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Fahrstil Statt Schweiß

 ·  Wir treiben keinen Sport, wir sind keine CO2-Ökos und schielen nicht nach einem Bonus der Krankenkasse, wir haben Stil. In genau dieser Lebenslage braucht man - ein Lifestyle-Rad.

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Das Fahrrad ist voll auf den Style gekommen. Mit irgendeinem Schrott schwitzend sein Ziel zu erreichen, um sich höhnischen Fragen zu stellen, ob man sein Auto gegen die Wand gefahren oder die Pappe wegen Trunkenheit verloren habe, das war gestern. Heute wissen alle: „Isch abe gar kein Auto, Signora.“ Jedenfalls dann nicht, wenn ich ein Hipster mit urban strukturiertem Habitat bin, also einer von denen, die beim Parkplatzsuchen rund um die Feierabend-Lounge jeden Tag ins Lenkrad beißen könnten. Für diese Stadtmenschen ist die nächste Car-Sharing-Station höchstens zwei Bahnstationen und der Gleisanschluss des Single-Loft keine fünfhundert Meter weit entfernt. In genau dieser Lebenslage braucht man - ein Lifestyle-Rad.

Also bitte nicht irgendein Fahrrad, womöglich noch eins, das einen dem Verdacht aussetzt, man fahre aus Armut oder Überzeugung Rad. Wir treiben keinen Sport, wir sind keine CO2-Ökos und schielen nicht nach einem Bonus der Krankenkasse, wir haben Stil. Oder eben: Style. Eine Boutique für „urbane Mobilitäts-Lösungen“, die dieser Tage zu Füßen der Frankfurter Commerzbank eröffnete, beschreibt ihre WunschKlientel so: zwischen 25 und 40 Jahre alt, Jahreseinkommen mehr als 50 000 Euro, beheimatet in der Großstadt, umweltbewusst, Fahrrad ist das Fortbewegungsmittel Nummer eins, ja, und natürlich: „Lifestyle-orientiert“.

Nun hat man sich ja schnell ein Paar Knickerbocker und ein Jacket aus Tweed besorgt. Dazu mit ein bisschen mehr Suchen eine weiche „Four Panel Cap“ von Walz und noch ein Paar Docksiders, fehlt bloß noch das richtige Rad. Verewigter Sheldon Brown, steh uns bei, jetzt bloß keinen Fehler machen! Irgend so ein City-, Trekking- oder gar Shopping-Ding der nach wie vor für ihre Qualitätsfahrräder bekanntesten deutschen Marken wie Hercules, Kalkhoff, Kettler oder Winora? Grundgütiger, nein! Das sind Fahrräder für Menschen, die sich nicht ungern an eine Drei-Gang-Nabe namens Torpedo erinnern, mit einem Wort: so gut und praktisch wie leider, leider ziemlich uncool.

Wer seine Lifestyle-Beratung bei der Lektüre des Manufactum-Katalogs erfährt, hat es mal wieder gut: Ihm wird die Marke Wanderer offeriert samt ihrer seit 1998 frisch beatmeten Tradition. Hübsch überschaubar gibt es vier Modelle mit Preisen, die stimmen: zwischen rund 1000 und 3000 Euro. Und dazu das, was Lifestyle-Räder ziert: Ledersattel, Ledertaschen und für Hardliner die um 400 Euro teuren, aber unschlagbar praktischen Velocase-Koffer. Nicht zu vergessen das, was einer Alt-Achtundsechzigerin die Augen feucht werden lassen kann: die chinesische Fahrrad-Glocke, der man in den guten alten Latzhosen-Zeiten beim Wegrosten zugucken konnte.

Waltrop weist den Weg: Das Lifestyle-Rad darf technisch und qualitativ schon dem 21. Jahrhundert entstammen. Leder, unterm Po und in den Händen, aber ist immer gut. Muss doch das Stilrad auch ein wenig so aussehen, dass Yves Montand sich danebenstellen könnte, um seine Paulette anzuschmachten, deren Name sich so süß auf „à bicyclette“ reimte. Im Lederholster unter dem Oberrohr hängt - eine Rotweinflasche. Wo ist der Baguette-Halter? Diese schicken Fahrradläden, die in den Großstädten wie Pilze nach dem Regen sprießen, verkaufen Träume. - Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club fragt derweil das real gefühlte „Fahrrad-Klima“ deutscher Städte im Internet ab.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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