Schon beim Einsteigen ist alles anders als bei einem normalen Lufthansa-Flug: Über eine kleine Leiter gehts ins Innere, dort ist es etwas beengt, und die schmalen Sitze haben weder Klapptische, Lehnenverstellung noch irgendwelchen Bordunterhaltungs-Schnickschnack. Stattdessen gibt’s riesige Fenster, einen steil ansteigenden Mittelgang und freie Sicht der Passagiere auf den Rücken des Bordingenieurs, der zwischen beiden Piloten sitzt.
Dafür ist aber eine geballte Ladung fliegerisches Fachwissen an diesem Vormittag im Cockpit der Junkers Ju 52 - Spitzname Tante Ju - auf dem Flugplatz Mainz-Finthen versammelt: Beide Flugzeugführer sind normalerweise in modernen Jets unterwegs, einer im Airbus A380, der andere im ebenfalls vierstrahligen, kleineren A340. An diesem warmen Herbsttag sind aber anders als im fliegerischen Alltag der drei Männer weder Autopiloten noch Sidesticks gefragt, stattdessen ist in den nächsten 30 Flugminuten Luftfahrt wie zu Großvaters Zeiten angesagt. Das bedeutet Fliegen nach Sicht, drei klassische Sternmotoren, jede Menge Handarbeit beim Steuern und der Blick auf das für Junkers-Flugzeuge typische Wellblech. Wenige Sekunden später startet schon der erste Motor auf der Tragfläche mit dumpfem Grollen. Eine der Passagierinnen ist besonders aufgeregt. Ihr Großvater steuerte einst ebenfalls eine Ju 52 und hinterließ der Enkelin einen Schatz in Form von unzähligen Schwarzweißfotos seiner Einsätze mit der Junkers.
Nach dem Anlassen des zweiten und des dritten Triebwerks erfüllt ein mächtiges Brummen die Kabine, das Flugzeug vibriert, dröhnt, schüttelt - kurz: Die Tante Ju lebt. In gespannter Vorfreude ihrer Passagiere rollt die Dreimotorige gemächlich zur Startbahn. Dort laufen die Triebwerke noch einige Minuten warm, im Cockpit arbeitet die Crew ihre Pre-Start-Checkliste ab, dann geht es los. Sanft und relativ langsam im Vergleich zu einem modernen Jet nimmt die Junkers Fahrt auf, nach etwa 150 Metern hebt sich das Heck der Maschine und wenige Sekunden später nimmt sie der Pilot durch leichtes Ziehen am Holz-Steuerrad vom Boden weg. Sachte steigt die Ju trotz einer beeindruckenden Geräuschkulisse bis auf eine komfortable Reiseflughöhe für den Sichtflug von etwa 5000 Fuß, umgerechnet rund 1600 Meter. Dann geht es mit gemütlichem Tempo von etwa 180 km/h in Richtung Mainzer Dom und ein Stück den leuchtend in der Sonne glänzenden Rhein entlang.
Den 15 Passagieren steht nun ein besonderes Highlight bevor. Nachdem der Flugingenieur alle drei Triebwerke fein sauber aufeinander synchronisiert hat, verlässt er seinen Platz zwischen den Piloten und setzt sich zum Gespräch mit der Flugbegleiterin ins Heck der Maschine. Jetzt ist der Weg für die Gäste an Bord frei, nacheinander darf jeder einen Blick ins Cockpit werfen und den Piloten bei ihrer Arbeit zuschauen. Der Blick auf die beiden hölzernen Steuerhörner, die zumeist originalen Instrumente und die nostalgisch-verspielten Windschutzscheiben machen die Illusion einer Zeitreise perfekt.
Die Ju 52 der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung - gebaut 1936 bei den Junkers Werken in Dessau - hat schon unzählige Crews erlebt und bewegte Zeiten hinter sich. Ursprünglich als Wasserflugzeug auf Schwimmern mit der Kennung D-AQUI bei der deutschen Luft Hansa eingesetzt, ging die Ju schon nach zwei Monaten Einsatz nach Norwegen zur dortigen Fluggesellschaft DNL. 1940 kam sie zurück zur Luft Hansa, um wiederum fünf Jahre später nach Kriegsende abermals bei der DNL in Skandinavien eingesetzt zu werden. Durch den strapaziösen Einsatz als Frachtflugzeug im Salzwasser der Nordsee wurde es später notwendig, den Rumpf der D-AQUI gegen den einer zwar älteren, aber besser erhaltenen Maschine auszutauschen und an diesen dann Flächen und Leitwerksteile des Originals zu montieren. Bereits 1956 drohte der damals gerade 20 Jahre alten Maschine aber bereits der Zwangsruhestand.
Kurze Zeit später hatte allerdings ein südamerikanisches Luftfahrtunternehmen Bedarf für ein robustes Frachtflugzeug. Anstelle der montierten Schwimmer bekam die Ju im ecuadorianischen Quito kurzerhand Räder spendiert und transportierte daraufhin Rinder, Fracht, Menschen oder alles gleichzeitig im Amazonasgebiet. Ende der sechziger Jahre wurde die Ju 52 an einen Amerikaner verkauft, Anfang der siebziger Jahre wechselte sie zu einem weiteren Eigentümer in die Vereinigten Staaten, der die Maschine als „Iron Annie“ in deutscher Militärbemalung auf amerikanischen Airshows vorflog.
