12.07.2005 · Die Planungen für den Freedom Tower in New York schreiten voran, doch vom ursprünglichen Konzept des Architekten Daniel Libeskind ist nichts geblieben. Dafür soll der Turm das sicherste Hochhaus der Welt werden.
Von Georg KüffnerDer geplante Freedom Tower am Ground Zero in New York wird den Zwillingstürmen des World Trade Center vor deren Zerstörung beim Terrorangriff vom 11. September 2001 immer ähnlicher. Zwar wird man nur einen Turm bauen, doch der gleicht sich den von dem japanisch-amerikanischen Architekten Minoru Yamasaki vor mehr als 40 Jahren entworfenen Doppeltürmen zusehends an, wie die Präsentation eines stark überarbeiteten Modells des Freedom Tower vor einigen Tagen gezeigt hat. So gut wie nichts ist mehr übrig von dem ursprünglichen Entwurf des Architekten Daniel Libeskind, der mit seinem Plan für die Neugestaltung des Areals aus einem international ausgeschriebenen Wettbewerb als Sieger hervorgegangen war. Lediglich die Höhe des Turms von 1776 Fuß (541,32 Meter), mit der symbolisch an die amerikanische Unabhängigkeitserklärung erinnert werden soll, wird beibehalten.
Libeskinds Entwurf sah einen Wolkenkratzer vor, der, aus der Ferne betrachtet, in seinen Umrissen an die Freiheitsstatue erinnern sollte. Er sollte "Gardens of the World" heißen, transparent und voller Bäume und Sträucher sein. Dieses Konzept kam zwar bei New Yorks Bevölkerung recht gut an, fiel aber bei Larry Silverstein, dem Pächter des Geländes und damit dem geldgebenden Investor, allein schon aus kommerziellen Gründen durch. Der Libeskind-Turm hatte zuwenig vermietbare Bürofläche, so daß er den Wolkenkratzer von seinem Haus-und-Hof-Architekten David Childs, einem Partner des renommierten Architekturbüros Skidmore, Owings & Merrill, gründlich überarbeiten ließ.
Ein zweigeteilter Turm
Das Ergebnis war ein zweigeteilter Turm: Die ersten 70 Stockwerke bis zu einer Höhe von 335 Metern sollten Büroräume enthalten. Darüber ragte bis auf 457 Meter eine von den Stuttgarter Tragwerksplanern Schlaich Bergermann konzipierte halboffene Struktur aus Stahlträgern und Stahlseilen empor, in deren Mitte der aus dem konventionellen Unterbau aufsteigende Kern des Bauwerks nach oben geführt wurde. An ihn, so die Idee von Childs, sollten Windräder angeflanscht werden, um damit die Grundlast der im Turm verbrauchten Elektrizität erzeugen zu können.
Die Windräder haben im jetzt vorgelegten Konzept keinen Platz mehr. Und auch zwei weitere aus dem ersten Libeskind-Entwurf stammende symbolträchtige Gestaltungsvorgaben wurden einer einfacheren und damit preiswerteren Lösung geopfert: So wird sich der Freedom Tower nicht spiralförmig nach oben drehen, was den Nachteil gehabt hätte, daß die in der Fassade des Bauwerks nach unten fließenden Kräfte sehr aufwendig hätten geführt werden müssen. Keine Fassadenstütze wäre in der gleichen Flucht wie ihr darunter und darüber sitzendes Pendant verlaufen. Auch die ursprünglich an einer Ecke des Dachs des Gebäuderumpfs sitzende Antenne wird nicht diese von Libeskind bislang als unverzichtbar bezeichnete Anordnung bekommen.
Keine zweite New Yorker Freiheitsfackel
Dabei haben vor allem Position und Form des Sendemasts des Freedom Tower in den zurückliegenden Monaten zu kontroversen Diskussionen geführt. Immer mehr Bedenken tauchten auf, die gegen eine aus einem Eck des Gebäudes herauswachsende Struktur sprachen, so daß man sich zunehmend mit dem Gedanken anfreundete, diese zweite New Yorker Freiheitsfackel zu kippen: Wie würde sich eine exzentrisch sitzende Antenne bei sehr starkem Wind verhalten, und wie aufwendig (und damit teuer) würde der konstruktive, das gesamte Gebäude betreffende Zusatzaufwand ausfallen, die weit außen sitzende Last zu tragen? Würde die Qualität der von der Antenne ausgestrahlten Rundfunk- und Fernsehprogramme durch Abschattungseffekte leiden? Auch Sicherheitsfragen wurden erörtert. Wie können bei einem so hohen Sendemast Schäden etwa durch herabfallende Eisbrocken verhindert werden, wenn nicht alle Ecken der Antenne zugänglich sind?
