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Ferrari 308 GTSi Quattrovalvole Abenteuer mit der schwarzen Diva

 ·  Das erste selbst bezahlte Auto. Unser Autor wollte schnell hinaus und kaufte sich einen Ferrari 308 GTSi Quattrovalvole. Ein zweiter Ausflug ins Gestern.

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© Archiv Schelling Nein, nicht rot, sondern schwarz, und zwar bewusst: Der Ferrari 308 GTSi Quattrovalvole gibt sich martialisch. Das richtige Auto für einen ambitionierten Fahrer auf freier Straße

Mein Tankwart ist schuld. Genauer gesagt: der motorsportbegeisterte Chef der Tankstelle in unserer Straße. Fast jedes Wochenende war er in seinem Formel-Auto auf Rennstrecken unterwegs und wollte auch im Alltag nicht auf einen sportlichen Untersatz verzichten. Deshalb fuhr er Anfang der 70er Jahre privat einen schwarzen Maserati Merak. Der flache Mittelmotorbolide faszinierte mich unheimlich. Oft schlich ich an die Tankstelle und spähte auf den Tacho der Flunder. Kaum zu glauben, aber bis auf mehr als 240 Sachen reichte die Skala. Mehr als genug, um mich Zwölfjährigen nachhaltig zu beeindrucken. So einen fahre ich irgendwann auch einmal, lautete der feste Schwur in meinem Kinderherzen.

20 Jahre später, Anfang der neunziger Jahre. Ich stehe vor einer schweren Entscheidung. Als junger Wirtschaftsredakteur der lokalen Zeitung in Freiburg habe ich nach dem Studium erstmals ein passables Gehalt, dazu noch etwas gespart. Nach gesponserten Gebrauchten wie Alfa 33 und Fiat 124 Spider soll jetzt endlich mal ein solides Auto in die Garage kommen. Gedacht ist an einen Neuwagen vom Typ Audi A6, damals ganz frisch auf dem Markt und geradezu prädestiniert für den seriös-gediegenen Auftritt eines Wirtschaftsjournalisten. Aber plötzlich und aus dem hintersten Winkel meines Gehirns ruft ein Stimmchen: „Mach es nicht, du bist jung, lebe wild und gefährlich! Audi fahren kannst du noch mit 60.“

Das Stimmchen wird von Tag zu Tag immer lauter, und zunehmend finde ich den Audi A6 nicht mehr ganz so erstrebenswert. Wie es der Zufall will, entdecke ich an einem Wochenende das Inserat eines BMW-Händlers ganz in der Nähe von Freiburg: Ferrari 308 GTSi Quattrovalvole, schwarz, gepflegte US-Version, 40.000 Meilen, 72.000 Mark.

Einparken ist schweißtreibendes Krafttraining

Ein Ferrari! Nicht im üblichen Rot, sondern schwarz. Und durch seinen Vierventil-V8 samt 240 PS mit deutlich mehr Power ausgestattet als der Maserati Merak, der mit seinem etwas schwachbrüstigen 190-PS-V6 mehr Show- als echtes Sports-Talent hatte und später gern durch GTI-Fahrer von der linken Spur gejagt wurde. Natürlich liegt der Preis weit über dem selbstgesetzten Limit, und eigentlich ist es ja ohnehin Wahnsinn. Aber Offenburg ist nah, warum nicht einfach mal hinfahren. Bei dem Händler wirkt der flache Ferrari zwischen den stämmigen Dreiern und Fünfern von BMW wie eine libellenschlanke Ballerina, die sich in die Dorfdisco verirrt hat. Was für elegante Proportionen besitzt diese Karosserie von Design-Papst Pininfarina. Dazu die rennsportähnliche Sitzposition knapp über dem Erdboden. Auch das beigefarbene Edelleder sieht richtig cool aus. Und im Sommer hätte man gleichzeitig ein Cabrio, wenn das Targadach abgenommen wird. Also sogar irgendwie praktisch.

Zu meiner eigenen Überraschung lässt mich der Verkäufer sofort ans Lenkrad und nimmt auf dem Beifahrersitz Platz, ermahnt mich aber, das kalte Triebwerk behutsam warm zu fahren. Sekundenbruchteile nach dem Drehen des Zündschlüssels setzt eine infernalische Geräuschkulisse ein - eine Motoren-Symphonie irgendwo zwischen Formel 1 und Verdi-Oper. Nichts wie raus aus der Stadt, und auf der Landstraße gebe ich zum ersten Mal richtig Gas. Wow. In diesem Moment ist es um mich geschehen.

