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Vernetzte Autos : Datenautowahn

Zeigen, kreisen, berühren: Das Display des neuen 7er BMW vereint viele Daten, die das Fahrzeug aus der Cloud bezieht. Bild: Felix Schmitt

Das Auto wird zum Rechner auf Rädern: Das Geschäftsmodell der Zukunft sind die Daten der Passagiere. Deren Smartphone startet die nächste Stufe der Vernetzung.

          Die IAA eine Google-Show? Nein, der amerikanische Konzern lässt seine selbstfahrenden Autos zu Hause. Aber Google ist auf der Automobilausstellung in Frankfurt präsent wie nie. Die Vernetzung ist das zentrale Thema der Messe, und die Autohersteller wissen, dass sie mit den jungen Unternehmen aus dem Silicon Valley zusammenarbeiten müssen. Denn jetzt zündet die zweite Stufe der Vernetzung.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Die erste konnten die Fahrzeughersteller mit hauseigenen Mitteln nehmen. Es handelte sich darum, die Bordsysteme für Navigation und Unterhaltung fit fürs Internet zu machen, sie um E-Mail und SMS-Funktionen zu ergänzen oder gar einen Web-Browser einzubauen. Das alles war ein geradezu harmloses Unterfangen angesichts der nun zu bewältigenden Herausforderungen. Es geht nicht nur um Komfortfunktionen für den Autofahrer, sondern auch darum, ihn als Passagier an Bord eines neuen Ökosystems Auto zu sehen. Das ist mit der „Digitalisierung des Autos“ gemeint, wenn BMW-Chef Krüger die Idee beschwört, dass das Fahrzeug der Zukunft schon in wenigen Jahren Geschäftsreisen organisiert, Hotelbuchungen vornimmt und Karten für die Oper reserviert.

          Die Erforschung des Autofahrers

          Das Ökosystem Auto erzeugt Daten, die wiederum die Ausgangsbasis für neue Geschäftsmodelle sind, wie sie die amerikanischen Unternehmen rund um Smartphones und Apps bereits entwickelt haben. Sie wissen nicht nur, wie man die Anwendungen programmiert, sondern darüber hinaus, wie mit und in den Programmen neue Kundenbeziehungen aufgebaut werden, wie man den Nutzer durch Anwendungen am besten hindurchführt, ihn mit attraktiven Angeboten lockt und welche Schritte auf dem Weg zur Monetarisierung am erfolgreichsten sind. Gleich den Smartphone-Nutzern müssen also künftig die Autofahrer und ihre Wege, ihre Gewohnheiten und Vorlieben erforscht werden.

          Continental zeigt ein Touchpad, das es dem Benutzer erlaubt Buchstaben zu zeichnen. So kann ein Eintrag im Adressbuch aufgerufen werden.
          Continental zeigt ein Touchpad, das es dem Benutzer erlaubt Buchstaben zu zeichnen. So kann ein Eintrag im Adressbuch aufgerufen werden. : Bild: Felix Schmitt

          Mercedes-Chef Zetsche sprach zu Beginn der IAA davon, dass das Fahrzeug den Arbeitsweg und den Fahrstil kenne, die Termine und den Musikgeschmack: „Allein der Autositz könnte selbständig einige Vitaldaten seines Besitzers checken.“ Zusätzlich könne das Auto je nach Blutdruck oder Pulsschlag neben der Musik auch mit Licht, Temperatur und Duft die gesamte Atmosphäre im Mercedes-Benz verändern, meinte Zetsche. Wie in der Google-Welt würde also das Auto der Zukunft fortwährend eine Datensammlung und -auswertung im Hintergrund vornehmen, um jederzeit zu wissen oder zumindest versuchen vorherzusagen, was der Kunde demnächst will.

          So wundert kaum, dass alle Fahrzeughersteller ihre Smartphone-Apps immer weiter ausbauen. Das Smartphone ist der wichtigste private Datenspeicher, quasi der Universalschlüssel. Folglich geht Mercedes mit seinem Angebot für Vernetzung und Konnektivität jetzt in die Breite. Die Massenbasis möglicher App-Nutzer soll größer werden. Nicht nur die Käufer eines Neuwagens sind angesprochen, sondern auch diejenigen, die schon einen Mercedes besitzen. Das neue Angebot „Me“ erlaubt erstmals die Anbindung älterer Fahrzeuge vom Baujahr 2002 an. Dazu benötigt man einen Connect-Me genannten Adapter, der vom Händler an die fahrzeugseitige Schnittstelle für die Onboard-Diagnose angeschlossen wird. Der Adapter kommuniziert fortan via Bluetooth mit dem Kunden-Smartphone, das wiederum den Internetzugang herstellt. Die Mercedes-Me-App für iOS und Android gestattet den Zugriff auf die Dienste, sie liefert Informationen zum Fahrzeugstatus, zu Echtzeitverkehrsinformationen – und eine Fußgängernavigation.

          Mobilität der Zukunft : Vernetzte Autos als Zukunftsmodell

          E-Klasse vernetzt sich bald mit anderen Autos

          Damit das Smartphone besser zum Bordsystem passt, unterstützt Mercedes künftig Apples Car Play und Mirrorlink. Car Play war schon 2014 zum Marktstart der C-Klasse angekündigt worden. Die Technik fährt also mit fast zweijähriger Verzögerung vor. Das hauseigene Comand Online wird ausgebaut, und die künftige E-Klasse, die Anfang 2016 vorgestellt wird, soll als erstes Fahrzeug der Welt mit Car-to-X ausgerüstet sein, sich also automatisch mit Autos in der Umgebung vernetzen. Ferner hat die E-Klasse den digitalen Fahrzeugschlüssel, der den Einsatz des eigenen Smartphones mit NFC anstelle eines Schlüssels erlaubt.

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