Home
http://www.faz.net/-gy9-76zxr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fernsehübertragung Schüsseln und Verschlüsseln

 ·  Scharf, in prächtiger Auswahl und ohne Hürden: So sollten Fernsehbilder ins Wohnzimmer kommen. Die Realität ist nicht immer ganz so ideal. Denn alle Übertragungswege haben neben den Stärken auch ihre Schwächen.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (2)
© Andre Laame Vergrößern

Umzugsplaner, Haushaltsgründer, Häuslebauer und Tarifmüde in Wechselstimmung - sie alle müssen sich entscheiden: Auf welchem Weg sollen demnächst die Fernsehbilder auf die Mattscheibe kommen? Vier Übertragungswege stehen zur Wahl: das terrestrische Antennenfernsehen, der Satellitenempfang, die Kabelverteilung und der Empfang über schnelle DSL-Internet-Verbindungen, kurz IPTV. Sie alle haben ihre Stärken und Schwächen, Haken und Ösen. Wir wollen helfen, die Vor- und Nachteile zu sortieren.

Das Antennenfernsehen funktioniert seit 2009 komplett digital und trägt seither den Beinamen DVB-T (das Kürzel dieser Digitalnorm in Langschrift: Digital Video Broadcasting - Terrestrial). Seine Protagonisten haben ihm den Marketing-Namen „Überall-Fernsehen“ verpasst, um zu signalisieren: DVB-T eignet sich auch für den Empfang unterwegs - mit mobilen Mini-Fernsehgeräten, Empfangs-Sticks für Notebooks und winzigen Dongles, die sogar die Bildflächen von Smartphones und Tablet-PCs zu Fernsehschirmen machen.

HDTV ist nicht möglich

Ob der Empfang auch in der Wohnung klappt, hängt vom Standort ab: Manchmal genügt eine winzige Stabantenne, manchmal braucht man eine größere Zimmerantenne mit eingebautem Verstärker, manchmal sogar eine Außenantenne. Aber in jedem Fall hat der stationäre Empfang seinen Charme: Alle Flachbildfernsehgeräte haben heute DVB-T-Empfangsteile, können also autark, ohne Settop-Box und umständliche Verkabelung, auf Empfang gehen.

So wäre DVB-T eigentlich, zumindest für Zweitgeräte, eine pfiffige Empfangslösung. Jedenfalls in Ballungsgebieten wie Hamburg und Berlin, wo auch die Programmvielfalt bisher kaum Wünsche übriglässt. Doch in weiten Regionen der Republik bestreiten ausschließlich die öffentlich-rechtlichen Sender das Programm. Zudem hat RTL im Januar angekündigt, die terrestrische Verbreitung seiner Programme bis zum Jahr 2015 ganz einzustellen, Sat1 und Pro Sieben prüfen den Ausstieg ebenfalls.

Hinzu kommt: Die heutige DVB-Technik erlaubt nur die Übertragung mit sehr niedrigen Datenraten, HDTV ist überhaupt nicht möglich. So bleibt der Fernsehgenuss auf großen Bildschirmen über das Antennenfernsehen getrübt. Auch die Netzpolitik der Bundesregierung nagt am Lebensfaden von DVB-T: In immer größeren Teilen des klassischen Fernsehspektrums soll sich der Mobilfunk breitmachen. Unter diesen Bedingungen hat das terrestrische Fernsehen keine Zukunftschancen.

Das müsste eigentlich nicht sein: Die Umstellung auf das modernere DVB-T2 würde Frequenzressourcen für HDTV und bessere Qualität in der Standardauflösung freisetzen, eine rege Beteiligung privater Sender würde die Attraktivität zusätzlich steigern und die anteiligen Übertragungskosten für die Medienhäuser senken.

Kabel gehört oft zur Ausstattung

Ob es dazu noch kommt oder ob DVB-T nur noch eine Weile als Provisorium in Umzugsphasen oder als Behelfsfernsehen in Studentenbuden dient, bis es vollends das Zeitliche segnet - das wird von Entscheidungen abhängen, die Sender und Politik in den nächsten Monaten treffen. Wir fänden die zweite Alternative schade. Mobiler Empfang wäre dann nur noch über die Mobilfunknetze möglich - und das ist für klassische, lineare Rundfunkverbreitung im Grunde nicht das passende Biotop, ganz abgesehen von den bedenklichen Einflüssen auf die monatliche Mobilfunk-Rechnung.

In größeren Mietshäusern ist die Wahlfreiheit des Fernsehanschlusses oft ohnehin Fiktion: Dort gehört der Kabelanschluss nicht selten zur Wohnungsausstattung, die monatliche Grundgebühr - typische Höhe um 15 Euro - zählt zu den Mietnebenkosten. So schluckt König Kunde wohl oder übel etliche Kröten, die ihm die Netzbetreiber zumuten.

Unitymedia und Kabel Deutschland zum Beispiel, die beiden größten Kabelgesellschaften in Deutschland, verschlüsselten jahrelang nicht nur Abo-Kanäle, sondern auch die privaten Programme in Standardauflösung, also die Senderfamilien um RTL, Sat1 und Pro Sieben, um sie einträglicher vermarkten und die Nutzungsmodalitäten, etwa die Aufnahme von Programmen, reglementieren zu können.

ARD und ZDF zahlen keine Einspeisegebühren

Erst das Bundeskartellamt machte dieser Praxis ein Ende: Unitymedia gab im Januar freiwillig die Verschlüsselung der genannten Programme auf - als Teil eines Deals mit dem Kartellamt im Zuge der Übernahme von Kabel Baden-Württemberg. Kabel Deutschland wird diesem Schritt im April unfreiwillig folgen: Die Kartellwächter hatten festgestellt, dass die „Grundverschlüsselung“ auf wettbewerbswidrigen Absprachen zwischen RTL, Sat1 und Pro Sieben beruhte.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
  Weitersagen Kommentieren (26) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Hochauflösende Filme Zuspieler für Ultra-HD

Seit die Königsklasse der Fernsehgeräte die Bilder mit rund 8 Millionen Bildpunkten rastert, steht die Frage im Heimkino-Raum: Was, um alles in der Welt, fangen wir mit der neuen Pixelflut überhaupt an? Mehr

19.04.2014, 10:00 Uhr | Technik-Motor
Probleme mit Open SSL Lücke in Verschlüsselungs-Software ermöglicht Datenklau

In einer populären Verschlüsselungs-Software, die eigentlich Passwörter und andere geheime Daten schützen soll, ist ein gravierender Fehler aufgetaucht. Ein Update soll das Leck stopfen, macht das System aber nicht endgültig dicht. Mehr

09.04.2014, 09:10 Uhr | Technik-Motor
Weltmeisterschaft Zeit für volles HD

Was bekommen wir wirklich auf unsere Mattscheiben, wenn der Ball in Brasilien rollt? ARD und ZDF schicken bewegte Bilder mit höchstens 720 Zeilen durch die Sendekanäle. Mehr

10.04.2014, 12:00 Uhr | Technik-Motor

22.02.2013, 08:00 Uhr

Weitersagen
 

Karl, jetzt ein Osterei

Von Michael Spehr

Karl Klammer, der in Amerika Clippy hieß, war zu seinen Lebzeiten kein „Easter Egg“, aber er ist es jetzt, wenn er im Windows Phone 8.1 wiederauflebt. Mehr 3