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Ducati Panigale Man kann Audi verstehen

 ·  Es fragt sich, was Audi mit dem roten Zwerg aus Italien will. Im Sattel der Ducati Panigale wird einiges klar. Es ist ein perfektes Design, das auch genauester Betrachtung kleinster Details standhält.

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© Hersteller Der V2 der Panigale klingt nach dem ersten Viertakt-Verbrennungsmotor mit Grappaschmierung anstelle von Motoröl

Deutschland - Italien, ein heikles Thema. Alles ist in Butter, solange die einen sich damit abfinden, dass es Dinge gibt, welche die anderen einfach besser beherrschen. Von der Nudel bis zum U-Boot-Bau ließen sich Beispiele finden. Versuche, die festgefügte Ordnung zu durchbrechen, in einem wichtigen Halbfinale etwa, führen immer wieder zu nervlicher Aufwühlung, mitunter zu bitterer Enttäuschung.

Wohin die Übernahme von Ducati durch den VW-Konzern in Gestalt seiner Tochter Audi führen wird, muss sich zeigen. Leute, die in Zahlen und Strategien denken, äußern sich lobend. Andere, die die Sache national-emotional betrachten, sind nicht so begeistert. Viele Menschen dürften es noch gar nicht mitbekommen haben. Es gab keine Hupkonzerte in den Innenstädten, als Mitte April bekanntgegeben wurde, dass Audi sich diese italienische Perle schnappt.

Warum schluckt der Riese aus dem Norden den roten Zwerg aus dem Süden? Motorradfahrern schwant, es könnte mehr geben als nur die Alpen, was Ducati von Audi trennt. Ducati ist durch und durch exzentrisch, Audi Massenware, wenn auch längst ohne Klorolle auf der Hutablage. Audi teilt mit, man passe „hervorragend zusammen“. Weil: sportlich, global, premium, technisch anspruchsvoll. „Wir haben beide Benzin im Blut.“ Mag sein, doch bei den Ducati-Mannen, war bisher unser Eindruck, ist das Mischungsverhältnis andersherum.

Interessant wird es an dieser Stelle der Mitteilung: „Ducati hat eine große Expertise bei Hochleistungsmotoren, im Leichtbau und der Fahrwerksregelung und ein faszinierendes Design. Wir können uns hier große Potentiale in der Zusammenarbeit vorstellen.“ Die Stärken anderer nutzen - ein schlauer Schachzug. Einen Balotelli kann man immer brauchen. Bloß: Haben die das nötig? In den Entwicklungsabteilungen des VW-Konzerns arbeiten 30 000 Leute. Brauchen die Unterstützung eines Trüppchens von rund 370 Experten aus der Emilia-Romagna?

Das Gerücht, es gehe bei der ganzen Angelegenheit hauptsächlich darum, die stattliche Markensammlung zu erweitern und dem Motorradfahrer Ferdinand Piëch (hatte schon eine Ducati, nicht aber das ganze Unternehmen) einen Wunsch zu erfüllen, halten sich hartnäckig. Wie dem auch sei, eine Tradition als Zweiradhersteller ist Audi nicht abzusprechen. „Wir beleben jetzt unsere alten Wurzeln neu“, heißt es. Doch hätte die Wurzelbehandlung durchaus in Form einer Wiederbelebung der Marken DKW oder NSU vorgenommen werden können. Das hätte mehr historischen Charme gehabt. Aber weniger Glamour. So bleibt der Verdacht, hier stecke sich jemand einen funkelnden Klunker an den Finger.

Sitzt man im Sattel einer 1199 Panigale spielt das alles keine Rolle. Wenn der neue Supersportler aus Bologna seine Laute von sich gibt, denkt man nicht an Ingolstadt oder Wolfsburg, Piëch oder Patriarchen, sondern nur: Au weia! Die Panigale ist das aufregendste Serienmotorrad, das man zurzeit kaufen kann.

Den Moment der ersten Begegnung muss man sich so vorstellen: Nach einer Phase langen Begehrens hat man endlich ein Rendezvous mit Miss World. Die Schlanke mit den scheuen Rehaugen steht im Bikini vor einem und lächelt, man versucht sich ihr zu nähern (Druck auf den Startknopf). Daraufhin rülpst sie einem mitten ins Gesicht und flucht wie ein versoffener Viehtreiber.

