04.02.2012 · Glücksspiel im Netz wird in Deutschland immer beliebter. Die Anbieter wittern einen Milliardenmarkt, doch gegen Falschspieler und Betrüger müssen Glücksspielbranche und Kontrollinstanzen noch technisch aufrüsten.
Von Peter WelcheringPoker, Roulette, einarmige Banditen, Baccarat und Blackjack hatten bisher eine gemeinsame Grundlage im Internet, und die hieß Flash. Das gern für Animationen verwendete Format sorgt seit mehr als 15 Jahren zuverlässig dafür, dass sich die Rouletteräder drehen, Karten gegeben werden und sich die Walzen der einarmigen Banditen in Bewegung setzen. Ausgerechnet in den Tagen, in denen sich die Online-Glücksspielbranche vor einem Boom sieht, müssen neue Softwareplattformen für Poker, Roulette & Co. im Netz her. Die werden sich zum einen stärker an den Web-Standard HTML5 anlehnen, zum anderen häufiger als bisher herstellereigenen Programmierstandards genügen. Auf jeden Fall muss die Casino-Software aufgerüstet werden - auch, um Falschspielern das Handwerk zu legen.
Dem Glücksspielmarkt im Internet werden phantastische Wachstumsraten prognostiziert. So soll der Jahresumsatz der Branche nach Schätzungen der Marktforscher von Pricewaterhouse Coopers im Jahr 2015 bereits an 200 Milliarden Euro heranreichen. Für die angeblich so blendenden Aussichten der Spieler im Netz gibt es in Deutschland nur eine Schwierigkeit: Online-Glücksspiel ist hierzulande verboten. Das haben die 15 Bundesländer noch einmal in den Glücksspielstaatsvertrag hineingeschrieben, den sie nach einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs neu fassen mussten.
Die Luxemburger Juristen hatten nämlich staatliche Monopole bei Sportwetten beanstandet. Deshalb wollen die dem Glücksspielstaatsvertrag beigetretenen Bundesländer 20 Lizenzen für Sportwetten vergeben. Dabei darf auch online gewettet werden, Poker und Roulette im Internet bleiben jedoch verboten und können demnächst vermutlich nur im hohen Norden gespielt werden. Denn Schleswig-Holstein macht beim Glücksspielstaatsvertrag nicht mit und hat sich ein eigenes Gesetz gegeben.
Das sieht nicht nur eine unbeschränkte Vergabe von Wettlizenzen vor, sondern erlaubt auch Online-Casinospiele und Poker. Die Anbieter müssen sich allerdings lizenzieren lassen. Die von CDU und FDP getragene Regierung im Lande zwischen Nord- und Ostsee erwartet jährliche Umsätze der Anbieter in Höhe von 200 Millionen Euro. Der Staatskasse dürften daraus zwischen 35 und 40 Millionen Euro zufließen. Denn die Veranstalter von Pokerrunden müssen 20 Prozent des Rohertrags abführen. Das ist ein recht risikoloses Geschäft, denn wer online Roulette spielen oder pokern will, der muss vorab sein Konto beim Glücksspielveranstalter per Kreditkarte oder Online-Zahlungsdienst wie zum Beispiel Paypal aufladen. Die Spieleinsätze werden dann von diesem internen Veranstalterkonto abgebucht.
"Der Online-Markt macht gegenwärtig mindestens zehn Prozent des gesamten Marktes von Glücks- und Geschicklichkeitsspielen in Deutschland aus", urteilen die Professoren Reiner Clement und Franz Peren vom Forschungsinstitut für Glücksspiel und Wetten in Sankt Augustin bei Bonn. Fürs Pokern im Netz geben die deutschen Spieler ihren Schätzungen zufolge knapp 340 Millionen Euro im Jahr aus. Damit hat Online-Poker die Online-Sportwetten, deren Umsatz bei 290 Millionen Euro im Jahr liegt, glatt überholt.
Deshalb investieren die bisher etablierten Anbieter wie Poker Strategy, Pokerolymp, Party Poker oder Pokerstars enorme Summen, um ihre Software weiterzuentwickeln. Ihr Augenmerk gilt dabei vor allen Dingen der persönlichen Zusatzsoftware für den Online-Spieler sowie Sicherheitsfunktionen, die auch Mitarbeiter der Veranstalter nicht aushebeln können.
Software für Spielangebote in sozialen Netzwerken und Poker-Apps für Tablet-PC und Smartphones sinken derzeit auf der Prioritätenliste der Pokerbranche. Dabei tummeln sich allein auf der Facebook-Plattform täglich bis zu 30 Millionen Online-Pokerspieler. Das Poker-Angebot von Zynga hat mittlerweile das "Farmville" desselben Herstellers auf der Beliebtheitsskala überholt.
