Die ganze Medienwelt tickt heute digital. Die ganze? Nicht wirklich: Eine resistente kleine Analog-Insel trotzt wacker der Modernisierung. Sie hört auf den Namen UKW-Radio und erblickte im Jahr 1951 als „Welle der Freude“ das Licht der deutschen Medienlandschaft. Aber nun soll eine digitale Alternative dem angejahrten Dampfradio ernsthaft Konkurrenz machen, es in absehbarer Zeit sogar ersetzen. Sein Technik-Kürzel DAB+ steht für handfeste Vorteile; eine konzertierte Anstrengung der Sender soll dem Übertragungsverfahren zum Durchbruch verhelfen. Hat die Initiative Aussicht auf Erfolg? Lohnt es sich, in passende Empfangsgeräte zu investieren?
Dass viele Branchenbeobachter da so ihre Zweifel hegen, kann man ihnen nicht verdenken. Denn alle bisherigen Versuche, den Hörfunk zu digitalisieren, hatten den Charme von Pleiten, Pech und Pannen. Dabei fing alles so schwungvoll an: Kaum hatte sich die CD als erstes digitales Medienformat etabliert, setzten die Rundfunktechniker nach. In der europäischen Forschungsinitiative „Eureka 147“ begannen sie im Jahr 1987, die Grundlagen für die digitale Übertragung zu entwickeln.
Dabei schufen sie Bahnbrechendes: Aus den Entwicklungsarbeiten für effiziente digitale Tonkodierungen ging auch jenes Verfahren hervor, das später als MP3 eine Weltkarriere hinlegte. Und das Funk-Modulationsverfahren OFDM, technisch ein Kernelement des digitalen Radios, zählt heute auch zu den Schlüsselingredienzen von DVB-T, W-Lan, Mobilfunk, Bluetooth und sogar vom DSL-Datenverkehr. Denn OFDM verteilt die digitale Information wie ein Salzstreuer auf eine Vielzahl sehr schmaler Frequenzbänder, damit Übertragungsstörungen möglichst nur einen kleinen, mathematisch reparablen Abteil des gesamten Datenstroms betreffen. Das macht das Verfahren besonders robust.
Aber der Weg von der schönen Theorie zur gelebten Medienpraxis erwies sich im Fall des Hörfunks als steinig. Als das digitale Radio, damals hieß es noch DAB (Digital Audio Broadcasting), 1997 an den Start ging, gab es nur eine homöopathische Anzahl von Empfangsgeräten zu prohibitiven Preisen, und im Sendernetz klafften mächtige Lücken. Das Fatale: Daran änderte sich über ein Jahrzehnt lang nicht allzu viel. Einzig die digitalfreudigen Bayern setzten sich von Anfang an für ein dichtes Sendernetz und ein attraktives Programmangebot ein; in anderen Regionen gingen Digitalsender sogar wieder vom Äther. So zeichnete sich für DAB nur noch die Alternative ab: aussterben oder wieder durchstarten.
Ein harter Kern der deutschen Hörfunker, angeführt von Deutschlandradio, engagierte sich für den Neustart. Am 1. August 2011 meldeten die Initiatoren Vollzug: Erstmals ging ein in ganz Deutschland verbreiteter Radio-Multiplex, so heißen digital verschnürte Programmbündel in der Fachsprache, auf Sendung. Seither kann man Deutschlandradio mit drei Programmen, begleitet von 10 weiteren Angeboten privater Sender, darunter das Fußball-Radio 90elf und das wohltemperierte Klassik Radio, zwischen Nordsee und Alpen empfangen - jedenfalls überall dort, wo der Netzausbau es schon zulässt. Die DAB-Technik wurde um eine modernere, noch effizientere Tonkodierung namens HE AAC ergänzt und damit zu DAB+ geadelt, um Platz für ein breiteres Programmangebot zu schaffen.
