Das noch einigermaßen frische Jahr 2012 ist ein Photokina-Jahr. Vom 18. bis 23. September werden alle, die sich zur Welt des Bildes, pardon, zur "World of Imaging" zählen, wieder nach Köln pilgern. Dort wird weniger Fotokunst zu sehen sein als in der Vergangenheit, denn die Visual Gallery in Halle 1 ist gestrichen. Stattdessen sollen die Besucher über einen "Boulevard of Competition" an Bildern entlangmarschieren. Aber die Sorge, dass solche Sparsamkeit - denn selbstverständlich geht es vor allem um die Kosten der Präsentation von Fotokunst - aus der Weltmesse des Bildes eine bloße Technikschau werden lasse, geht an den tatsächlichen Veränderungen - nicht nur dieser Messe - vorbei. Gerade die technischen Novitäten können nicht auf den Messeherbst warten. Bis zur Photokina sind es noch rund acht Monate - eine Ewigkeit bei den heutigen Produktzyklen.
Messen haben nun mal fixe Termine. Die erscheinen längst nicht mehr zwingend, wenn es um die Entscheidung geht, wo, wann und wie technische Neuheiten vorgestellt werden. Auf dem Marktplatz einer Messe an einem Stand, egal, wie groß und schön er sei, um die Aufmerksamkeit des flanierenden Publikums zu buhlen hat etwas geradezu Mittelalterliches. Gelockt, verführt, aber auch solide informiert wird doch nicht nur im Frühjahr oder Herbst. Und viel breiter gestreut und zugleich genauer gezielt geschieht das in den Arenen, die sich im Netz eröffnet haben.
Dort sind die Tweets, die herumzwitscherten, dass die Nikon D800 - und die D800E tatsächlich ohne Tiefpassfilter - da seien, nur ein flüchtiges Zwischenkonzert. Zwei Tage später bloggten sich die üblichen Verdächtigen im terminlichen Niemandsland zwischen der CES in Las Vegas, dem MWC in Barcelona und der Cebit in Hannover schon wieder die Finger wund: Olympus rückte mit der E-M5 des neuen OM-D-Systems heraus. Im Netz war ein korrekt gewandeter und entschlossen blickender japanischer Manager zu bewundern: Erst nahm er aus seiner Wasserflasche einen Schluck, und dann goss er den Rest über die Kamera. Die nahm das gelassen hin, spritzwassergeschützt, wie sie ist. Auf mirrorlessrumors, der Gerüchteküche für spiegellose Systemkameras, sollten sich die Netzbürger sogleich zwischen der neuen Olympus und der X Pro 1 von Fujifilm entscheiden.
Diese Gerüchteküchen wie 43 Rumors oder Nikon Rumors haben sich zu einem wichtigen Instrument der Anfütterung entwickelt: Häppchenweise werden wahre und weniger wahrscheinliche Details ausgestreut. "Ladies and Gentlemen, I present to you the Nikon D800", tönte der Administrator von Nikon Rumors am 19. November. Und er hatte Bilder von vorn und von hinten eines Mockups des Gehäuses zu bieten, neben einigen technischen Daten. Und alles berechtigt zu der Annahme, dass er weder das eine noch das andere entwendet hatte, sondern dass es ihm zugesteckt worden war.
Genauso wurden mit dem Rumoren um eine Wiederbelebung des legendären OM-Systems von Olympus Hoffnungen geweckt, während man auf das MFT-Modell mit eingebautem elektronischen Sucher noch geraume Zeit warten musste. Dass die Kommentare und Diskussionen, jedes Echo auf die Informationshäppchen, aufmerksam verfolgt werden, kann man sicher sein. Trotzdem kommt die Stunde der Wahrheit erst, wenn man die Neuheit in die Hand nehmen kann. Und dafür sind Messen nach wie vor eine erstklassige Gelegenheit.