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Kawasaki Z 800 : Nach mir die Sintflut

Die Kawasaki Z 800 ist überaus aggressiv gezeichnet Bild: Double Red

Geht es ums nackte Motorrad, ist Kawasaki auf Zack. Jetzt kommt die neue Z 800. Erster Fahrtbericht mit Wasserstandsmeldung.

          Ziemlich viel Regen war angekündigt. Dass es nass wird, war zu erwarten. Aber so nass? Wann ist das letzte Mal jemand beim Motorradfahren ertrunken?

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Immer, wenn man denkt, jetzt schüttet’s gerade heftig, mischt sich noch ein Turboschauer ein. Mit Tropfen, deren Einschlag durch die Handschuhe zu spüren ist. Schon sind sie voll Wasser, die wasserdichten Handschuhe. In den Stiefeln steigt der Pegel. Vorsorglich stecken Füße und Socken in Plastiktüten, links Edeka, rechts Mediamarkt, man ist ja nicht blöd. Oder doch? Fühlt sich an wie ein Tümpel da unten. Tüten undicht? Spritzwasser mit Schwitzwasser?

          Die Klärung der Frage muss zurückgestellt werden, im morgendlichen Berufsverkehr herrscht Nahkampf, bei dem Ortsfremde ins Schwimmen geraten können. Überflüssigerweise beschlägt das beschlagfreie Visier. Lüftet man durch Öffnen, kommt es von vorn wie aus der Brause in den Helm. Gischt verdirbt die Sicht, und das Motorrad, das unter einem brummt, sieht aus wie ein Biest, das ein zügelloses Leben führt und nichts so sehr verabscheut wie Langsamfahren im Regen. Wie schafft man es unter diesen Umständen heil durch das Staugewürge zwischen Monte Carlo und Nizza? Nach mir die Sintflut, ist der bevorzugte Fahrstil.

          Kawasakis Vorfahrer lässt sich nicht lumpen, der Sonne entgegen, die anderthalb Stunden südwestlich, am Massif de l’Estérel, tatsächlich scheinen soll. Alle Mann hinterher. Lauter Pärchen rot leuchtender Z wuseln sich durch. Der letzte Buchstabe des Alphabets bildet das Rücklicht der Kawasaki Z 800: links ein Z, rechts davon in Spiegelschrift ein zweites. Originell! Selbst von hinten ist die Neue unverwechselbar.

          Im Regen zeigt sich, wie gutmütig sie ist
          Im Regen zeigt sich, wie gutmütig sie ist : Bild: Hersteller

          Für die Vorgängerin galt das noch nicht. Gleichwohl war die Z 750 - im Jahr 2004 in Dienst gestellt und von 2007 an in zweiter Generation gebaut - ein wichtiges, erfolgreiches Modell für Kawasaki. Exakt 158 674 Einheiten kamen zusammen, wie die Japaner vorrechnen, die Z 750 sei auch 2012 noch Marktführer in der Klasse der sogenannten Midsize-Streetfighter. Doch die Konkurrenz schläft nicht. Deshalb haben die Grünen den Hubraum des Reihenvierzylinders auf 806 Kubikzentimeter aufgestockt, eine Leistungssteigerung auf 83 kW (113 PS) bei 10 200/min verordnet, das Drehmomentmaximum auf 83 Newtonmeter gehievt und in etwas niedrigere Drehzahlregionen verschoben, so dass summa summarum untenherum mehr Dampf zur Verfügung steht und es oben heraus trotzdem klingelt. Eine kürzere Endübersetzung steigert die Spritzigkeit.

          Überarbeitet wurden ferner Stahlrahmen, Bremsen, Fahrwerk. Auffällig ist, wie sensibel die Federelemente zu Werke gehen, vor allem an der Front. Der Motor verschont die Besatzung mit störenden Vibrationen, allenfalls um 6000/min ist Vierzylinder-Kribbeln zu spüren. Das modifizierte Getriebe (“besseres Schaltgefühl“) weckt Zweifel am Fortschritt, die Schaltungen der drei Testmaschinen, die wir während der Fahrvorstellung bewegten, erzeugten ein Gefühl der Hakigkeit. Die Bremsen erledigen ihre Aufgabe wirksam, ohne rabiat zuzupacken, was kein Nachteil sein muss, denn die Z 800 richtet sich nicht nur an routinierte, sondern auch an unerfahrene Piloten. ABS zählt in Deutschland zur Standardausstattung nicht nur der Z 800 mit voller Leistung (9495 Euro plus Fracht), sondern auch der auf 70 kW (95 PS) gedrosselten, 900 Euro billigeren E-Version.

