Reinschieben, Durchziehen oder Dranhalten: Seit die bewährten Buntbart- oder Zylinderschlüssel Plastikkarten weichen mussten, sind selbst Vielreisende nicht davor gefeit, hilflos an der Zimmertüre ihres Hotels zu scheitern. Oder schon auf dem Weg dorthin, wenn sich der Aufzug nur mithilfe der Karte in Bewegung setzt. Aber in welcher Richtung muss die Karte eingeführt werden? Erst stecken, dann Etage wähle, oder beides gleichzeitig? Wie der Ochs vor dem Berg steht mancher Hotelgast auf dem Flur und übt sich in Versuch und Irrtum. Möglicherweise hat man den Schlitz übersehen, in den die Karte gehört. Oder es muss, wenn es sich um eine „Dranhalte-Karte“ handelt, in Sherlock-Holmes-Manier die Kontaktstelle über, unter oder neben dem Türgriff gefunden werden. Aber bitte nicht herumwedeln. Dann geht gar nichts.
Das klassische Schlüsselbrett hinter dem Portier kommt immer mehr außer Mode. Zu groß ist das Risiko, dass ein Gast den gefrästen Messingschlüssel am Strand verschusselt. Und nimmt er ihn gar in der Absicht mit, um Tage später das Zimmer seines Nachfolgers auszuräumen, gerät das gesamte Haus in Verruf. In diesem Metier ist der Schlüssel zu teuer, zu unsicher, und er kann auch keine zusätzlichen Informationen wie die gebuchte Aufenthaltsdauer des Gastes tragen. Das alles hat auf den Magnetkarten ebenso Platz wie im Chip, die einem heute nicht nur Zimmertüren sowie die Minibar dahinter öffnen und überhaupt erst das Raumlicht einschaltbar, sondern auch gemeinsam genutzte Bereiche wie Spa oder Bibliothek zugänglich machen. Sie sind „Schlüssel“ nur noch im allgemeinen Sinne, indem sie gezielt die mechanische Verriegelung einer Tür lösen.
Dieser Weg von der Mechanik zur Elektronik ist nur konsequent. Denn das Öffnen eines Schlosses ist nichts anderes als eine Informationsübertragung vom Schlüssel zum Schloss. Passen beide Informationen zusammen, gehen Gleichung wie Tür auf. Wenn nicht, bleibt ein Rest und die Tür zu. Insofern ist es kaum erstaunlich, dass das System Schlüssel-Schloss eine ähnliche Entwicklung wie die gesamte Informationsverarbeitung nimmt - mit allerdings außerordentlicher Verzögerung.
In dieser Analogie gleicht das vor mehr als 5000 Jahren von den Ägyptern erfundene Fallriegelschloss dem Abakus beim Rechnen, während das 1851 von Linus Yale erfundene Zylinderschloss mit mechanischen Rechenmaschinen für die Grundrechenarten gleichzieht. Alle diese mechanischen Lösungen haben es darauf abgesehen, das Duo von Schloss und Schlüssel so komplex zu gestalten, dass einerseits der Schlüssel von Unbefugten zur schwer nachzufeilen ist, andererseits das Schloss Öffnungsversuchen mit Dietrich oder ausgefuchstem Lockpicking-Werkzeug standhält.
Als dann 1979 das norwegische Unternehmen Vincard erstmals einen Schlüssel als Lochkarte aus Kunststoff präsentierte, nahm es damit ein Prinzip auf, mit dem rund 175 Jahre zuvor der französische Seidenweber Joseph-Marie Jacquard die Muster für seine Webstühle programmiert hatte. Die Vincard besteht aus zwei gleichartig gelochten Teilen. Ein Teil wird abgetrennt, in das Schloss geschoben und verriegelt - das ist der Zugangscode. Öffnen lässt sich die Tür nur mit einer Karte von genau dem selben Lochmuster. Damit war der Schlüssel ebenso preiswert, wie er eine bequeme Programmierbarkeit des Schlosses bot - immerhin 90 Jahre, nachdem Herman Hollerith sein System von Lochkarten zur Informationsverarbeitung zum Patent angemeldet hatte. Und wie in der Informationsverarbeitung auf die Hollerithkarte als Speichermedium das Magnetband folgte, öffnete bald ein auf Magnetstreifen geschriebener Code die Tür. Das ist zugleich der heute am weitesten verbreitete Standard in der Hotellerie, die ihre Systeme gerne preiswert einkauft und zehn Jahre oder länger nutzt.
Diese Schlüssel der neuen Art gleichen Kreditkarten. Beim Einchecken bespielt sie ein Coder mit Daten wie Zimmernummer, Hotelcode und Aufenthaltsdauer des Gastes. Der nimmt die Karte und zieht sie durch einen Schlitz am Beschlag seiner Zimmertür. Damit führt er den Magnetstreifen zugleich an einem Tonkopf vorbei, der - wie früher bei einem Kassettenrecorder - die Informationen ausliest, prüft und, wenn alles passt, Strom für einen kleinen Motor im Innern des Schlosses freischaltet: Das ist das leise Surren, das der Gast daraufhin hört. Was da bei einem Kaba-Schloss genau geschieht, wird an einem aufgeschraubten Außenbeschlag sichtbar: Der Motor dreht eine Spindel, die einen Hebel steuert. Dieser Hebel kuppelt jenen Mechanismus ein und aus, der über die Türklinke den Riegel des Schlosses freigibt - hereinspaziert!
