28.11.2011 · Nach dem „Aus“ von Flash für Mobilgeräte rückt HTML 5 stärker in den Blick: ein offener Standard für das Internet der Zukunft. Aber es gibt Zweifel.
Von Peter WelcheringSmartphones und Tablet-PC sind derzeit in Mode. Mit ihnen liest man Nachrichten und Websites, studiert neue Angebote und verfolgt das Weltgeschehen. Den Verlagen und Medienhäusern machen die neuen Geräte indes das Leben schwer. Denn wer die statische Zeitschrift oder Zeitung ins mobile Internet bringen will, muss sie mit Videos, Animationen und interaktiven Apps anreichern. Bei diesen Extras hat lange Zeit das Flash-Format von Adobe den Ton angegeben. Doch viele Flash-Anwendungen haben Sicherheitslücken, Apple verbannte gar Flash von iPhone und iPad. Nun hat Adobe aufgegeben. Flash auf Mobilgeräten ist tot, man setzt auf HTML 5.
HTML ist der Stoff, aus dem die Web-sites sind. Das Kürzel steht für "Hypertext Markup Language" und bezeichnet eine Seitenbeschreibungssprache. Das klingt langweilig, ist aber spannend. Denn HTML-Seiten mit ihren Texten, Fotos, Videos, Audiodateien und Links sind sozusagen die Grundlage für das World Wide Web. Alles, was der Browser zeigt, ist HTML.
Der Physiker Tim Berners-Lee konzipierte HTML seit Ende der 1980er Jahre, als er am europäischen Kernforschungszentrum Cern in Genf arbeitete und nach einer Methode suchte, die in Fußnoten genannte Literatur direkt anzuzeigen. Deshalb waren die ersten Websites zunächst "textlastig", Bilder kamen erst später hinzu. Und mit der Integration von Videos taten sich die Entwickler und Anbieter im World Wide Web immer etwas schwer. Bis heute benötigt der Browser dafür eingebettete Zusatzsoftware, sogenannte Plug-ins, um das komprimierte Video auf den Bildschirm zu bringen,
Weil stets drei bis vier unterschiedliche Videoformate im Netz sehr populär sind und nicht jeder Browser jedes Plug-in unterstützt, müssen die Betreiber von Online-Portalen ihre Videos in mehreren unterschiedlichen Formaten vorhalten. Das kostet viel Speicherplatz, und die Konvertierung von einem Format ins andere ist lästig.
Deshalb war zunächst die Erleichterung groß, als Adobe mit seinem Flash-Videoformat von 2006 an einen Siegeszug antrat und sich als De-facto-Standard zu etablieren schien. Doch Sicherheitslücken und sein "Ressourcenhunger" brachten Flash immer wieder in Misskredit. So wundert Apples Veto gegen Adobe nicht. Medienhäusern und Verlagen beschert das Schwierigkeiten. Einerseits bietet ihnen das iPad neue Wege, um junge Zielgruppen mit den Tablet-Ausgaben von Zeitungen und Zeitschriften zu erreichen. Andererseits ist die Produktion der Medieninhalte für moderne Flachcomputer eine aufwendige Angelegenheit. Derzeit werden die Texte, Fotos und Bewegtbilder für Tablet-Publikationen entweder mehr oder weniger händisch mit zusätzlichen Produktionstools aufbereitet. Oder die Verlage begeben sich in die Abhängigkeit des amerikanischen Softwareherstellers Woodwing, der ein "Crossmedia-Publishing" als Ergänzung zu vorhandenen Redaktionssystemen anbietet. Ein deutscher Mitbewerber in diesem Bereich (das von Neofonie und der 4tiitoo AG entwickelte Redaktionssystem "We-Magazin") scheint zusammen mit seinem gescheiterten Tablet-Computer "We-Tab" in der Bedeutungslosigkeit versunken zu sein.