Verantwortliche der Lufthansa erinnerten sich Anfang der achtziger Jahre an ihr einstiges Arbeitspferd der Luftflotte, kauften die „Iron Annie“ kurzerhand ihrem Besitzer ab und holten sie quasi nach Hause zurück. In der Hamburger Werft der Kranich-Linie folgte anschließend eine fünfzehnmonatige Totalüberholung, drei amerikanische Motoren vom Typ Pratt&Whitney PW 1340 Wasp treiben nun die Maschine an. Pünktlich zum 50. Geburtstag der D-AQUI und genau 60 Jahre nach dem ersten Linienflug der alten Luft Hansa war die Maschine wieder flugtüchtig und wurde auf den Namen Berlin-Tempelhof getauft.
Seitdem befördert sie jedes Jahr von Frühjahr bis Herbst viele tausend Passagiere auf Rundflügen in Deutschland und einigen Nachbarländern für die Deutsche Lufthansa Berlin-Stiftung. Die hat als Halter der Ju 52 das Ziel, dieses faszinierende Stück fliegender Technikgeschichte der Öffentlichkeit am Boden und in der Luft zugänglich zu machen.
Mittlerweile ist der Rhein unter den Wellblech-Tragflächen der Ju verschwunden und die Maschine auf etwa 1500 Fuß über Grund gesunken. Der Flugingenieur sitzt wieder auf seinem Platz im Cockpit und fährt beim Anflug auf Mainz-Finthen die großen Landeklappen manuell nach unten aus. Mit etwa 120 km/h geht es jetzt dem Erdboden entgegen. Aufgesetzt wird mit der sogenannten Lufthansa-Landung: Zuerst berühren die beiden Räder des Hauptfahrwerks die Runway, dann wird die Ju langsamer, und irgendwann senkt sich das Heck der Maschine mit dem Spornrad sachte auf den Boden. Diese Landeart benötigt zwar etwas mehr Rollstrecke als die Variante, bei der alle drei Räder in der Dreipunktlage möglichst gleichzeitig aufsetzen, schont dafür aber die Struktur der Maschine. Zudem reicht sie bei der üppigen Länge der Landebahn in Mainz-Finthen völlig aus.
Uwe Hannes, Flugkapitän der Kranich-Linie, musste lange warten, bis er die D-AQUI endlich fliegen durfte. Mehr als zehn Jahre dauerte es vom ersten Antrag bis zur Aufnahme in den kleinen Club der Ju-52-Piloten. Denn für diesen Oldtimer ist Spornradflieger-Erfahrung notwendig. Das sind Flugzeuge, die anders als moderne Maschinen zwei Räder unter der Fläche und eines ganz hinten am Rumpf haben. Diese Taildragger können zwar auf sehr kurzen Pisten starten und landen, sind beim und nach dem Aufsetzen aber schwerer zu kontrollieren als Maschinen mit konventionellem Dreibeinfahrwerk. Zudem muss sich ein Ju-52-Pilot im Sichtflug im unteren Luftraum, also deutlich unterhalb der üblichen Flughöhe, und mit dessen Besonderheiten auskennen. Selbst Tausende Stunden Airbus- oder Boeing-Erfahrung helfen einem angehenden Ju-Piloten wenig, zumal das Steuern des Oldie rein manuell geschieht.
Hannes hatte den Vorteil, dass er als langjähriger Segelflieger Erfahrung im Sichtflug und Spornradkompetenz aufweisen konnte. Heute bildet er selbst angehende Ju-52-Piloten auf der D-AQUI aus. Dazu findet jedes Jahr im April ein Trainingslager für neue und auch bewährte Ju-Piloten statt. Ein Auswahlverfahren sorgt dafür, dass die Flugzeugführer gut zum Oldtimer passen. Da es mehr Bewerber als freie Pilotenplätze gibt, beträgt die Wartezeit einige Jahre.
Die Lufthansa-Piloten bekommen für das Fliegen der Junkers kein Gehalt, sondern tun dies ehrenamtlich. Dass sie dennoch von vielen Fliegerkollegen beneidet werden macht die Zahl der weltweit noch fliegenden Ju 52 klar: Von mehr als 4800 gebauten Maschinen einschließlich Lizenzbauten fliegen nur noch die D-AQUI in Deutschland, vier weitere Exemplare der Ju-Air in der Schweiz sowie je eine Ju52 des Luftfahrtkonzerns EADS in Frankreich und der South African Airways Historic Flight in Südafrika. Dazu noch eine Maschine in Amerika. Vergangenes Jahr flogen die sechs europäischen Ju 52 gleichzeitig in Formation auf einem Oldtimertreffen in Süddeutschland. So einen Anblick wird es vermutlich nie mehr geben, da eine der schweizerischen Maschinen wohl bald in Pension geht.
Ach Du meine Güte,...
Jörg Gondermann (joeyyy)
- 11.12.2012, 20:25 Uhr
Stimmt schon, @Herr Bittner...
Reinhold Maier (Reinmai)
- 11.12.2012, 13:50 Uhr
Aviatikgeschichte...
Stefan Bittner (thebit)
- 11.12.2012, 10:33 Uhr
Schauen Sie bitte auch mal nach unten...
Jörg Gondermann (joeyyy)
- 11.12.2012, 10:15 Uhr