Doch die etablierten Veranstalter von Online-Pokerrunden wollen lieber die eigenen Plattformen um Funktionen sozialer Netzwerke anreichern. Dazu zählen nicht nur Nachrichten- und Diskussions-funktionen, sondern vor allen Dingen Analyse-Tools, mit denen eigene Spiele, aber auch Runden von Branchengrößen genau nachvollzogen werden können. Eine Art "Finanzverwaltung" mit Gewinn-und-Verlustrechnung soll dem Online-Pokerface die wirtschaftliche Seite seines Hobbys transparent machen.
Dabei integrieren einige Anbieter auch gängige Bankensoftware, damit die Überweisung auf das Spielkonto direkt vom eigenen Girokonto erfolgen kann. Sie werben damit, dass dann die Risiken einer Kreditkartenbuchung oder eines Zahlungsvorgang mit Paypal vermieden werden könnten. Doch so richtige Akzeptanz findet die Einbindung der Bankensoftware nicht. Beim Online-Glücksspiel wird das interne Spielkonto beim Veranstalter an erster Stelle immer noch mit der Kreditkarte aufgefüllt.
Ganz oben auf der Agenda der Poker-Veranstalter im Internet stehen Sicherheitsalgorithmen. Denn die Branche hat mit Imageproblemen zu kämpfen, die wegen kleinerer und größerer Betrügereien ziemlich groß geworden sind. Da gibt es zum Beispiel Spionagesoftware, die dem Betrüger genau mitteilt, welche Karten seine Mitspieler gerade in der Hand haben. Dabei werden häufig Man-in-the-Middle-Attacken gefahren. Die Poker-Betrüger schalten einen Rechner zwischen den Casino-Server und die PC der ausgespähten Mitspieler. Lässt sich ein Mitspieler eine Karte geben, werden die Datenpäckchen mit Karteninformationen abgefangen und ausspioniert.
Deshalb setzen die Poker-Unternehmen zunehmend auf Verschlüsselung. Doch hier greift der sogenannte Poker-Strip-Trick. Der funktioniert nur, weil die Datenverbindung zwischen dem Spieler-PC und dem Casino-Server nicht immer von Anfang an verschlüsselt wird. Häufig rufen Poker-Spieler zunächst die Seite des Spieleveranstalters auf. Verschlüsselt wird die Verbindung erst, wenn sie sich mit ihrer Benutzerkennung anmelden, um an einer bestimmten Pokerrunde teilzunehmen. Dann wird der Spieler auf die verschlüsselten Seiten des Casinos weitergeleitet. Das alles erfolgt aber noch unverschlüsselt - ein Angriffspunkt für die Betrüger. Gegenüber dem Spieler geben sie sich in einem solchen Fall als Casino-Server aus und unterhalten eine unverschlüsselte Datenverbindung. Gegenüber dem Casino-Server hingegen treten sie als Spieler-PC auf und bauen eine verschlüsselte Verbindung auf.
Fordert ein Mitspieler eine Karte beim Casino-Server an, reichen die Online-Betrüger diese Bitte an den Casino-Server weiter. Die Spiele-Software ermittelt über einen Zufallsgenerator eine Spielkarte und versendet sie als verschlüsselte Grafik-Datei an den Spieler. Auf dem zwischengeschalteten Rechner wird die Datei entschlüsselt. Der Betrüger weiß also, welche Spielkarte sein Mitspieler erhalten hat. Diesem Poker-Strip genannten Online-Betrug versuchen die Veranstalter durch Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und ununterbrochene Verschlüsselung bereits vom Aufruf der Casino-Website entgegenzuwirken. Doch noch längst nicht alle Veranstalter haben diese Sicherheitsmaßnahmen umgesetzt.
Regelwidrige Absprachen von Spielern über Skype oder Smartphones, die ihre Setzstrategie abstimmen, um einen Dritten auszubooten, gehören ebenfalls zum Alltag der Pokerrunden. Ferner wurde von Spielern berichtet, die mit Mehrfachaccounts eine bestehende Pokerrunde vorgaukeln und damit vor allen Dingen Poker-Novizen das virtuelle Geld aus der Tasche ziehen.
Auch Insider-Angriffe sind trotz aller Bemühungen der Veranstalter ein erhebliches Problem. Manipulationen an den Zufallsgeneratoren für die Zuteilung der Spielkarten und die Arbeit mit gefälschten Karten respektive Grafikdateien zählen zu den beliebtesten Täuschungsmethoden. Um gefälschte Dateien mit Spielkarteninformationen auszuschließen, arbeiten seriöse Veranstalter zunehmend mit Prüfsummen. So wird sichergestellt, dass Dateien nicht nachträglich verändert oder manipuliert wurden.
