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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hochwasser in Venedig Tore gegen den Untergang

 ·  Venedig sackt in den Schlick der Lagune. Der Meeresspiegel steigt, immer häufiger wird die Stadt überflutet. Aufschwimmbare Fluttore sollen das in Zukunft verhindern.

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© Getty Images Aqua alta: Venedigs Markusplatz wird seit einigen Jahren immer häufiger überflutet. Die Touristen bleiben weg, die Bausubstanz leidet

Steigt das Wasser, ändern die fliegenden Händler ihr Sortiment. Nicht mehr Handtaschen und Sonnenbrillen werden angeboten, die Renner sind jetzt Gummistiefel. Wählen kann man zwischen schlichten grünen und bunt gescheckten. Doch nicht das Design sollte kaufentscheidendes Kriterium sein. Wichtig ist vielmehr eine gut bemessene Schafthöhe, und die kann (immer häufiger) nicht stattlich genug sein.

Denn es mehren sich die Tage, an denen die zentrale Messstelle vor Santa Maria della Salute „Aqua alta“ und damit einen Wasserstand von 110 Zentimeter über normal Null verkündet. Gab es in den fünfziger Jahren achtzehnmal Hochwasser, so bekam Venedig im vergangenen Jahrzehnt gleich 64-mal nasse Füße. Und auch in diesem Herbst hat die Flut wieder kräftig zugeschlagen. So lag der Wasserstand Ende Oktober gleich an zwei Tagen über 120 Zentimeter, um am 11. November mit 148 Zentimeter ein selten hohes Niveau zu erreichen. Höher stand das Wasser seit den sechziger Jahren nur vier mal.

Venedig scheint einfach nicht für die Ewigkeit gebaut

Für die Touristen sind die Hochwasserstunden beschwerlich - aber auch Gaudi. Johlend waten sie durch die Gassen. Wer keine Stiefel hat, versucht mit übergestülpten Mülltüten das Wasser abzuwehren. Ganz unerschrockene krempeln die Hosen hoch oder ziehen untenrum blank, was vom alteingesessenen Venezianer mit Nichtbeachtung abgestraft wird. Für sie ist diese Planscherei fahrlässig, wissen sie doch um den nicht eben geringen Anteil von Tauben- und Hundekot in der trüben Brühe. Und da bei hohen Pegelständen die Kanalisation längst nicht mehr zuverlässig arbeitet, meidet der Einheimische konsequent jeden direkten Kontakt mit dem Hochwasser.

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Die Festpunkte der Klappen-Scharniere © Giorgio Marcoaldi-CVN Die Festpunkte der Klappen-Scharniere

Für ihn geht „Aqua alta“ an die Substanz. Keller, soweit vorhanden, laufen voll. Die vor die Türen geklemmten Barrieren aus Holz oder Edelstahl können nur bedingt die Innenräume schützen. Pumpen müssen angeworfen werden, um das eindringende Wasser nach draußen zu schaffen. Von den Fluten wird der Mörtel aus den Fugen der Außenmauern der Palazzi gewaschen und aufsteigendes Grundwasser unterhöhlt deren Bodenplatten. In einigen Häusern hat man längst das Erdgeschoss aufgegeben. Gelebt wird ab dem ersten Stock. Historisch besonders wertvolle Gebäude wurden auch schon auf der Höhe der Wasserlinie ringsum aufgeschnitten und anschließend mit hydraulischen Pressen angehoben. Auch versucht man, durch das Einspritzen von Kunstharz die Fundamente zu schützen.

Trotz dieser Anstrengungen scheint Venedig einfach nicht für die Ewigkeit gebaut. Dabei ist diese Erkenntnis keineswegs neu. Schon im 16. Jahrhundert war klar, dass das Schicksal der Stadt wesentlich vom Zustand der Lagune abhängt. Damals hat man Dämme und Wehre entlang des schmalen Landstreifens gebaut, der den 55.000 Hektar großen „Binnensee“ von der Adria abgrenzt. Zudem betrieben die Venezianer früh intensiv, was heute unter dem Begriff „Wassermanagement“ zusammengefasst wird. So wurden aus den Bergen kommende Flüsse umgeleitet, um nicht länger Sand und Schlick in die Lagune zu leiten.

