Home
http://www.faz.net/-gyc-zy4q
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Xing Die große Zeitvernichtungsmaschine

14.08.2008 ·  Soziale Gemeinschaften bringen viel Nutzwert, verspricht das Web 2.0. Wir haben Xing monatelang ausprobiert - mit einem anderen Ergebnis: Etliche Kontakte, keine Kontrakte. Für berufliche Zwecke erscheint Xing kaum geeignet. Vielleicht doch eher für Singles?

Von Friedhelm Weidelich
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (15)

„Web 2.0“ ist ein schöner Begriff, der in seiner Vieldeutigkeit prima als Überschrift für jede noch so kleine Weiterentwicklung im Internet taugt. Es soll unter anderem suggerieren, dass das naturgemäß chaotische Internet aus der Spielzone ins Nutzwertige aufgestiegen ist. Communities - Gemeinschaften von Menschen, die sich für bestimmte Themen interessieren - sollen ein Aspekt der neuen Entwicklungsstufe sein. Interaktion sei jetzt angesagt. In Mode ist jetzt Xing, ein deutsches Unternehmen, das nach selbstverständlich amerikanischen Vorbildern als Open Business Club (Open BC) startete. Anders als in den immer wieder für eine Schlagzeile guten Portalen wie StudiVZ sollen sich in diesem Geschäftsleute-Portal Berufstätige treffen, um erfolgreich Kontakte zu knüpfen und darüber Geschäfte zu generieren. Web-2.0-Netzwerken in Reinkultur also.

Wir haben uns, von einem begeisterten Kollegen bestärkt, im Februar 2007 angemeldet und seitdem jeden Monat hoffnungsvoll knapp sechs Euro abbuchen lassen. Doch was sich als Kontraktplattform ausgab, hat sich als private Kontaktplattform, Zeitvernichtungsmaschine und Panoptikum des Lebens erwiesen. Von Business fast keine Spur, wenn man nicht auf Stellensuche ist. Doch, doch, wer hier mit ein paar Eingaben Mitglied wird, findet durchaus einige der Pressesprecher, die wir schon aus dem richtigen Leben kennen. Wir freuten uns, auch ein paar verschollen geglaubte Kollegen, zu denen wir den Kontakt verloren hatten, wiederzufinden. Flugs bestätigen wir uns gegenseitig den Kontakt und geben auch einem Professor, der bereits unfassbare 1400 Kontakte gesammelt hat und angeblich unsere Beiträge gern liest, die Daten frei. Fein säuberlich haben wir in unserem Profil das gesamte lange Berufsleben aufgelistet, monatsgenau. Wir haben irgendwann gefunden, dass es möglich ist, unser Profil und unsere Diskussionsbeiträge vor Google zu schützen. Denn ein paar rasch geschriebene Bemerkungen in einem der Foren haben keinen Ewigkeitswert und sollen nicht auf alle Ewigkeit im Internet kursieren.

Schlechtes Deutsch, Motivationsprobleme, bessere Pressearbeit

Begeistert haben wir uns in zwei Dutzend Foren angemeldet, uns in der lokalen Gruppe vorgestellt und viele Stunden damit verbracht, über schlechtes Deutsch, Motivationsprobleme, bessere Pressearbeit bei Mittelständlern, untergejubelte Versicherungsverträge und die Rätsel zu diskutieren, die Mann und Frau verbinden und trennen. Wir waren auf einigen Regionaltreffen, zunächst mit überschaubaren 70 Besuchern. Dann haben wir uns auf engstem Raum zwischen 400 Menschen in einer engen Passage angebrüllt, weil eine normale Unterhaltung in dieser Menschenmasse nicht möglich war. Und wir haben einige lustige Abende mit einem Trüppchen verbracht, das sich ausgewiesenermaßen nur zum Quatschen trifft und das mit einer Beharrlichkeit tut, als gelte es, seine Freizeit nur noch mit Xing zu organisieren.

Doch Geschäfte haben wir nicht gemacht. Unsere eigenen Anläufe bei den in Foren oder nach Suchworten entdeckten Mitgliedern verliefen im Sande. Denn hier tummeln sich überwiegend Freiberufler, Anwälte, Sachbearbeiter oder die untere Führungsebene der Industrie, die vermutlich Personalberater oder die Konkurrenz ködern wollen. Auffallend sind auch die zahlreichen, meist weiblichen Coaches, die von Esoterik über Klangschalen-Massagen bis hin zu fernöstlichen Körpertechniken alles anbieten, was gestressten Geschäftsleuten seelische und körperliche Erleichterung bringen könnte, oft als kleiner Zuverdienst.