          Ein würdiges Rücklicht für 40 Jahre Z-Baureihe
          Ein würdiges Rücklicht für 40 Jahre Z-Baureihe : Bild: Wille

          Trotz all der technischen Entwicklungsschritte - die wichtigste Neuerung betrifft das Aussehen, wie selbst die Kawa-Strategen meinen. Die Aufmachung der Maschine ist auf geradezu hemmungslose Art aggressiv. Das wird Bewunderung hervorrufen und verächtliches Naserümpfen, die Z 800 taugt als Feindbild und als Vorbild, dazwischen ist wenig vorstellbar. Kawasaki selbst spricht von einem „entfesselten Design“, nennt „Wildheit“ als Leitmotiv. Schon die Z 750 war kein schüchternes Mauerblümchen, doch neben der Neuen wirkt sie plötzlich wie Rotkäppchen in der Punkerkneipe. Rundherum - nicht nur am Rücklicht - taucht als Gestaltungsmittel immer wieder die Form des zackigen Z auf, manchmal prominent, manchmal dezent. Das ist eine charmante Idee, 40 Jahre nach der Geburt der Z-Baureihe mit der 900 Z1 Super Four.

          Leider bringt einen im Regen Charme nicht weiter. Was unter schwierigen Bedingungen hilft und unter allen Umständen den Fahrspaß steigert, sind ein sanft ansprechender, feinfühlig am Gas hängender Motor, ein Handling, das vom ersten Moment an Vertrauen stiftet. Derlei Tugenden liefert die knapp 230 Kilo wiegende Z 800 in einem Umfang, den man ihr angesichts ihres Testosteron-Looks nie und nimmer zugetraut hätte. Hinter der giftigen Fassade steckt Maschinenbau mit einem guten Herzen. Zwar ergibt sich durch den nunmehr flacheren, weniger gebogenen Lenker eine Ellbogen-raus-Haltung, dank einer höheren Lenkerbefestigung allerdings bleibt die Sitzhaltung entspannt, die Übersicht gewahrt. Bloß nach hinten hapert’s, die Rückspiegel zeigen hauptsächlich die eigenen Unterarme. Was der Z 800 zum Liebhaben sonst noch fehlt: eine Ganganzeige im futuristischen, ausschließlich digitalen Cockpit.

          Was ihr nicht fehlt: Agilität, Stabilität, Dynamik. Das erweist sich mit dem Erreichen der ersten trockenen Kurven auf dem Land. Die Hektik der Städte weicht einem flüssigen, ausgesprochen harmonischen Fahren in einer weiten Drehzahlspanne. Da staunt Street Fighting Man: Ordert wild und bekommt zugleich mild.

          Die E-Version und das Drosseln für den A2

          Auf dem Motorradmarkt wächst das Angebot an Maschinen mit 35 kW (48 PS). Der Grund: Am 19. Januar 2013 tritt die neue Führerscheinverordnung in Kraft, die Einstiegslizenz A2 berechtigt dann zum Fahren von Motorrädern mit bis zu 35 kW Höchstleistung. Die bisherige Grenze war niedriger: 25 kW (34 PS). Mit 48-PS-Motorrädern dürfen - nach einer praktischen Prüfung - auch 125er-Piloten mit zweijähriger Fahrpraxis loslegen sowie jene, die ihren Autoführerschein vor dem 1. April 1980 erworben haben (bisher durfte diese Gruppe nur Leichtkrafträder bis 125 Kubik bewegen). Eine theoretische Prüfung ist nicht gefordert. Was das Drosseln auf 35 kW betrifft, gilt nach der EU-Regelung künftig Folgendes: Nur Motorräder, die nicht mehr als die doppelte Leistung - also 70 kW (95 PS) - haben, dürfen auf 35 kW reduziert werden. Hier geht Deutschland einen Sonderweg, erlaubt das Drosseln stärkerer Maschinen auf 48 PS. Dennoch bietet Kawasaki auch in Deutschland eine E-Version der Z 800. Sie hat nicht 83 kW (113 PS), sondern von vornherein 70 kW (95 PS), ist somit überall in der EU drosselfähig. Kawasaki Deutschland argumentiert, die E-Version nehme hiesigen Kunden die Sorge, ob sie mit der gedrosselten Maschine ins Ausland fahren dürften und ob die deutsche Sonderregel auf Dauer Bestand habe. Die E-Version unterscheidet sich von der Standard-Z 800 überdies durch die Federelemente (weniger Einstellmöglichkeiten) und Details im Design (Krümmeranlage nicht hochglanzpoliert, Sitzbezug ohne Z-Muster, keine Felgenringe, andere Farbgebung). Dafür ist sie mit 8595 Euro (plus Fracht) 900 Euro günstiger. Die unteren Motorseitenabdeckungen bietet Kawasaki Deutschland gratis an, obwohl sie nicht zur E-Version gehören.

          Quelle: F.A.Z.

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