http://www.faz.net/-gy9-74xib
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 11.12.2012, 06:00 Uhr

Flugzeug Ju 52 Auf Zeitreise mit Tante Ju

Sie ist laut, langsam, altmodisch - und wunderbar faszinierend: An Bord einer Ju 52 ist auch im 21. Jahrhundert Aviatikgeschichte live erlebbar.

von Jürgen Schelling
© Lufthansa Die restaurierte Ju 52 im Besitz der Lufthansa ist eine Touristenattraktion

Schon beim Einsteigen ist alles anders als bei einem normalen Lufthansa-Flug: Über eine kleine Leiter gehts ins Innere, dort ist es etwas beengt, und die schmalen Sitze haben weder Klapptische, Lehnenverstellung noch irgendwelchen Bordunterhaltungs-Schnickschnack. Stattdessen gibt’s riesige Fenster, einen steil ansteigenden Mittelgang und freie Sicht der Passagiere auf den Rücken des Bordingenieurs, der zwischen beiden Piloten sitzt.

Dafür ist aber eine geballte Ladung fliegerisches Fachwissen an diesem Vormittag im Cockpit der Junkers Ju 52 - Spitzname Tante Ju - auf dem Flugplatz Mainz-Finthen versammelt: Beide Flugzeugführer sind normalerweise in modernen Jets unterwegs, einer im Airbus A380, der andere im ebenfalls vierstrahligen, kleineren A340. An diesem warmen Herbsttag sind aber anders als im fliegerischen Alltag der drei Männer weder Autopiloten noch Sidesticks gefragt, stattdessen ist in den nächsten 30 Flugminuten Luftfahrt wie zu Großvaters Zeiten angesagt. Das bedeutet Fliegen nach Sicht, drei klassische Sternmotoren, jede Menge Handarbeit beim Steuern und der Blick auf das für Junkers-Flugzeuge typische Wellblech. Wenige Sekunden später startet schon der erste Motor auf der Tragfläche mit dumpfem Grollen. Eine der Passagierinnen ist besonders aufgeregt. Ihr Großvater steuerte einst ebenfalls eine Ju 52 und hinterließ der Enkelin einen Schatz in Form von unzähligen Schwarzweißfotos seiner Einsätze mit der Junkers.

22464174 © Lufthansa Vergrößern Startklar, letzte Prüfungen am Boden: Ju 52 vor dem Abflug

Nach dem Anlassen des zweiten und des dritten Triebwerks erfüllt ein mächtiges Brummen die Kabine, das Flugzeug vibriert, dröhnt, schüttelt - kurz: Die Tante Ju lebt. In gespannter Vorfreude ihrer Passagiere rollt die Dreimotorige gemächlich zur Startbahn. Dort laufen die Triebwerke noch einige Minuten warm, im Cockpit arbeitet die Crew ihre Pre-Start-Checkliste ab, dann geht es los. Sanft und relativ langsam im Vergleich zu einem modernen Jet nimmt die Junkers Fahrt auf, nach etwa 150 Metern hebt sich das Heck der Maschine und wenige Sekunden später nimmt sie der Pilot durch leichtes Ziehen am Holz-Steuerrad vom Boden weg. Sachte steigt die Ju trotz einer beeindruckenden Geräuschkulisse bis auf eine komfortable Reiseflughöhe für den Sichtflug von etwa 5000 Fuß, umgerechnet rund 1600 Meter. Dann geht es mit gemütlichem Tempo von etwa 180 km/h in Richtung Mainzer Dom und ein Stück den leuchtend in der Sonne glänzenden Rhein entlang.

Den 15 Passagieren steht nun ein besonderes Highlight bevor. Nachdem der Flugingenieur alle drei Triebwerke fein sauber aufeinander synchronisiert hat, verlässt er seinen Platz zwischen den Piloten und setzt sich zum Gespräch mit der Flugbegleiterin ins Heck der Maschine. Jetzt ist der Weg für die Gäste an Bord frei, nacheinander darf jeder einen Blick ins Cockpit werfen und den Piloten bei ihrer Arbeit zuschauen. Der Blick auf die beiden hölzernen Steuerhörner, die zumeist originalen Instrumente und die nostalgisch-verspielten Windschutzscheiben machen die Illusion einer Zeitreise perfekt.