Keine neue Erfindung

All das konnte nicht verhindern, dass Venedig sinkt. So hat man durch das Studium der von Canaletto (1697-1768) und seinem Neffen und Schüler Bellotto mit Hilfe einer Camera obscura überaus akribisch angefertigten Stadtporträts gelernt, dass, seit diese Bilder gemacht wurden, die Stadt um rund 60 Zentimeter tiefer in den Schlick der Lagune abgesackt ist. Verantwortlich ist dafür das Gewicht der viele tausend Tonnen schweren Bauten. In jüngerer Zeit soll die Grundwasserentnahme tief unter der Lagune diesen Effekt verstärkt haben. Seit man damit aufgehört hat, ging die Sinkgeschwindigkeit deutlich zurück.

Im „tiefer gelegten“ Venedig hat das in die Lagune einströmende Adriawasser leichtes Spiel. Zudem machen es die im Laufe der Jahre für Öltanker und Kreuzfahrtschiffe immer breiter angelegten und tiefer ausgebaggerten (drei) Durchlässe zum offenen Meer dem Wasser einfacher, schneller und kraftvoller in die Lagune zu strömen. Und, nicht unwichtig, im Zuge der globalen Erderwärmung steigt das Niveaus des Mittelmeers. Zwar „nur“ um drei Millimeter im Jahr. Doch hochgerechnet über Jahrzehnte lässt sich jetzt schon spekulieren, wann das seit 2003 sich im Bau befindende, vom italienischen Steuerzahler der Commune von Venedig spendierte gigantische Schleusenprojekt „Mose“ (Modulo Sperimentale Elettromeccanico) seine Wirkung verliert. Nach den Angaben des für die Abwicklung des Projekts zuständigen Consorzio Venezia Nuova wird Mose mit einem um bis zu 30 Zentimeter gestiegenen Meeresspiegel spielend fertig. Doch alles, was darüber hinausgeht, wird schwierig. Nicht, weil die auf die Lagune zuströmenden Wassermassen von dem gigantischen Bau nicht zu beherrschen wären. Problematisch wären dann lange „Schließzeiten“: So rechnet man damit, dass bei einem um 50 Zentimeter höheren Meeresspiegel die Mose-Tore bis zu 350-mal im Jahr geschlossen werden müssten. 2000 Stunden wäre die Lagune vom Mittelmeer getrennt.

Mit den Mose-Fluttoren sollen die drei Laguneneinfahrten Adria-Tore (Lido, Malamocco und Chioggia) vorübergehend verschlossen werden können. Bei den Toren handelt es sich um aufschwimmbare Barrieren. Keine neue Erfindung. Denn die Tore großer Schiffdocks werden schon seit langem nach diesem Prinzip bewegt: Die Klappen sind große Stahlkästen, die, wenn sie offen am Meeresboden liegen, randvoll mit Wasser sind. Sollen sie geschlossen werden, drückt man mit Pressluft das Wasser hinaus - die Tore schwimmen auf. So funktionieren auch die Mose-Klappen, mit dem feinen Unterschied, dass man in die Tore ein komplexes Innenleben einbauen wird. Denn bei den Dimensionen der Tore (30 Meter lang, 20 Meter breit) und den damit auftretenden Kräften muss das Auf und Ab der mit nur zehn Zentimeter Abstand dicht nebeneinanderliegenden Schwimmkästen präzise ablaufen. Auf keinen Fall dürfen sie sich berühren oder gar verklemmen. Damit das nicht passiert, wird erst in ihre Spitzen, hinter einem von oben herunterragenden Schott, Luft gedrückt, damit sich hier eine Luftblase bildet. So meint man, die Tore vorn kontrolliert anheben zu können. Aber nicht alle Klappen gleichzeitig. Gedacht ist vielmehr, sie an einem Ufer beginnend nacheinander aus dem Wasser emporsteigen zu lassen.

Befahrbare Wartungs- und Inspektionsstollen

Damit die Klappen zuverlässig ihren Dienst erfüllen, müssen sie solide geführt und gelagert werden. Diese Aufgabe übernehmen überdimensionale, einige tausend Tonnen schwere „Zargen“. Das sind beim Mose-Projekt Caissons aus Stahlbeton, die sich mit einer Höhe von bis zu 14 Meter kaum hinter einem viergeschossigen Wohnblock verstecken lassen. Doch erst ihre Grundfläche von 50 mal 60 Meter (größer als zwei Handballfelder) macht die Dimension der Bauwerke deutlich.