Programme nur auf digitalen Kanälen
Davon machte die ARD sogleich regen Gebrauch. Sie schickt mittlerweile rund 60 Hörfunkprogramme über Digitalkanäle in den Äther. In manchen Bundesländern kann man dieselben Programme empfangen, die auch über UKW von den Sendemasten kommen - in Baden-Württemberg etwa SWR1 bis SWR4, in Hessen HR1 bis HR4. Andere Länder, etwa Nordrhein-Westfalen, strahlen über DAB+ lieber Programme aus, die es nur auf digitalen Kanälen gibt, etwa 1Live Diggi.
Alle seit dem 1. August neu hinzugekommenen Angebote haben die Tonkodierung HE AAC, entsprechen also dem Standard DAB+. Passende Radioempfänger kommen auch mit dem klassischen DAB zurecht und empfangen obendrein das analoge UKW. Das analoge Empfangsteil brauchen sie vorerst auch dringend. Denn in den digitalen Sendernetzen gibt es noch immer große Lücken. Zwar haben bis zum Neustart im vergangenen Jahr 27 Hauptsender den Digitalbetrieb aufgenommen und somit sichergestellt, dass wenigstens die großen Ballungsgebiete mit DAB+ versorgt sind. In den Großstädten klappt der Empfang sogar in der Wohnung - selbst mit einer kleinen Stabantenne. Aber zwischen diesen Inseln herrscht noch allzu oft Funkstille.
Ein spezifischer Vorteil von DAB und DAB+ bleibt somit vorerst Theorie: Der digitale Empfang macht Frequenzwechsel eigentlich überflüssig; der in ganz Deutschland ausgestrahlte Multiplex zum Beispiel wird in Kiel wie in München, Köln oder Berlin über den Kanal 5 C ausgestrahlt. So zählt der rasche Netzausbau zu den dringlichsten Aufgaben, wenn das digitale Radio diesmal wirklich Erfolg haben soll. Noch in diesem Jahr will der Netzbetreiber Media Broadcast wenigstens den Empfang entlang der großen Autobahntrassen ermöglichen. Danach sollen sukzessive die großen ländlichen Räume wie Mecklenburg-Vorpommern Anschluss an die digitale Radiowelt bekommen.
Derzeit 126 Modelle
Das Angebot an digitalen Radioempfängern hat sich in den vergangenen Monaten bereits sprunghaft erhöht. Eine Marktübersicht auf der Website www.digitalradio.de listet derzeit 126 Modelle auf, vom Radiowecker für 40 Euro über den multimedialen Alleskönner bis hin zum Tuner für die HiFi-Anlage. Große Hersteller wie Philips und Sony haben ihre langjährige Digital-Abstinenz aufgegeben. Andere Branchengrößen allerdings halten sich nach wie vor zurück: Panasonic zum Beispiel will, wie schon seit 15 Jahren, erst einmal „den Markt beobachten“.
Aber wie sieht es im Auto aus? Hier könnte sich das Schicksal von DAB+ letztlich entscheiden, denn nirgendwo sonst hat man bislang so viel Radio gehört. Die neue Technik verspricht einiges: stabilen Empfang in klarer Tonqualität ohne Knistern, Rauschen und Aussetzer, lange Autofahrten mit dem Lieblingsprogramm ohne lästigen Sendersuchlauf. Ferner kann das digitale Radio mit dem Daten-Übertragungsverfahren TPEG auch Verkehrsinformationen und Telematikdienste verbreiten, die weit über die Möglichkeiten des bis heute im UKW-Funk genutzten TMC hinausgehen.
Diese Argumente haben aber schon beim alten DAB-Hörfunk nicht überzeugt. DAB-Radios in der Werksausstattung waren bislang ein Flop. Das mochte anfangs an der aufwendigen Technik und den hohen Preisen gelegen haben. Die ersten Empfänger steckten in separaten Boxen, die sich vom UKW-Autoradio fernsteuern ließen. Kostenpunkt für solche Außenborder: bis zu 2000 Mark. In den vergangenen Jahren sind indes die Preise deutlich gefallen, und DAB wurde ordentlich in die Bordsysteme integriert.