Die Ju 52 der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung - gebaut 1936 bei den Junkers Werken in Dessau - hat schon unzählige Crews erlebt und bewegte Zeiten hinter sich. Ursprünglich als Wasserflugzeug auf Schwimmern mit der Kennung D-AQUI bei der deutschen Luft Hansa eingesetzt, ging die Ju schon nach zwei Monaten Einsatz nach Norwegen zur dortigen Fluggesellschaft DNL. 1940 kam sie zurück zur Luft Hansa, um wiederum fünf Jahre später nach Kriegsende abermals bei der DNL in Skandinavien eingesetzt zu werden. Durch den strapaziösen Einsatz als Frachtflugzeug im Salzwasser der Nordsee wurde es später notwendig, den Rumpf der D-AQUI gegen den einer zwar älteren, aber besser erhaltenen Maschine auszutauschen und an diesen dann Flächen und Leitwerksteile des Originals zu montieren. Bereits 1956 drohte der damals gerade 20 Jahre alten Maschine aber bereits der Zwangsruhestand.

22464173 © Lufthansa Vergrößern Blick ins Cockpit der alten Tante

Kurze Zeit später hatte allerdings ein südamerikanisches Luftfahrtunternehmen Bedarf für ein robustes Frachtflugzeug. Anstelle der montierten Schwimmer bekam die Ju im ecuadorianischen Quito kurzerhand Räder spendiert und transportierte daraufhin Rinder, Fracht, Menschen oder alles gleichzeitig im Amazonasgebiet. Ende der sechziger Jahre wurde die Ju 52 an einen Amerikaner verkauft, Anfang der siebziger Jahre wechselte sie zu einem weiteren Eigentümer in die Vereinigten Staaten, der die Maschine als „Iron Annie“ in deutscher Militärbemalung auf amerikanischen Airshows vorflog.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Frankfurter Flughafen Pilot wollte betrunken nach Sri Lanka fliegen

Kurz vor dem Start ist am Frankfurter Flughafen ein Flugzeug von SriLankan-Airlines aus dem Verkehr gezogen worden – der Pilot wollte sich betrunken ans Steuer setzen. Mehr

21.08.2016, 18:05 Uhr | Aktuell
Syrischer Bürgerkrieg Russland fliegt erstmals von Iran aus Luftangriffe in Syrien

Mehrere russische Flugzeuge haben von Iran aus Angriffe gegen islamistische Milizen in Syrien geflogen. Nach den Angaben des russischen Verteidigungsministeriums galten die Angriffe durch Tupolew 22M3 und Suchoi 34-Maschinen der Extremistenmiliz Islamischer Staat sowie der früher als Al-Nusra bekannten Miliz in den syrischen Provinzen Aleppo, Idlib und Deir al-Sur. Mehr

16.08.2016, 17:09 Uhr | Politik
Tarife Gespräche zwischen Lufthansa und Piloten abgebrochen

Der Streit zwischen dem Management der Fluglinie und den Piloten dauert an. In einigen Fragen habe man sich sogar weiter entfernt, heißt es aus der Lufthansa. Mehr

13.08.2016, 01:41 Uhr | Wirtschaft
Nach Bruchlandung Flugzeug geht in Dubai in Flammen auf

Eine Boeing 777 hat auf dem Flughafen von Dubai eine Bruchlandung hingelegt. Alle 275 Passagiere und Besatzungsmitglieder sind in Sicherheit, die Maschine hingegen kam weniger glimpflich weg, wie diese Amateuraufnahmen zeigen. Mehr

03.08.2016, 19:41 Uhr | Gesellschaft
Lufthansa-Aktie Lufthansa bleibt ein Tiefflieger an der Börse

Die Lufthansa-Aktie erleidet erhebliche Kurseinbußen. Brexit, Terror und hausgemachte Probleme setzen die Fluggesellschaft unter Druck. Mehr Von Ulrich Friese

20.08.2016, 10:15 Uhr | Finanzen

Vermessen

Von Georg Küffner

Die Störungsstelle der Telekom will sich per SMS melden. Doch das Telefon ist tot, und mobil geht wegen der Lage im Funkschatten auch nicht. Und nun? Mehr 1