Doch wer die Abhängigkeit von nur einem Systemanbieter nicht scheut, hat noch längst nicht alle Schwierigkeiten bei der Produktion für verschiedene Plattformen gelöst. Bevor Woodwing aus der statischen Zeitung oder Zeitschrift ein elektronisches Magazin mit vielen interaktiven und multimedialen Elementen machen kann, sind aufwendige Konvertierungs-Arbeiten und Formatanpassungen erforderlich. Einige Verlagshäuser haben "Playout-Center" aufgebaut, wie sie aus der Fernsehindustrie bekannt sind. Dort werden die Medieninhalte in mehreren unterschiedlichen Formaten vorgehalten und vom Seitenauslieferungs-Algorithmus des Redaktionssystems für die jeweilige mobile Internet-Anwendung abgerufen.
Das neue HTML 5 soll die Lösung für dieses Wirrwarr der Systeme, Anwendungen und Formate sein. Zumindest hoffen das viele Verlagsmanager, Publizisten und Seitenbetreiber. Seit 2008 wird an der neuen Version gearbeitet. Im Jahr 2014 soll HTML 5 dann endgültig auf allen Servern der Welt für klassische Internetauftritte und mobile Dienste eingesetzt werden. Jetzt stehen die letzten Arbeiten zur Standardisierung an. Und die werden von vielen Vertretern der Web-Wirtschaft und von zahlreichen Verlagsmitarbeitern begeistert begleitet.
Manche sprechen schon von einem HTML5-Hype, soll doch der neue Standard endlich Videodateien und Audio-Podcasts direkt einbinden und im Browser abspielen können. Zusätzliche Softwarepakete für Multimediales wären dann überflüssig, die Bereitstellung von Videos in diversen Formaten unnötig.
Da ist es nur zu verständlich, dass alle der Einführung von HTML5 entgegen fiebern. Dumm nur: HTML5 löst seine Versprechen vermutlich nicht voll ein. Nach wie vor werden die Inhalte-Anbieter unterschiedliche Videoformate vorhalten müssen, und es wird wie gehabt zusätzliche Apps für Multimediales geben. Der amerikanische Fachautor Brooks Andrus hält das Bewegtbild-Konzept von HTML5 für "einen schlechten Scherz".
Dazu muss man die Vorgeschichte kennen. Verschiedene Interessengruppen haben sich in den vergangenen Jahren gegenseitig blockiert, so dass die Standards für die Kodierung von Audio- und Videosignalen bei HTML 5 noch weitgehend ungeklärt sind. Browserhersteller Mozilla hätte sich beinahe mit seinem Vorschlag durchgesetzt, das freie Videoformat "Ogg Theora" zu verwenden. Dieses Format ist schon älter und wurde ursprünglich als patentfreie Alternative gern von Unix-Entwicklern genutzt. Die Mozilla-Entwickler haben den Codec schon in Version 3.5 ihres Firefox-Browsers eingearbeitet, auch Opera und Google Chrome unterstützen ihn.
Doch dann fuhr Apple Mozilla in die Parade und beharrte auf einem Codec namens H.264 für die Videokompression. Der Vorstoß aus Cupertino wurde von vielen Entwicklern zunächst nicht ernst genommen. Apple hatte aber schon mit seiner Multimedia-Software Quicktime (von Version 7 an) die Unterstützung von H.264 festgelegt und im portablen Videobereich für iPhone und iPad als verpflichtende Mindest-Spezifikation definiert. Das entsprechende Dateiformat MP4 befeuerte deshalb mit der Auslieferung des iPad seine Karriere, ließ dabei aber noch ausreichend große Lücken für andere Videoformate.
H.264-Codecs sind Teil der MPEG-Standards, haben sich in der Videokonferenztechnik schon von 2005 an etabliert, erledigen rund um den Globus die Quellkodierung des hoch auflösenden Fernsehens HDTV, gehören zu den Pflicht-Spezifikationen der Bluray Disc und werden praktisch von allen HD-Videokameras verwendet. Zudem ist die Signalkompression effizienter als beim Theora-Codec: Über den Daumen gepeilt wird bis zu einem Drittel Speicherplatz gespart. Nachdem auch Microsoft mit der Version 9 seines "Windows Media Video" auf einen H.264-Codec setzte und Google dessen Aufnahme in HTML5 erheblich unterstützte, wurden beide Formate als gleichberechtigte Verfahren von Ian Hickson, dem maßgeblichen Autor der HTML5-Entwürfe, notiert.