Dennoch gebe ich mich vor dem Mann auf dem Beifahrersitz möglichst unbeeindruckt, denn 72.000 Mark sind beim besten Willen zu viel. Und schließlich gibt es auch Kritikpunkte: Ohne Servolenkung wird der Stadtverkehr zu echter Arbeit, Einparken ist schweißtreibendes Krafttraining. Oder der Kofferraum. Der ist in Wirklichkeit keiner, sondern ein Schlitz für Handtaschen. Egal. An der Freundlichkeit des Verkäufers merke ich, dass wohl noch nicht allzu viele Interessenten angerufen haben, denn er betont von sich aus, dass man beim Preis sicher was machen könne.

Meine Mutter vermisst Haltegriffe und Ablagen

Zwei Wochen lasse ich ins Land gehen, überprüfe ständig meine Ersparnisse, hole die Zusage meines Vaters für einen Zuschuss zu einem „anständigen“ Auto ein und schlafe unruhig. Schließlich mache ich ein Angebot: 60.000 Mark, keinen Pfennig mehr. Erst gibt sich der Verkäufer ein bisschen pikiert, sagt dann aber überraschend schnell zu. Der Ferrari gehört mir.

Angst vor der eigenen Courage und gleichzeitig freudige Erwartung - so sieht meine Gefühlswelt drei Tage später beim Abholen aus. Die Jungfernfahrt wird zum unvergesslichen „eRsten Mal“: Das Targadach hinter die Sitze geklemmt, den röhrenden V8 im Ohr geht es unter südbadischer Sonne kleine Landstraßen entlang. Wahnsinn. Bei einer Rast im Straßencafé schleichen zwei Buben ehrfürchtig um den Wagen und spicken auf den Tacho. Genau wie ich vor 20 Jahren. Mein Vater staunt allerdings Bauklötze, als ich den Ferrari präsentiere. Unter „anständigem“ Auto hatte er sich eine Limousine von BMW, Mercedes-Benz oder Audi vorgestellt. Schon nach der ersten gemeinsamen Ausfahrt teilt er aber meine Leidenschaft. Allerdings vergleicht er ständig die Tachoanzeige mit der zulässigen Höchstgeschwindigkeit und mahnt zum langsameren Fahren. Als über 60-Jährigem muss ich ihm auch beim Aussteigen aus der extrem tiefen Sitzposition immer etwas behilflich sein. Ein weiterer Beleg für meine These, dass man derartige Autos jung fahren muss.

Meine Mutter ist weniger begeistert. Sie vermisst Haltegriffe, Ablagen und überhaupt genügend Platz. Bei Ausfahrten mit ihr lerne ich allerdings die Tatsache zu schätzen, dass dieser Ferrari ein Import ist: So wird die Tacho-Skala in Meilen angegeben. Wenn die Seniorin also mahnt, dass ihr das Tempo viel zu schnell vorkomme, ermuntere ich sie einfach zum Blick auf den Tacho: „110 ist doch wirklich nicht schnell“, beruhige ich sie generös mit dem Hinweis auf die angezeigte Geschwindigkeit, während in Wirklichkeit fast 180 km/h anliegen.

Straßenlage und Beschleunigung machen die Faszination aus

Alle männlichen Bekannten hingegen freuen sich durchweg über meine Fahrzeugwahl und wollen ständig mitfahren. Die beiden besten Freunde dürfen unter meinem strengen Blick vom Beifahrersitz aus und einer Maßgabe für die Maximaldrehzahl sogar selbst mal am 308-Steuer drehen. Auf den weiblichen Teil der Bevölkerung wirkt der Ferrari anscheinend nicht immer so positiv, obwohl im Fernsehen Privatdetektiv Thomas Magnum ebenfalls mit einem 308 GTS durch Hawaii düst und damit Sympathiepunkte sammelt. Eine Bekannte mit frecher Klappe drückt ihre Meinung ziemlich unverblümt aus: „Brauchst du denn schon so einen Potenzverstärker?“ Egal, manche Frauen können einfach nicht verstehen, dass die Kombination aus brüllendem Achtzylinder und Pininfarina-Design zumindest bei mir enorme Mengen Glückshormone ausschüttet.