Wer schreibt, der bleibt, gilt auch für Xing. Doch zuerst muss man sich eine Position erkämpfen. Unsere Einwürfe in Foren über Gärten und Popmusik wurden ignoriert, wir zogen frustriert ab, auch weil wir hier ja eigentlich Geschäfte anbahnen statt die Zeit totschlagen wollten. Doch die Unterhaltungsmaschine Xing zieht Ungeübte schnell in den Bann. Denn in den knapp elftausend Foren, Gruppen genannt, findet sich immer etwas Interessantes: Ob man nun, heiß mit hübschen 35-Jährigen flirtend, über die Zusammenhänge zwischen Schokolade und Kuss schreiben möchte, einen Ratschlag für den Hund haben oder die Schwächen der neuesten Digitalkamera erfahren möchte - immer findet man Themen zum Lesen und Mitdiskutieren.

Spielwiese für Singles

Dass Xing eine Spielwiese für Singles ist, zeigen nicht nur die unendlich langen Allerweltsthemen über Mann und Frau, die sich mit hoher Intensität über Tage und viele hundert Beiträge hinziehen. Wer von morgens 9 bis weit nach Mitternacht und das ganze Wochenende fast im Zehnminutentakt schreibt, ist schnell als Single ausgemacht. Doch eine Datingplattform will Xing nicht sein, obwohl Mitglieder nach entsprechenden Foren fragen und diese von den Kundenbetreuern brüsk abgelehnt werden. Manche Menschen scheinen nur in Xing zu leben, berichtete eine der vielen kostenlos arbeitenden Forumsmoderatorinnen am Telefon. Für Heimarbeiter, Selbständige und berufliche Einzelkämpfer bietet Xing eine virtuelle Heimat.

Trotzdem findet sich auch Sinnvolles: Hilfe beim Umgang mit dem Computer, Fundiertes von Anwälten zu Rechtsfragen im Internet, Tipps zur Vermarktung von Büchern und vieles mehr. Doch wer sich die Mühe macht, nur in einigen Foren die wichtigsten Themen mitzulesen, braucht viel Zeit. Zumal der unvermeidliche Schlagabtausch zwischen Mitgliedern auch Zaungäste lockt. Wie in jedem Internetforum gibt es hier Selbstdarsteller, notorische Zweifler, kaum verständlich argumentierende Menschen und ständige Wiederholungen, garniert mit persönlichen Angriffen oder der Attitüde, dass alle, die keinen Erfolg haben, grundsätzlich Versager sind. Wer zufällig einzelne Diskutanten kennt, weiß, dass der selbstbewusst verbreitete angebliche persönliche Erfolg oft nicht der Realität entspricht.

Kaum jemand wird zugeben, dass Xing nicht viel zum Geschäftserfolg beiträgt. Es könne nicht schaden, dabei zu sein, sagte der Kollege, der uns damals den Eintritt empfahl. Gebracht habe die Präsenz bisher nichts. Helfen kann da, sich in den Foren durch ständiges Schreiben von Beiträgen bekannt zu machen. Ein Buchautor hat das einige Monate getan und ist verschwunden wie so viele der Mitglieder, die durch pointierte Beiträge und originelles Denken aufgefallen sind. Denn Xing kostet nicht nur unglaublich viel Zeit, wenn man es dort zu einer gewissen Prominenz und Beredsamkeit bringen will, die vielleicht potentielle Auftraggeber anlockt.

Nichtexistenz von Viren für Mac-Rechner

Wenn ein Thema wie die Nichtexistenz von Viren für Mac-Rechner zum fünften Mal in einem Jahr von immer denselben Wissenden konträr durchgekaut wurde, setzt Langeweile ein. Auch wenn es nur ein Gefühl ist, so scheint es, als ob das Niveau der Diskussionen schleichend sinkt. Denn die Neuen stellen Fragen und bringen wenig ein. Die Alten sind müde und haben keine Lust mehr, immer wieder dieselben Fragen zu diskutieren.

