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Hochwasser in Venedig Tore gegen den Untergang

Venedig sackt in den Schlick der Lagune. Der Meeresspiegel steigt, immer häufiger wird die Stadt überflutet. Aufschwimmbare Fluttore sollen das in Zukunft verhindern.

© Getty Images Vergrößern Aqua alta: Venedigs Markusplatz wird seit einigen Jahren immer häufiger überflutet. Die Touristen bleiben weg, die Bausubstanz leidet

Steigt das Wasser, ändern die fliegenden Händler ihr Sortiment. Nicht mehr Handtaschen und Sonnenbrillen werden angeboten, die Renner sind jetzt Gummistiefel. Wählen kann man zwischen schlichten grünen und bunt gescheckten. Doch nicht das Design sollte kaufentscheidendes Kriterium sein. Wichtig ist vielmehr eine gut bemessene Schafthöhe, und die kann (immer häufiger) nicht stattlich genug sein.

Georg Küffner Folgen:  

Denn es mehren sich die Tage, an denen die zentrale Messstelle vor Santa Maria della Salute „Aqua alta“ und damit einen Wasserstand von 110 Zentimeter über normal Null verkündet. Gab es in den fünfziger Jahren achtzehnmal Hochwasser, so bekam Venedig im vergangenen Jahrzehnt gleich 64-mal nasse Füße. Und auch in diesem Herbst hat die Flut wieder kräftig zugeschlagen. So lag der Wasserstand Ende Oktober gleich an zwei Tagen über 120 Zentimeter, um am 11. November mit 148 Zentimeter ein selten hohes Niveau zu erreichen. Höher stand das Wasser seit den sechziger Jahren nur vier mal.

Venedig scheint einfach nicht für die Ewigkeit gebaut

Für die Touristen sind die Hochwasserstunden beschwerlich - aber auch Gaudi. Johlend waten sie durch die Gassen. Wer keine Stiefel hat, versucht mit übergestülpten Mülltüten das Wasser abzuwehren. Ganz unerschrockene krempeln die Hosen hoch oder ziehen untenrum blank, was vom alteingesessenen Venezianer mit Nichtbeachtung abgestraft wird. Für sie ist diese Planscherei fahrlässig, wissen sie doch um den nicht eben geringen Anteil von Tauben- und Hundekot in der trüben Brühe. Und da bei hohen Pegelständen die Kanalisation längst nicht mehr zuverlässig arbeitet, meidet der Einheimische konsequent jeden direkten Kontakt mit dem Hochwasser.

22302869 Die Festpunkte der Klappen-Scharniere © Giorgio Marcoaldi-CVN Bilderstrecke 

Für ihn geht „Aqua alta“ an die Substanz. Keller, soweit vorhanden, laufen voll. Die vor die Türen geklemmten Barrieren aus Holz oder Edelstahl können nur bedingt die Innenräume schützen. Pumpen müssen angeworfen werden, um das eindringende Wasser nach draußen zu schaffen. Von den Fluten wird der Mörtel aus den Fugen der Außenmauern der Palazzi gewaschen und aufsteigendes Grundwasser unterhöhlt deren Bodenplatten. In einigen Häusern hat man längst das Erdgeschoss aufgegeben. Gelebt wird ab dem ersten Stock. Historisch besonders wertvolle Gebäude wurden auch schon auf der Höhe der Wasserlinie ringsum aufgeschnitten und anschließend mit hydraulischen Pressen angehoben. Auch versucht man, durch das Einspritzen von Kunstharz die Fundamente zu schützen.

Trotz dieser Anstrengungen scheint Venedig einfach nicht für die Ewigkeit gebaut. Dabei ist diese Erkenntnis keineswegs neu. Schon im 16. Jahrhundert war klar, dass das Schicksal der Stadt wesentlich vom Zustand der Lagune abhängt. Damals hat man Dämme und Wehre entlang des schmalen Landstreifens gebaut, der den 55.000 Hektar großen „Binnensee“ von der Adria abgrenzt. Zudem betrieben die Venezianer früh intensiv, was heute unter dem Begriff „Wassermanagement“ zusammengefasst wird. So wurden aus den Bergen kommende Flüsse umgeleitet, um nicht länger Sand und Schlick in die Lagune zu leiten.

Keine neue Erfindung

All das konnte nicht verhindern, dass Venedig sinkt. So hat man durch das Studium der von Canaletto (1697-1768) und seinem Neffen und Schüler Bellotto mit Hilfe einer Camera obscura überaus akribisch angefertigten Stadtporträts gelernt, dass, seit diese Bilder gemacht wurden, die Stadt um rund 60 Zentimeter tiefer in den Schlick der Lagune abgesackt ist. Verantwortlich ist dafür das Gewicht der viele tausend Tonnen schweren Bauten. In jüngerer Zeit soll die Grundwasserentnahme tief unter der Lagune diesen Effekt verstärkt haben. Seit man damit aufgehört hat, ging die Sinkgeschwindigkeit deutlich zurück.

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