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Flugzeug Ju 52 Auf Zeitreise mit Tante Ju

 ·  Sie ist laut, langsam, altmodisch - und wunderbar faszinierend: An Bord einer Ju 52 ist auch im 21. Jahrhundert Aviatikgeschichte live erlebbar.

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© Lufthansa Vergrößern Die restaurierte Ju 52 im Besitz der Lufthansa ist eine Touristenattraktion

Schon beim Einsteigen ist alles anders als bei einem normalen Lufthansa-Flug: Über eine kleine Leiter gehts ins Innere, dort ist es etwas beengt, und die schmalen Sitze haben weder Klapptische, Lehnenverstellung noch irgendwelchen Bordunterhaltungs-Schnickschnack. Stattdessen gibt’s riesige Fenster, einen steil ansteigenden Mittelgang und freie Sicht der Passagiere auf den Rücken des Bordingenieurs, der zwischen beiden Piloten sitzt.

Dafür ist aber eine geballte Ladung fliegerisches Fachwissen an diesem Vormittag im Cockpit der Junkers Ju 52 - Spitzname Tante Ju - auf dem Flugplatz Mainz-Finthen versammelt: Beide Flugzeugführer sind normalerweise in modernen Jets unterwegs, einer im Airbus A380, der andere im ebenfalls vierstrahligen, kleineren A340. An diesem warmen Herbsttag sind aber anders als im fliegerischen Alltag der drei Männer weder Autopiloten noch Sidesticks gefragt, stattdessen ist in den nächsten 30 Flugminuten Luftfahrt wie zu Großvaters Zeiten angesagt. Das bedeutet Fliegen nach Sicht, drei klassische Sternmotoren, jede Menge Handarbeit beim Steuern und der Blick auf das für Junkers-Flugzeuge typische Wellblech. Wenige Sekunden später startet schon der erste Motor auf der Tragfläche mit dumpfem Grollen. Eine der Passagierinnen ist besonders aufgeregt. Ihr Großvater steuerte einst ebenfalls eine Ju 52 und hinterließ der Enkelin einen Schatz in Form von unzähligen Schwarzweißfotos seiner Einsätze mit der Junkers.

Nach dem Anlassen des zweiten und des dritten Triebwerks erfüllt ein mächtiges Brummen die Kabine, das Flugzeug vibriert, dröhnt, schüttelt - kurz: Die Tante Ju lebt. In gespannter Vorfreude ihrer Passagiere rollt die Dreimotorige gemächlich zur Startbahn. Dort laufen die Triebwerke noch einige Minuten warm, im Cockpit arbeitet die Crew ihre Pre-Start-Checkliste ab, dann geht es los. Sanft und relativ langsam im Vergleich zu einem modernen Jet nimmt die Junkers Fahrt auf, nach etwa 150 Metern hebt sich das Heck der Maschine und wenige Sekunden später nimmt sie der Pilot durch leichtes Ziehen am Holz-Steuerrad vom Boden weg. Sachte steigt die Ju trotz einer beeindruckenden Geräuschkulisse bis auf eine komfortable Reiseflughöhe für den Sichtflug von etwa 5000 Fuß, umgerechnet rund 1600 Meter. Dann geht es mit gemütlichem Tempo von etwa 180 km/h in Richtung Mainzer Dom und ein Stück den leuchtend in der Sonne glänzenden Rhein entlang.

Den 15 Passagieren steht nun ein besonderes Highlight bevor. Nachdem der Flugingenieur alle drei Triebwerke fein sauber aufeinander synchronisiert hat, verlässt er seinen Platz zwischen den Piloten und setzt sich zum Gespräch mit der Flugbegleiterin ins Heck der Maschine. Jetzt ist der Weg für die Gäste an Bord frei, nacheinander darf jeder einen Blick ins Cockpit werfen und den Piloten bei ihrer Arbeit zuschauen. Der Blick auf die beiden hölzernen Steuerhörner, die zumeist originalen Instrumente und die nostalgisch-verspielten Windschutzscheiben machen die Illusion einer Zeitreise perfekt.

Die Ju 52 der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung - gebaut 1936 bei den Junkers Werken in Dessau - hat schon unzählige Crews erlebt und bewegte Zeiten hinter sich. Ursprünglich als Wasserflugzeug auf Schwimmern mit der Kennung D-AQUI bei der deutschen Luft Hansa eingesetzt, ging die Ju schon nach zwei Monaten Einsatz nach Norwegen zur dortigen Fluggesellschaft DNL. 1940 kam sie zurück zur Luft Hansa, um wiederum fünf Jahre später nach Kriegsende abermals bei der DNL in Skandinavien eingesetzt zu werden. Durch den strapaziösen Einsatz als Frachtflugzeug im Salzwasser der Nordsee wurde es später notwendig, den Rumpf der D-AQUI gegen den einer zwar älteren, aber besser erhaltenen Maschine auszutauschen und an diesen dann Flächen und Leitwerksteile des Originals zu montieren. Bereits 1956 drohte der damals gerade 20 Jahre alten Maschine aber bereits der Zwangsruhestand.

Kurze Zeit später hatte allerdings ein südamerikanisches Luftfahrtunternehmen Bedarf für ein robustes Frachtflugzeug. Anstelle der montierten Schwimmer bekam die Ju im ecuadorianischen Quito kurzerhand Räder spendiert und transportierte daraufhin Rinder, Fracht, Menschen oder alles gleichzeitig im Amazonasgebiet. Ende der sechziger Jahre wurde die Ju 52 an einen Amerikaner verkauft, Anfang der siebziger Jahre wechselte sie zu einem weiteren Eigentümer in die Vereinigten Staaten, der die Maschine als „Iron Annie“ in deutscher Militärbemalung auf amerikanischen Airshows vorflog.

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