Der V2 der Panigale klingt nach dem ersten Viertakt-Verbrennungsmotor mit Grappaschmierung anstelle von Motoröl. Er gibt ein derbes Wummern, Hämmern, Trommeln von sich, metallisch hart in der Tonlage, in der Lautstärke jenseits der Grenze der Anständigkeit. Ist man ein paar Stunden auf der Landstraße unterwegs, klingeln einem die Ohren. Das akustische Erlebnis ist umso schockierender, als es im krassen Gegensatz zur makellosen Schönheit der zierlichen Maschine steht. Es ist ein perfektes Design, das auch genauester Betrachtung kleinster Details standhält.

Technisch brennen die Italiener ein Feuerwerk ab. Stärkster Serien-Twin der Welt mit 143 kW (195 PS) Nennleistung bei 10 750/min, 132 Newtonmeter Drehmoment, kompromissloser Leichtbau mit Monocoque-Chassis und dem desmodromisch gesteuerten 1,2-Liter-Motor in tragender Rolle. Dazu elektronische Assistenzsysteme zu Hauf, FahrwerksSetups und Fahrprogramme, auf Knopfdruck veränderbar, einzigartiges Farbdisplay im Cockpit, das sich mit dem gewählten Fahrmodus verändert - wir haben das aus Anlass der Neuvorstellung der Maschine schon beschrieben (F.A.Z. vom 14. Februar). Je nach Ausstattung und Version kostet die Panigale 19500 bis 28700 Euro. Auch das atemraubend.

Andere sind, nüchtern betrachtet, günstiger und in ihrer Arbeitsauffassung nicht schlechter. Korrekt, perfekt. So wie die Panigale, doch gibt die einem das Gefühl, Leistung und Korrektheit seien nicht der alleinige Zweck des Daseins. Sie führt nebenbei ein wildes Leben, leistet ihre Dienste nicht auf eine unauffällige, sondern eine besonders auffällige Weise. So ist man in jedem Moment fasziniert und dankbar und nimmt nichts als selbstverständlich hin.

Auf Anhieb fällt die recht kommode Sitzposition auf sowie die im Vergleich zur Vorgängerin 1098 deutlich verbesserte Handlichkeit. Das Fahrwerk ist natürlich sportlich straff, die geforderte sportliche Körperhaltung nicht ideal für den Alltag. Andererseits: Wenn schon Alltag, dann gerne so - jeder Weg zur Arbeit ein Erlebnis. Man muss nur wissen, worauf man sich einlässt. Man muss sich der Maschine stets aufs Neue als würdig erweisen, hellwach sein, man wird keine Spritsparrekorde aufstellen und rund 7 Liter für 100 Kilometer spendieren müssen. Der Krümmer des hinteren Zylinders simuliert eine Sitzheizung; beim Ampelstopp kommt der Eindruck auf, man habe das Gesäß im Kochtopf des Teufels.

Wir wollen nicht verschweigen, dass es Superbikes gibt, die in der Drehzahlmitte - dem bevorzugten Aufenthaltsort beim normalen Motorradfahren - druckvoller zu Werke gehen. Ducati hat, um prestigemäßig mit den stärksten Vierzylindern der Branche mithalten zu können, den Motor auf eine Spitzenleistung von fast 200 PS gezüchtet und dafür untenherum Opfer gebracht. Man pfeift drauf und schaltet einfach einmal mehr, wenn man irgendetwas vermisst, was unwahrscheinlich ist. Denn so oder so ist mehr als genug Kraft vorhanden, solange mindestens 3000 Umdrehungen anliegen. Das brauchen Motor und Fahrer, um sich wohl zu fühlen, unterhalb dieser Marke läuft’s noch nicht richtig rund. Es gibt einen leichten Hänger bei 5000 bis 6000/min, ab 7000 schwingt die Keule. Die Wahl des „Race“-Modus ist ein Akt wie das Umlegen des roten Hebels im Pentagon auf „scharf“.

Ducati wird von seinen Fans heiß geliebt und macht auch noch kühl Profite. Was macht nun der neue Eigentümer aus Ingolstadt damit? Am besten wohl die in den vergangenen Jahren so erfolgreiche Mannschaft weitermachen lassen wie bisher. Es gibt Spekulationen, die Roten könnten beauftragt werden, „Mobilitätskonzepte für den urbanen Verkehr“ zu entwickeln, Roller gar. Klingt absurd. Nicht gerade Ducatis Spezialität. So was beherrschen andere besser. Andererseits: Roller mit Grappaschmierung - warum nicht?

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Geboren am 10. Dezember 1959, Redaktion „Technik und Motor“

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