Ein Problem bleibt aber: Mein Chefredakteur fährt zu dieser Zeit einen betagten Audi 100, der Ressortleiter einen Golf Diesel. Da kann ich als junger Wirtschaftsjournalist auf keinen Fall mit einem Ferrari vor dem Verlag aufkreuzen, auch wenn ich ihn durch eigene Arbeit verdient habe. Um peinliche Fragen zu vermeiden, parke ich den Wagen also mindestens zwei Querstraßen vor dem Redaktionsgebäude. Natürlich passiert es trotzdem, dass ein Kollege mich zufällig beim Tanken entdeckt. „Geiles Auto, ist das deiner?“ „Nein, hat mir ein Freund ausgeliehen, ich soll damit nur zum Tanken fahren“, lautet meine Antwort mit hochrotem Kopf.

Touren mit bis dato unbekannten Kurvengeschwindigkeiten rings um Bodensee, Schwarzwald und Kaiserstuhl machen die nächsten Monate trotz gewaltiger Spritrechnungen Freude. Vermutlich lässt sich der Dreilitermotor bei eingeschlafenem Gasfuß sogar mit lediglich 11 Liter auf 100 Kilometer bewegen, aber macht das noch Spaß? Und angeblich soll der Flachmann ja über 250 km/h laufen. Die Höchstgeschwindigkeit auszutesten hat mich aber nie gereizt, sondern Straßenlage und Beschleunigung des Wagens aus Maranello machen seine Faszination aus. Eines Tages steht jedoch laut Inspektionsplan der vorgeschriebene Zahnriemenwechsel an. Wer den beim 308 nicht erledigt, riskiert, dass der Riemen reißt. Und dann wäre der 32-Ventiler komplett hinüber. Der Zahnriemen an sich ist zwar vergleichsweise günstig. Das finanzielle Fiasko für den Auftraggeber dieses Wartungs-Vorgangs entsteht aber dadurch, dass dafür der komplette Motor mit Nebenaggregaten aus- und anschließend wieder eingebaut werden muss. Beim Anblick der Rechnung weicht alle Farbe aus dem Gesicht: Über 6000 Mark, und dabei war noch nicht mal was kaputt. Die bisher ungetrübte Beziehung zur schwarzen Diva erlebt ihre erste schwere Krise.

Der Ferrari weicht einem Oldtimer

Wenig später an einem Bahnübergang in Heimatnähe. Nach Aufgehen der Schranke will ich den Motor wieder starten. Sprit und Strom ist genügend da, aber nichts tut sich. Hinter mir ein Hupkonzert. Ich steige aus und schiebe den Wagen etwas auf die Seite. „Ferrari-Schnösel“ meine ich von den Lippen der vorbeiziehenden Autofahrer ablesen zu können. Mein Freund Uwe ist mit seinem Volvo-Kombi Retter in der Not. Er schleppt mich mit breitem Grinsen zur nächsten Alfa-Werkstatt. Die Alfa-Jungs diagnostizieren zum Glück nur einen überschaubaren Elektrik-Defekt, aber mein Zutrauen in den Wagen leidet angesichts weiterer unterschiedlicher technischer Malheure zunehmend.

1995 steht eine berufliche Veränderung, verbunden mit Umzug nach München, an. Die weiss-blaue Metropole ist Fluch und Segen zugleich für einen Ferrari-Fahrer. Im dauerhaft verstopften Stadtverkehr lebt man in ständiger Sorge um die teure Kupplung, aber an Sommerabenden von München aus ins Kurvengeschlängel des nahe gelegenen Würmtals zu flüchten und um den Starnberger See flitzen ist Seelenmassage pur für mich.

Nach insgesamt vier Jahren mit dem aufregend schönen, aber auch ganz schön aufregenden Begleiter steht 1997 die Trennung bevor. Also doch ein neuer A6? Nein, das Stimmchen im Hinterkopf hat ein ganz anderes Ziel. Jetzt ruft es: Fliege wild und gefährlich. Und deshalb ist das Ende des automobilen Jugendtraums gleichzeitig der Beginn eines neuen. Der Ferrari weicht einem wunderschönen fliegenden Oldtimer.

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Es werde Licht

Von Georg Küffner

Die optimale „Reiseausrüstung“ zu finden, braucht Zeit und Erfahrung. Geschäftsreisende und Vielfachurlauber kennen sich damit bestens aus. Mehr