Mittlerweile sind alle 78 Klappenfundamente fertiggestellt. Schon eingebaut hat man im nördlichen Abschnitt der Lido-Öffnung 20 dieser Riesen-Zargen. Sie wurden von einem eigens angelegten Trockendock aus, wo man sie dicht nebeneinander stehend betoniert hat, mit Unterstützung eines für diesen Zweck gebauten Schwerlast-Katamarans eingeschwommen. Den erforderlichen Auftrieb der Caissons stellen zahlreiche Hohlräume sicher, die später als Maschinen- und Pumpenräume dienen. Auch wird es zwei und damit redundante Wartungs- und Inspektionsstollen geben, die unterhalb der Klappenscharniere verlaufen, groß genug, um mit Fahrzeugen befahren werden zu können. Im kommenden Jahr will man, so die Planung, die restlichen Fundamente installieren.

Da die Caissons mit ihren in der Ruhestellung vollständig in den Betonzargen eintauchenden Sperrklappen den Wasseraustausch zwischen Lagune und Adria nicht behindern sollen, müssen sie komplett im Meeresboden verschwinden, was - quer zur Fahrrinne - 14 Meter tiefe und 50 Meter breite Gräben erforderlich macht. Diese Rinnen sind an allen drei Laguneneinfahrten weitgehend fertiggestellt. Dazu mussten nicht nur große Mengen Sand und Schlick „ausgekoffert“ werden. Die Aufstellflächen für die Caissons hat man zudem durch bis zu 40 Meter lange Rammpfähle verstärkt und den Boden mit Hilfe von Tauchern genauestens egalisiert. Auch wurden links und rechts der Gräben auf den Meeresboden über Dutzende Meter Geotextilbahnen „genagelt“. Dadurch soll verhindert werden, dass die Strömung in den Laguneneinfahrten Sand und Schwebstoffe mitreißt.

Für ein Ziel entscheiden

An den stählernen Schwimmtoren wird bereits eifrig geschweißt. Im kommenden März sollen die ersten am Lido-Sperrwehr eingebaut werden. Wann sie zum ersten mal aus den Fluten aufsteigen, dazu will sich der Bauherr nicht festlegen. Geplant ist, dass alle Tore bis Ende 2016 installiert sind und das Mose-Projekt im Jahr darauf in Betrieb gehen kann. Zweifel, ob das alles so klappt, sind angebracht, kam es doch in der Vergangenheit zu beachtlichen Verzögerungen - und Kostensteigerungen. Nach anfänglichen 3,5 bis 4 Milliarden Euro werden heute Gesamtkosten von mehr als sieben Milliarden Euro genannt.

Kritisch werden auch die Auswirkungen auf das Ökosystem der Lagune bewertet. So befürchten Umweltschützer negative Auswirkungen auf das Leben in der Lagune. Begründet wird diese Sorge vor allem mit dem (künftigen) vorübergehenden Absperren der Einlässe in die Lagune und dem damit unterbundenen Wasseraustausch mit dem offenen Meer. Die Industrie, die ihre Abwässer in die Lagune leitet, könnte, so wird argumentiert, den Binnensee um Venedig herum in kurzer Zeit verseuchen. Das sehen die Vertreter des Consorzio Venezia Nuova naturgemäß anders. Auch wenn ein weiter steigender Wasserstand des Mittelmeers ein häufigeres Schließen der Fluttore erforderlich mache, würde das die „Nachhaltigkeit“ des Mose-Projekts nicht beeinträchtigen. Der Wasseraustausch mit der Adria sei auch weiterhin gewährleistet, auch während der rauhen Winterzeit.

Völlig anders bewertet die Situation der für das italienische Meeresforschungsinstitut Ismar in Venedig arbeitende deutsche Hydrologe Georg Umgiesser. Für ihn steht fest, dass langfristig nicht die Lagune und die sich aus Kommerzgründen immer stärker zu einem „Veniceland“ wandelnde Touristenstadt gerettet werden können. Man wäre gut beraten, sich für eines dieser Ziele zu entscheiden. So könnte durch ein Schließen der Zugänge zur Lagune sich diese langfristig in einen ökologisch durchaus attraktiven „Süßwassersee“ wandeln lassen. Und mit den für das Mose-Projekt ausgegebenen Milliarden ließe sich die Bausubstanz des Unesco-Weltkulturerbes ertüchtigen. Dass dann die heute mit den Kreuzfahrtschiffen bis nahe an den Markusplatz geschipperten Touristenmassen außerhalb der Lagune anlegen müssten, wäre für Umgiesser kein Schaden. Geld genug, um ihnen einen komfortablen Anleger zu bauen, hätte man dann.

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Jahrgang 1947, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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