Auf kaum einem anderen Gebiet verbrauchernaher Technik spielt das Präfix „Profi-“ solch eine gewaltige Rolle wie bei der Fototechnik. Wird irgendeine Automarke vom privaten Käufer höher geschätzt, weil ihr Anteil bei den Taxis oder an den Unternehmensflotten besonders hoch ist. Es ist doch eher umgekehrt: Weil das Prestige eines Typs oder einer Marke hoch ist und die Reparaturbilanz günstig, werden die Wagen beruflich bewegt. Aber bei der Fotografie hält sich seit analogen Zeiten bis zum digitalen Workflow von heute die verkaufsfördernde Ansicht: Profiwerkzeug macht Profibilder.
Dass die qualitativen Unterschiede sich nicht mehr an Begriffen wie „groß und schwer“ oder „teuer“ festmachen lassen, ist hinlänglich bekannt und nicht erst, seit die digitalen Systemkameras mit Wechseloptiken in zwei Hosentaschen passen. Die Kleinen haben enorm aufgeholt, sie können vielfach Dinge, die lange den Großen und Teuren vorbehalten waren. Mehr noch: Die Ausstattung von Kameras, die nach Komplexität, Leistungsstärke und Preis tatsächlich Werkzeuge für den Berufsfotografen sind, orientiert sich inzwischen an Funktionen, die zuerst in den geringgeschätzten „Knipsen“ auftauchten. Nur zwei Beispiele: Die kamerainterne Bildbearbeitung durch Digitalfilter und das Aufnehmen von Videos mit der DSLR.
Wie wichtig besonders das Letzte geworden ist, erweist sich unter anderem dadurch, dass die kommende Photokina in Köln (18. bis 23. September) eigens einen Sonderbereich unter dem Motto „Shoot Movie“ schaffen wird. Und der wendet sich nicht an den Fotoamateur, der seine Freundin in der Badewanne filmt, sondern an den Berufsfotografen. Fast zehn Prozent von ihnen erklärten in einer Umfrage, ohne die Bewegtbildfunktion nicht mehr auszukommen. Drei Viertel erklärten, sie hielten Videoaufnahmen mit der Standbildkamera für relevant, also für das Gegenteil von Kinkerlitzchen.
Der Scherz ist schon etwas bemoost, dass so ein vollelektronischer Kamera-Computer alles könne, bloß nicht telefonieren. Doch auch diesbezüglich ist die Entwicklung der professionellen Werkzeuge von den Tendenzen des Massenmarkts geprägt worden. Der Anschluss an den Rechner zur Bildbearbeitung ist eine Selbstverständlichkeit. Bilder hochladen ins WLan und in die Bildergalerien des Internets? Das müssen heute auch DSLRs können, und sei es mit einem kleinen Adapter wie Nikons Einsteigermodell D3200 mit dem WU-1a. „Mobile Imaging“ wird die dazu passende Sonderfläche auf der Kölner Messe heißen.
Aber wo und wie erwirbt man nun seine professionellen Ansprüchen genügende Fotoausrüstung - wenn man sie denn erwirbt und nicht von Job zu Job das Nötige Spezialwerkzeug leiht? Auch diesbezüglich haben sich die Vorstellungen gründlich geändert. Es gibt sie wohl noch, die auf den Berufsfotografen spezialisierten Fotofachhändler, die auch dem wohlhabenden Liebhaber mit Equipment und Beratung dienen. Aber manche dieser Händler klagen: Nicht über die Supermärkte, die Digitalknipsen auf Ramschtische schütten. Nein, die Kritik richtet sich eher an die Industrie: Sie werfe in immer kürzeren Abständen Novitäten auf den Markt und schere sich nicht um Vertriebskanäle. Es werde auf Absatzzahlen geschielt und an den Fachhandelspartnern vorbei auch Profiwerkzeug zum Schnäppchenpreis verschleudert. Der Fotofachhandel verkomme zum Nischenanbieter.