Der gesamte Vorgang dauert kaum einen Lidschlag. Das Surren des Motors und das Klacken der Kupplung begleitet zumeist eine Leuchtanzeige auf der Oberseite des Außenbeschlags - grün, wenn alles klappt; rot, wenn sich entweder der Gast in der Zimmertür geirrt oder den fraglichen Tag nicht gebucht oder aber von der Innenseite her verriegelt hatte, weil er nicht durch den Zimmerservice gestört werden möchte. In diesem Fall kann er weiterhin zu seiner eigenen Sicherheit die Tür von innen ohne weiteres öffnen. Und auch, dass der Portier weiterhin eine magnetische Generalkarte besitzt, dient der Sicherheit.
Befeuert wird die dicht besetzte Elektronikplatine in diesem Schloss mit drei handelsüblichen Mignonzellen. Sie stecken in einem von unten zugänglichen Halter, bieten Saft für 120 000 Kupplungsvorgänge und sind alle drei bis fünf Jahre zu erneuern. Bei Kaba-Schlössern reichen handelsübliche Zellen, während manch anderer Hersteller auf Batterieblocks firmeneigenen Formats zum Dreifachen des Preises setzt. Eine Alternative zur Stromerzeugung wäre das Dynamoprinzip, das bei manchen Tresorschlössern verwendet wird. „Aber Sie werden keinen Gast dazu bekommen, erst einmal am Schloss zu drehen“, weiß Klaus Weddigen aus Erfahrung.
Also weiterhin gelegentlicher Batteriewechsel. Aber auch der magnetische Lesekopf im Schloss ist nicht für die Ewigkeit gebaut, wenngleich er schon 10 bis 15 Jahre halten sollte. Das ist die doppelte beziehungsweise dreifache Zeit, die der weitaus stärker beanspruchte Schreib- und Lesekopf des Coders am Empfangstresen durchhält. Und die Karten selbst? Da gebe es solche und solche, sagt Weddigen. Die seines Hauses halten gut zwei, drei Monate, bevor durch mechanische Beanspruchung und vielfaches Überschreiben das Gedächtnis des Magnetstreifens abnehme. Im Unterschied zu den viel haltbareren Magnetstreifen auf Kreditkarten verfügen jene der Hotelschlüssel aus Kostengründen nur über eine geringe Koerzitivkraft. Sie lassen sich also mit kleineren Feldstärken wieder löschen und neu bespielen, was aber gleichzeitig ihre Empfindlichkeit gegenüber Alltagseinflüssen erhöht. Karten von Discountern kosten mit 25 Cent oft nur die Hälfte einer Markenkarte, doch Weddigen gibt ihnen oft kaum mehr als eine Woche Durchhaltevermögen. Überdies bedrucken viele Hoteliers die Karten mit bezahlter Werbung, so dass etwa eine Brauerei oder ein Spielcasino ohnehin rund die Hälfte der Kartenkosten bezahle. Das Schloss selbst, mit allem Drum und Dran, liegt bei etwa 180 Euro. Dass nicht nur in Deutschland Abmessungen für Schlösser genormt sind, erleichtert die Serienproduktion ebenso wie den Wechsel.
Magnetkarten sind der weit verbreitete Stand der Technik, wobei nun die im Industriebereich schon gebräuchlichen Chipkarten langsam in der kostenbewussten Hotellerie Einlass finden. Ihr Kern ist ein winziger, Mifare genannter, preiswerter integrierter Schaltkreis. Der Informationsaustausch zwischen ihm und dem Schloss findet in RFID-Technik auf 13,56 Megahertz statt. Ein vom Schloss erzeugtes elektrisches Feld liest den Code der Chipkarte aus, die selbst ohne Strom auskommt - eine Technik, wie sie zum Diebstahlschutz hochwertiger Konsumgüter üblich ist.
Da es sich in der Hotellerie nur um Zutritts-, nicht aber um anspruchsvollere Sicherheitssysteme handelt, werden den Gästen Magnetstreifen- und Chipkarten noch lange erhalten bleiben. Kostenintensivere Lösungen, wie die ebenfalls auf RFID basierende Legic-Karten mit ihren erweiterten Funktionen, bleiben zunächst ebenso außen vor wie das Bezahlen mit dem Handy - sei es via SMS-Zahlencode oder in der NFC-Technik, bei der eine Art RFID im Handy eingebaut ist. Doch wenn sich, analog zu Kreditkarten, irgendwann NFC breitflächig durchsetzen sollte, so sind die meisten heute via RFID berührungslos zu öffnenden Türen auch dafür kompatibel.
In eine andere Richtung geht der Trend in preiswerten Businesshotels, die nicht einmal mehr über eine Rezeption verfügen. Dort öffnet sich die Tür nach Eingabe einer sechsstelligen Zahl, die unter anderem Zimmernummer und Aufenthaltsdauer codiert. Der Gast bekommt diese Zahlenfolge beim Check-in angezeigt, und ein Algorithmus im Schloss wertet sie entsprechend aus. Das ist eigentlich die eleganteste Art, den über Jahrtausende alten Schlüssel aus Holz, Stahl, Magnetstreifen und schließlich Chip gänzlich zu virtualisieren. Doch hier lauert eine Gefahr, denn innerhalb von zwei Wochen Urlaub, sagt der Gedächtnisforscher Siegfried Lehrl, sinke der IQ um 20 Punkte. Wer da nicht einiges zuzusetzen hat, dem könnte mangelnde Gedächtnisleistung am Ende den Zugang zum Hotelzimmer versperren.