Das führte wiederum schnell zu Einsprüchen der Multimediafachleute beim Standardisierungskonsortium W3C. Man müsse dann ja doch wieder unterschiedliche Formate bereitstellen. In der Abwägung durch das Konsortium wurden die patentfreie und somit unentgeltliche Verfügbarkeit von Theora gegen die bessere Videokompression beim patentbesetzten H.264-Codec ausgespielt. Tatsächlich ist die Verwertungslage bei H.264 nicht übersichtlich. Die meisten hier eingesetzten Verfahren sind durch eine breit gestreute Zahl von Patenten geschützt. Damit sich Hersteller und Diensteanbieter, die H.264 einsetzen wollen, nicht mit jedem der mehr als 40 Patentinhaber auseinandersetzen müssen, gibt es so genannte Patentpools. Er enthält mehr als 90 Prozent der bedeutsamen Patente und wird von der MPEG-Lizenzverwaltung einerseits und der Via Licensing, einer hundertprozentigen Tochterfirma von Dolby Laboratories, andererseits vermarktet. Weil die erste Lizenzperiode der MPEG-Verwaltung zum 1. Januar 2011 endete, können die Patente dieses Pools bis zum 1. Januar 2016 von Entwicklern unentgeltlich genutzt werden. Ob und in welcher Höhe danach Lizenzgebühren fällig werden, lässt sich nicht vorhersagen.
Trotz dieser Unsicherheit schien sich aber im W3C-Konsortium eine Mehrheit für den H.264-Codec abzuzeichnen, bis Google auf der hauseigenen Entwicklerkonferenz im vergangenen Jahr ankündigte, den von On2 Technologies gekauften Video-Codec VP 8 weiter zu entwickeln und das auf seiner Basis entstandene Video-Containerformat WebM ausschließlich zu unterstützen. H.264 soll sogar künftig aus dem Google-Browser Chrome entfernt werden, und die Google-Tochter Youtube zieht es auch in die Richtung WebM. Für den Internet Explorer von Microsoft und Apples Safari-Browser will Google entsprechende Plug-ins bereitstellen, Mozilla mit seinem Firefox-Browser und Opera sind ebenfalls bereit, WebM zu unterstützen. Gleichzeitig soll aber der Theora-Codec nicht aufgegeben werden. Und Apple hat erklärt, an MP4 und seinem Codec H.264 festhalten zu wollen.
So entsteht im Multimediabereich bei HTML 5 eine Unübersichtlichkeit, wie Entwickler und Nutzer sie schon vom aktuellen HTML 4 kennen. Die erwartete Einheitlichkeit der Video-Aufbereitung bleibt ein frommer Wunsch. Für die Verlage und Medienhäuser aber ist das wohl nur die Speerspitze des Problems. Denn bevor die erhoffte Kostenreduktion bei der Erstellung von Tablet-Inhalten eintreten könnte, müsste es eine Zauberformel geben, nach der eine Software zum Beispiel eine digitale Zeitungsseite für alle erdenklichen Bildschirmformate und Auflösungen automatisch im Layout anpassen und multimedial aufbereiten könnte. Die HTML-Version, die solche Prozesse nachhaltig und narrensicher unterstützte, muss erst noch das Licht der Welt erblicken. Ob sie die Ordnungsnummer 6 tragen wird? Wir nehmen Wetten entgegen.
Lizenzfreier und herstellerunabhängiger Standard
Jörg Bergmann (joergber)
- 01.12.2011, 12:30 Uhr
Selbst verschuldet
Alex Zunker (zunker)
- 30.11.2011, 19:57 Uhr
Ein paar Ergänzungen
Dr. Andreas Frick (Hephaistos)
- 30.11.2011, 15:35 Uhr
@ Zavrtak
Closed via SSO (dasandi)
- 30.11.2011, 11:58 Uhr
Bitte schreiben Sie keine Technikartikel mehr
Christian Zavrtak (za.ch)
- 30.11.2011, 11:22 Uhr