Manipulationen an der Casino-Software, die zum Beispiel den Ablauf von Pokerrunden steuert und dafür sorgt, dass Karten verteilt und Geldbeträge gesetzt werden, versuchen die seriösen Spielveranstalter durch regelmäßige Verhaltensanalysen der Software auszuschließen. Außerdem werden Schwachstellen und Sicherheitslücken der Casino-Software durch Sicherheitssoftware aufgedeckt und in der Regel rasch geschlossen.
Häufiger als beim Poker machen unseriöse Veranstalter von Online-Roulette ihr Geld mit dem Verkauf persönlicher Daten der Spieler. Das fängt beim Ausspähen von Kontoinformationen an, wenn vom Girokonto Geld auf die Spielbank des Glücksspielveranstalters überwiesen wird, geht über Kreditkartenmissbrauch weiter und hört bei Online-Durchsuchungen von Spieler-PC noch längst nicht auf. So hat ein Glücksspielveranstalter in den Vereinigten Staaten die Produktschlüssel von besonders teurer Software auf den Spieler-PC ausgelesen und an Dritte weiterverkauft, die damit Raubkopien der Software freischalten konnten.
Auch die Nachrichtendienste verschiedener Staaten tummeln sich in der Glücksspielszene: Den Datenpäckchen, mit denen ein Online-Casinobetreiber auf Malta bestimmten Spielern Baccarat-Karten zuschickte, waren auch gleich noch Computerviren angehängt, die weitere Schadsoftware herunterluden und in den Wochen nach dem virtuellen Casinobesuch Screenshots anfertigten. Die Screenshots wurden dann später über den Casino-Server an den Nachrichtendienst eines Staates im Nahen Osten geschickt. Unter den heimlich angefertigten Schnappschüssen fanden sich dann sogar Baupläne für Zentrifugen, die für die Urananreicherung verwendet werden.
Solche kriminellen Begleiterscheinungen des Online-Glücksspielmarktes können nach Meinung der Wissenschaftler vom Forschungsinstitut für Glücksspiel und Wetten nur dann wirkungsvoll verhindert werden, wenn der Online-Glücksspielmarkt staatlich reguliert und dadurch der Kriminalisierung entzogen würde. Betrügereien und Spionage würden in den Schwarzmarktnischen des Online-Glücksspiels mit erheblich geringerem Risiko vorgenommen als in einem staatlich regulierten Markt, bei dem sich auch die Marktakteure gegenseitig kontrollieren, werben die Bonner Glücksspielexperten für das Kieler Modell und fordern die Bundesländer auf, Online-Poker und andere Spiele reguliert zuzulassen und damit aus der kriminellen Ecke herauszunehmen.
Tatsächlich wächst die Bereitschaft, Betrügereien beim Online-Glücksspiel anzuzeigen, wenn sich der Anzeigende nicht selbst damit brandmarken muss. Allerdings herrscht im Augenblick bei den zuständigen staatlichen Stellen Ratlosigkeit, wie nach einer Legalisierung von Online-Casinos eine Zertifizierung von Casino-Software und entsprechenden Browser-Plugins erfolgen können. Hier wird offenbar noch hart um Zuständigkeiten gerungen. Auch die Frage nach der Identifikation der Spieler bereitet Politikern und Verwaltungsexperten Kopfzerbrechen. Ob der Identitätsnachweis des neuen Personalausweises dafür verwendet werden soll oder ob nur online spielen und wetten darf, wer sich zuvor in ein zentrales Register eingetragen hat, ist ebenfalls ungeklärt. Ob Schleswig-Holstein Modellcharakter in Sachen Online-Glücksspiel für sich beanspruchen kann, wird auch davon abhängen, inwieweit solche Fragen nach einer Altersverifikation oder nach Bekanntgabe der eigenen Identität vor den Poker- und Roulette-Runden gelöst werden.
Wer schreibt/recherchiert diese plakativen Artikel?
Jack Beauregard (JackBeauregard2)
- 05.02.2012, 10:26 Uhr
Reife Leistung
Marcel Wiechmann (MarcelxW)
- 04.02.2012, 20:03 Uhr
Schlecht recherchiert...
Jürgen Stak (kafka02)
- 04.02.2012, 15:17 Uhr
Recherche?
Zoe Yac (Ochlokrat)
- 04.02.2012, 14:33 Uhr