Nicht nur diese Bedenken werden mit dem jetzt vorgelegten Entwurf ausgeräumt. Insgesamt gilt das an einen gewaltigen Obelisken erinnernde Gebäude als sicherstes Hochhaus der Welt. Dafür hat man sich einiges einfallen lassen: So will man den Freedom Tower auf einen 60 Meter hohen Betonsockel stellen, dessen Wände auch von einer unmittelbar davor gezündeten Autobombe nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Die ersten zehn Meter des Fußes werden keinerlei Öffnungen enthalten. Erst darüber gibt es einige kleinere Lichtschächte, wobei der obere Teil des Sockels wieder hermetisch dicht sein wird. Hier werden auf vier Etagen Teile der Haustechnik untergebracht. Damit der Betonfuß nicht allzu martialisch ausfällt, soll er mit Stahl- und Aluminiumblechen verkleidet werden. Unmittelbar darüber beginnt ein eher unspektakulärer Glasbau, dessen Fassaden durch eine spezielle Glasbeschichtung und den Einsatz transparenter Kunststoffe gesichert werden sollen.
Wände aus 60 Zentimeter dickem Beton
Der quadratische Grundriß des Turms verjüngt sich auf dem Weg nach oben. Gleichzeitig werden die Ecken des Turms immer stärker "abgeschnitten", so daß sich leicht geneigte, dreieckige Fassadenflächen bilden, in denen sich das Sonnenlicht spiegelt. Der auf Computerbildern zu erkennende Nadelstreifeneffekt der Außenhülle wird durch das Weglassen von horizontal verlaufenden Fensterprofilen erreicht. Von außen sollen zwischen den Scheiben nur feingliedrige vertikale Pfosten zu sehen sein.
Ganz anders als beim World Trade Center wird der Gebäudekern des Freedom Tower ausfallen. Seine Wände sollen aus 60 Zentimeter starkem Beton bestehen, den man zusätzlich mit einem Stahlkorsett schützen will. In diesem "unverwundbaren" Schacht werden die Treppen und alle Versorgungsleitungen einschließlich der Wasserzufuhr für die Sprinkleranlage verlaufen. Auch die Aufzüge werden hier eingebaut. Zudem hat man ein ausschließlich den Rettungskräften vorbehaltenes Treppenhaus vorgesehen.
Diese Sicherheitsvorkehrungen kosten Platz. Da zudem "moderne" Raumhöhen vorgesehen sind, kommt man bei 69 Stockwerken (die Zwillingstürme hatten jeweils 110) lediglich auf eine Nutzfläche von rund 250000 Quadratmetern - für die Mieter noch nicht in Sicht sind. Die Gesamtkosten sollen zwischen einer und zwei Milliarden Dollar liegen. Genauere Angaben gibt es nicht. Mit der Eröffnung des Freedom Tower ist nicht vor 2010 zu rechnen. Der Grundstein wurde im vergangenen Jahr bereits gelegt.
Mit Riesenantenne
Mit einer Höhe von mehr als 120 Metern hat die Antenne des Freedom Tower nahezu die Dimension eines herkömmlichen Fernsehturms. Wie Hans Schober von dem mit der Ausführungsplanung dieses Bauteils betrauten Büro Schlaich Bergermann sagt, steht zwar noch nicht fest, welche Form die Hochhausspitze bekommt. Doch kann man damit rechnen, daß die Antenne aus zwei Teilen bestehen wird: einem stählernen Mast, der durch Seile abgespannt wird, die an einem auf dem Dach sitzenden "kronenförmigen" Ring enden. Um die abgestrahlten Radiowellen nicht zu stören, wird man darüber eine Hülle aus faserverstärktem Kunststoff stülpen, die sich nach oben zu einer Spitze verjüngt. Unklar ist auch noch, ob die Kunststoff-"Tüte" von innen beleuchtet oder ein gebündelter Lichtstrahl aus der Spitze der Hülle gen Himmel geschickt wird.