Nur hat trotzdem niemand zugegriffen, die Nachfrage blieb verschwindend gering. So wundert kaum, dass die namhaften Fahrzeughersteller auch beim neuen DAB+ sehr zurückhaltend auftreten. „Vielleicht stehe ich auf dem Schlauch“, fragt ein Pressesprecher, „aber was ist DAB+?“. Porsche, die Fiat-Familie, Seat, Skoda, Hyundai und Kia bieten weder DAB+ an, noch sind Empfangsgeräte in Planung. Auch bei Mitsubishi, Opel, Mazda und Peugeot sucht der interessierte Neuwagenkäufer derzeit vergeblich nach einer Digitalradio-Variante. Allerdings wird kommuniziert, dass man über DAB+ für die Modellpalette 2013 immerhin nachdenke. Honda bringt einen ersten Empfänger für den neuen CR-V, der im Herbst in den Handel kommt, andere Modelle sollen folgen. Citroën will zum Jahresende das verbesserte Digitalradio für den C4, den DS4 und den DS5 anbieten.
Toyota beobachtet vorerst die Lage. Denn die Nachfrage für das ältere DAB habe „bislang deutlich unter unseren Erwartungen“ gelegen. DAB+ wird noch in diesem Jahr ein Bestandteil der Audiosysteme „Touch Pro“ für die gehobenen Ausstattungsvarianten. Davon könnten die Modelljahrgänge 2012 von Prius, Land Cruiser V8 und Lexus GS 450h profitieren.
Mercedes-Benz hält DAB+ für seine aktuellen Neuerscheinungen parat: Käufer der jungen C-, M- und B-Klasse sowie des SLK erhalten für 415 Euro einen Tuner, der DAB+ und DMB (Digital Multimedia Broadcast) empfängt. Sukzessive wird es diese Anlage auch für andere Baureihen geben. Gute Nachrichten auch bei BMW: DAB+ „ist grundsätzlich in allen Modellen verfügbar“, heißt es in München. Die Geräte kosten um 400 Euro, und die seit September 2010 produzierten Fahrzeuge mit DAB empfangen auch die Plus-Variante.
Bei Volkswagen sind einige Anlagen schon jetzt DAB+-fähig. Etwa RCD 550, RNS 315 und RNS 850. Das im VW Golf besonders populäre RNS 510 bleibt allerdings außen vor. Indes sind RCD 310 und 510 vom Juni an für das Digitalradio gerüstet. Audi bietet für alle aktuellen Modelle mit Ausnahme des A3, TT und R8 ein Digitalradio-Paket an, das DAB+ und DMB empfängt, die Preise liegen zwischen 300 und 450 Euro. Eine Umrüstung alter Digitalempfänger auf die neue Technik ist nicht vorgesehen.
Kurzum: Digitaler Hörfunk ist bei den führenden Fahrzeugherstellern ein Nischenthema. Man hört im Auto nicht mehr Radio, sondern die selbst zusammengestellte Musik vom eigenen MP3-Spieler, von Speicherkarten und USB-Medien und natürlich vom iPod und Smartphone. Hier finden die maßgeblichen Weiterentwicklungen des Infotainment statt. Auch in dieser Blickrichtung gibt es kaum Hoffnung für einen schnellen Erfolg von DAB+. Wenn es um digitalen Hörfunk geht, setzt die junge Generation bestenfalls aufs Internetradio und die Streaming-Technik. Und die kommt mit den passenden „Apps“ ganz ohne Auf- und Umrüstung über das Smartphone ins Fahrzeug.
P.S.
Wolfgang Steuhl (Wolfesgang)
- 13.03.2012, 12:52 Uhr
DAB+ war dringend notwendig und überfällig
Matthias Kocherscheidt (matibaer)
- 12.03.2012, 23:00 Uhr
Hoffentlich bald DAB+ überall und UKW abgeschaltet
Alexander Kriegisch (kriegaex)
- 12.03.2012, 18:30 Uhr
DAB und DAB+ --- Geschichte eines Mega-Flops
Wolfgang Steuhl (Wolfesgang)
- 12.03.2012, 11:24 Uhr
Bei DAB wurde alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte.
Alex Zunker (zunker)
- 12.03.2012, 08:12 Uhr