Am schleichenden Verfall der Plattform ist aber auch Xing schuld. Denn eine desaströse Kommunikation zur Jahreswende 2007/2008 brachte Tausende der zahlenden und nicht zahlenden Kunden gegen das börsennotierte Unternehmen auf. Das rühmt sich, jede Woche eine technische Neuerung einzuführen, in der Regel ohne Ankündigung. Viele Kunden staunten nicht schlecht, als neben ihrem Profil plötzlich Werbung auftauchte. Eine Bankmitarbeiterin fand Werbung einer konkurrierenden Bank in ihrem Profil gar nicht lustig. Abstimmungen und Zehntausende wütende Beiträge auf über tausend Seiten führten dazu, dass die Werbung erst Wochen später auf ein Mindestmaß reduziert wurde und von zahlenden Mitgliedern abgelehnt werden kann. Weil das Unternehmen lange Zeit nicht oder nur mit nichtssagenden Aussagen reagierte, ging viel Vertrauen verloren. Einige Kunden verabschiedeten sich lauthals, andere verschwanden leise.

Das Web 2.0, setzt sich die Erkenntnis durch, ist auch der hinterlistige Versuch, mit Hilfe der Mitgliederprofile Anreize für personenbezogene Werbung zu schaffen. Zwar gibt Xing wohl keine persönlichen Daten weiter, sondern generiert Werbe-Zielgruppen nach Alter, Geschlecht, Beruf und anderen Stichworten, welche die Kunden pflichtschuldig und ahnungslos detailliert eingegeben haben. Zweifel kommen auf, ob nun die zahlenden Mitglieder die wahren Kunden seien oder doch die Werbeindustrie.

Einsame oder nicht nachvollziehbare Entscheidungen

In immer schnelleren Abständen sorgt Xing durch einsame oder nicht nachvollziehbare Entscheidungen für Entrüstung. Ohne Ankündigung wurde eine Funktion eingeführt, die einen Großteil von Beiträgen einzelner Mitglieder gezielt auflistet. Wer sich, zum Beispiel als potentieller Arbeitgeber, ein Meinungsprofil machen wollte, musste bisher Hunderte bis Tausende von Seiten nach Äußerungen des Kandidaten durchforsten. Jetzt geht das auf Knopfdruck, obwohl kaum ein Kunde es verlangt hat. Und wer wissen will, ob der Mitarbeiter in der Arbeitszeit Zeit in Xing-Diskussionen vergeudet, bekommt Daten und Uhrzeit gleich mitgeliefert.

Gerade das Zusammenstellen von Personenprofilen, das Durchforsten von Diskussionsfäden über Äußerungen zu Arbeitshaltung, Lebensgewohnheiten und besonderen Neigungen gehört zu den größten Gefahren dieser vermeintlichen Gemeinschaften, die in Wahrheit hochexplosive persönliche Datensammlungen sind.

Seitdem ein Politikforum geschlossen werden soll, weil Politik laut Xing generell nicht auf Xing gehört, toben die Kunden. Eine Xing-Mitarbeiterin argumentiert noch treuherziger: „In einigen Ländern droht uns sogar die Abschaltung des Zuganges zu Xing, wenn sich beispielsweise politische Diskussionen gegen das Regime wenden.“ Xing möchte in China expandieren.

Wer solche Ereignisse nicht unter den Aspekten schlechte Kommunikationspolitik einer jungen AG, Gruppendynamik und Unterhaltung betrachten will, muss die Konsequenz ziehen und gehen. Wenn da nicht die vielen Bekannten für die Freizeitgestaltung wären . . . Das Web-2.0-Konstrukt Xing, glauben wir, hat die besten Zeiten schon hinter sich. Aus unserer Sicht ist es ein unterhaltsames Panoptikum für alle Themen der Welt, ein vielseitiges Flirt- und Hobby-Forum, in dem man Freund und Lebenspartner finden kann. Für berufliche Zwecke erscheint uns Xing kaum geeignet, denn Kontrakte und Kontakte machen wir immer noch persönlich und am Telefon. Daran hat auch Web 2.0 nichts geändert. Die virtuelle Gemeinschaft vermittelt nur das Gefühl, ein wenig näher am Geschäft zu sein. Das Gegenteil ist der Fall.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Nach Bremerhaven

Von Rüdiger Abele

Es sollte ganz einfach sein. Doch insgesamt werden es zwei Stunden Verspätung mit der Bahn. Der liebe Kollege, der alles mit dem Auto fährt oder fliegt, er hat ja so recht. Mehr