer Libelle im Dunst des Lago di Bracciano, und im Innern schon etwas brüchiges, blaues Leder mit einer Fältelung, die nicht unter dem Gesäß des Fahrers entstand. Beim Abkühlen knackte der vornehm-scharfe Lancia Thema 8.32 einst wie die Knie eines alten Mannes. Sein automatisch ausfahrender Spoiler demütigte vor 25 Jahren auf der Autostrada jeden Porsche.
Der Lancia Delta HF Integrale wird vor der Kurve von seinem Fahrer zusammengestaucht wie ein Hund, der wieder den Briefträger niedergerissen hat. Dann hält die rechte Fußspitze noch die Bremse, links wird gekuppelt, Hacke rechts kurz auf dem Gas, links wieder die Kupplung, zweiter Gang knallt rein, rechter Fuß voll aufs Gas, der bis an die Grenze zum Platzen belastete Vierzylinder schreit unter dem Druck des Turboladers, irgendwo wimmert ein Ritzel, aus dem Auspuff prallen die heißesten Gase in diesem Universum, und dann presst die Motorkraft alle vier Räder mit ganz geringem Traktionsverlust in die Risse der Straße, der Lancia bockt und arbeitet um die Längsachse, gewinnt den Kurvenausgang, fliegt in die nächste Kurve, erreicht das Drehzahllimit und geht auf der Kuppe bei 180 kaum aus den Federn. Es war vor 20 Jahren ein hartes Leben in dem viertürigen, kompakten ultra-übermotorisierten Lancia, der als geheimes Zeichen seiner Möglichkeiten im Kühlergrill die gelben HF-Buchstaben mit einem roten Kleinelefanten trug, der mit erhobenem Rüssel ungeachtet von Sport und Speed noch Zeit zum Lächeln fand. Jetzt lächelt bei Lancia niemand und nichts mehr.
Die Liste der Lancia-Erlebnisse ließe sich beinahe beliebig verlängern. Nicht nur mit herrlichen Abenteuern an Bord von charakterstarken Mobilen, die wohltuend ins Bild der Marke passten. Da gab es den Trevi, eine schon bei der Präsentation zum Beginn der achtziger Jahre wie ein Altersheim auf Rädern wirkende Limousine oder den noch früher gescheiterten Beta Berlina mit einem plumpen Heck und einer Frontpartie aus den drückenden Träumen bewegungsarmer Designer. Mit einer Armaturentafel, die wegen ihrer unzähligen Vertiefungen aussah wie alter Schweizer Käse und ab 1976 den Gamma, eine herrlich unnötige Oberklassenlimousine, die den ganzen Starrsinn der Marken-Oberen dokumentierte: ein schräges Heck und einen kleinen Vierzylinder-Boxer mit Frontantrieb wollte eigentlich keiner in dieser Klasse. Das Gamma Coupé von Pininfarina trug eine Karosserie aus der Harmonie einer unglücklichen Ehe und jener feinen Noblesse, die Lancia vergebens versuchte später auf seine Kleinwagen, den hübschen, aber anfälligen A 112 (Autobianchi atmete noch) und lästerlich simpel gezeichneten Y10, zu übertragen. Wenig gelungene Limousinen wie Kappa und Thesis, deren Designbotschaft nur mit einer Flasche vom besten Barolo in Reichweite zu begreifen war, führten die Marke an den Abgrund. Und es war nicht zu erkennen, dass die verschiedenen Heilsbringer an der Spitze des Fiat-Konzerns überhaupt noch an Lancia dachten.
