Auch Ferrari wird grün, wenn auch nur ein wenig. Zwar lesen sich die Eckdaten des neuen, komplett überarbeiteten 6,1-Liter-V12 für den neuen F12 Berlinetta so, wie man es erwartet: 544 kW (740 PS) bei 8250 Umdrehungen je Minute, Höchstgeschwindigkeit weit über 330 km/h. Doch der V12 spritzt jetzt das Benzin direkt ein. So ergibt sich für den F12 ein Norm-Verbrauch von „nur“ 15,0 Liter. Das entspricht einem Kohlendioxid-Ausstoß von 350 g/km und ist ein Riesenfortschritt gegenüber den 490 g/km, die sich das F12-Vorgängermodell Ferrari 599 leistete.
Dazu konnten 70 Kilogramm Gewicht abgespeckt werden, dank eines komplett aus Aluminium-Formteilen gebildeten Spaceframe, der das Rückgrat der ebenfalls aus Aluminium gefertigten Karosserie bildet. Und die Aerodynamik wurde optimiert. Sogenannte Airbridges auf den vorderen Kotflügeln, durch die Luft besonders widerstandsarm und zudem noch Abtrieb erzeugend zum Heck fließt, drücken den Luftwiderstandsbeiwert (cW) auf 0,29. Wobei der um bis zu 79 Prozent erhöhte Anpressdruck (Downforce) das wichtigere Resultat der Airbridges ist. So ist stabiles und sicheres Fahrverhalten auch bei höchstem Tempo gewährleistet.
Lang übersetzter siebter Gang
Schließlich kommt zur Verbesserung der Effizienz ein neues Getriebe zum Einsatz. Während der F 599 noch ein automatisiertes Sechsgang-Schaltgetriebe mit nur einer Kupplung hatte, kommt beim F12 jetzt die Doppelkupplungstechnik zum Einsatz. Diese unterstützt ein lang übersetzter siebter Gang, der beim ruhigen Cruisen die Motordrehzahl signifikant reduziert und so ebenfalls für geringeren Verbrauch sorgt. Das Getriebe sitzt an der Hinterachse (Transaxle-Bauweise).
Doch jenseits aller Ökofortschritte: Klettert die Nadel des großen, zentral im Cockpit plazierten Drehzahlmessers über 4000/min, nimmt die Beschleunigung bestialische Ausmaße an. Und weil das Doppelkupplungsgetriebe blitzschnell und konstruktionsbedingt ohne Unterbrechung der Zugkraft hochschaltet, schießt der F12 in einer Art und Weise voran, die Fahrer und Beifahrer mit gnadenlosem Druck in die bequemen Ledersitze presst. Die 740 PS des Motors fallen nur unter Volllast an - und das ist ein Betriebszustand, der außerhalb einer abgesperrten Rennstrecke nur höchst selten erreicht werden dürfte. Das Potential des Zwölfzylinders ist so etwas wie ein unerschöpfliches Bankkonto. Auch wenn der engagierte Fahrer ständig abhebt, bleibt im normalen Straßenverkehr doch immer eine beachtliche Reserve.
Ferrari hat mit dem 4,62 Meter langen F12 einen klassischen Gran Turismo in der stolzen Tradition des Hauses geschaffen. Sein Urgroßvater aus den siebziger Jahren, der legendäre 365 GTB4 mit dem Beinamen Daytona, galt mit seinen 348 PS und mehr als 270 km/h Höchstgeschwindigkeit damals als das Nonplusultra der Reichen und Schönen. Gegenüber diesem Klassiker, der heute teurer gehandelt wird als ein brandneuer F12 (270 000 Euro), hat der neue Ferrari die Motorleistung mehr als verdoppelt - und er ist trotzdem viel leichter zu fahren. So zeigt der F12 eine überraschend freundliche Verbindlichkeit, die sich in einem höchst ausgewogenen Federungskomfort und geringen Bedienungskräften äußert. Die Lenkung arbeitet außerordentlich präzise, das Getriebe schaltet weich und ruckfrei. Da fehlt es an nichts, was der Kunde von seiner Luxuslimousine her kennt.
Umso erstaunlicher, dass in der mit feinstem Leder gefütterten Hülle nebenbei auch noch ein Rennwagen steckt. Mögliche Querbeschleunigung, Traktion der Antriebsräder, Bremsvermögen - alles konnte gegenüber dem Vorgängermodell beträchtlich verbessert werden. Man sitzt dabei in einem Cockpit, das allen modernen Komfort bis hin zum iPhone-Anschluss bietet. Um das klassische Bild eines Ferrari-Kommandostands zu erhalten, gibt es keinen Bildschirm in der Mittelkonsole. Alle Anzeigen wurden direkt vor dem Fahrer konzentriert.
Das wirklich prägende Merkmal aber bleibt traditionell der Zwölfzylinder. „Solange ich hier etwas zu sagen habe“, unterstreicht denn auch Ferrari-Chef Luca di Montezemolo, „werden wir am Zwölfzylinder festhalten und weder ein SUV bauen noch einen Viertürer.“ Der Adelsspross mit der markanten Nase, der am liebsten mit einem Nokia-Handy aus der Steinzeit telefoniert, ist jetzt 65. Aber „meinen Job möchte ich am liebsten noch 20 Jahre lang machen“.
Bild ist richtig
Gregor Extra (gextra)
- 17.08.2012, 11:43 Uhr
Foto
Phillip Schulpen (PhillipDus)
- 11.08.2012, 10:54 Uhr