Die fernere Vergangenheit glühte nur noch in den Erzählungen der Senioren und in den alten Filmen, wo Männer mit offenen Hemden in offenen Lancias durch Nächte fuhren, die niemals enden sollten. Mit Frauen daneben, die beim Lachen den langmähnigen Kopf in den Nacken legten und ihre Kehle zum zärtlichen Biss anboten. Das waren die großen Lancia-Jahre vor und kurz nach dem Krieg, mit den atemraubenden Astura-Derivaten von Pininfarina, hinreißend geschneiderten Cabriolets und Coupés, mit dem Aprilia, einer kleinen, bulligen Buckellimousine, und zuvor natürlich in den dreißiger Jahren mit dem Lambda und Dilambda und dem technischen Fortschritt, der einst neben Sporterfolgen, der erlesenen Schönheit des Designs und einer unvergleichlich elitären Ausstrahlung die Marke auf die Höfe der Fürsten und in die Parks und vor die Paläste der großen Welt geführt hatte.
Ein Lancia, das waren Automobile jenseits der Pizza-und-Pasta-Fraktion von Fiat: in den fünfziger Jahren die Appia- und die Aurelia-Limousinen, das war später die mächtige Flaminia Berlina, die Flaminia Coupés mit einer unvergleichlich arroganten Ausstrahlung, die exzentrisch und teilweise skurril gezeichneten Flavia Berlina oder auch der Flavia Sport von Zagato, dessen Design signalisierte, dass man ihn besser nicht fahren sollte, wenn man nicht als Trottel gelten wollte. Zwischen 1960 und 1980 wurden etliche Lancia-Typen absichtlich derart ungewöhnlich gekleidet, dass die Vermutung nahelag, sie seien eigentlich gar nicht zum Verkauf bestimmt. Erst mit dem Delta zum Beginn der achtziger Jahre und später mit dem davon abgeleiteten Prisma sowie dem Lybra und Dedra sowie der großen Thema-Limousine (Turbo-Diesel!) wurde Lancia überhaupt wieder sichtbar auf der automobilen Landkarte. Aber Lancia verlor sich zunehmend im Dunst des Fiat-Konzerns, der andere Sorgen hatte, als sich um diese automobile Nebensächlichkeit wirklich intensiv zu bemühen.
Vielleicht ist der Marke auch der Zeitgeist einfach davongefahren, es hat sich die schnelllebende Internetgeneration von ihr abgewendet, und sie lieferte nicht mehr jenen Inhalt, den distinguierte Kunden erwarteten. Manche Entwicklungen sind nicht aufzuhalten, und mit Chrysler-Automobilen, die nur über das Markenzeichen und mit italienischem Geschmack im Innenraum als Lancia gelten sollten, ließ sich das Unheil nicht aufhalten. Damit wurde das Ende von Lancia eher beschleunigt, und die Tragödie findet eigentlich bei jenen Kunden statt, die sich noch einen Lancia Thema kauften, der ein Chrysler mit alter Mercedes-Technik ist. Man muss ihn fahren bis ans Ende aller Tage.
In den für engagierte Autofahrer unangenehmen Jahreszeiten Herbst und Winter ist der 20 Jahre alte und mit ewiger Jugend begabte, allradgetriebene Delta Integrale ein wunderbarer Begleiter. Niemand erkennt in ihm den Meister winterlicher Bergstraßen oder den Herrn einsamer Landwege im Herbst. Mit Vollgas im dritten bei etwa 60 an die Steigung heran und dann auf der Woge des Turboladers surfend mit vollem Schub die Höhe erreichen. Da kann es keinen Zweifel geben: Lancia lebt noch irgendwie.
Lancia beantwortet die Frage nach der Zukunft doch selbst
Kai Schraube (schrauber)
- 08.11.2012, 09:52 Uhr
Addio oder Arrivederci?
lothar kempf (wilkem)
- 07.11.2012, 12:35 Uhr
Fiat opferte das Rallye-Engagement von Lancia für das in der Formel
1 von Ferrari
Christina Berghoff (cbergh)
- 06.11.2012, 21:27 Uhr
Mein Favorit ist das Aurelia Cabrio
Heinz Rehbein (rehbein2)
- 06.11.2012, 18:57 Uhr
Stil und Klasse
Arnim Dahlen (Arnidee)
- 06.11.2012, 17:37 Uhr