27.04.2007 · Längst keine Zukunftsmusik mehr: Wenn W-Lan-Hotspots für alle offen bleiben, kann man überall drahtlos kommunizieren. Was manche aber als revolutionär-populistische Bewegung propagieren, kann auch böse Überraschungen bringen.
Von Fritz JörnVersorge deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist die Devise ungezählter guter Nachbarn, die ihre Freunde im Netz mitfahren lassen. So, wie gelegentlich Software weitergegeben wird - zulässig oder nicht -, so mag man auch Nachbarn an seiner Internet-„Flatrate“ teilhaben lassen. Seit die drahtlose Verteilung des Internetzugangs auch zu Hause gang und gäbe ist, hat diese Idee buchstäblich Platz gegriffen. Sind da Schwierigkeiten zu erwarten?
Hat man einen mengenunabhängigen Tarif, so macht ein wenig Surfen anderer wenig aus. Wie und ob solch „Mitfahrenlassen“ immer zulässig ist, können wir hier nicht sagen. Die benutzten W-Lan-Frequenzen sind jedenfalls öffentlich und lizenzfrei. Formal hängt einiges vom Vertrag ab, den man mit seinem Versorger hat; allerdings sind die Vertragsbedingungen dort oft so formuliert, dass man nach der Lektüre nicht wirklich schlauer ist. Überdies ist es fraglich, wie der Lieferant darauf kommen soll, dass man unter der Hand dessen „Ware“ mit jemandem teilt und nicht nur selbst mehrere Rechner betreibt?
Es geht nicht ohne Vertrauen
Eine zweite Unsicherheit birgt die mögliche Haftung für illegale Tätigkeiten im Internet, vom Herunterladen urheberrechtlich geschützter Werke bis zum Betrachten von jugendlich Unkeuschem. Haftet man dafür, was andere über den Anschluss tun? Passiert etwas, so fällt auf jeden Fall der Anfangsverdacht auf denjenigen, der den Anschluss hat. Im Fall staatsanwaltlicher Überprüfungen wären dann Untersuchungen am eigenen PC hochnotpeinlich.
Hat man mehrere Computer im Haus, so wird man sie jedoch über sein drahtloses lokales Netz (Lan, kurz für local area network) verknüpfen. Man kann dann praktisch von einem Rechner auf die Dateien und Ressourcen der anderen zugreifen, etwa auf Drucker oder Laufwerke. Lässt man nun einen Fremden in so ein Netz, um ihm Internetzugang zu ermöglichen, hat auch er bei Kenntnis des Netznamens (meist „Arbeitsgruppe“ oder „Workgroup“) dieselben Zugangsrechte. Belässt man seine Rechner unabhängig voneinander und öffnet sie gegenseitig nicht (Auslieferungszustand), so bleibt auch der Nachbar sauber außen vor. Leute mit nur einem privaten Laptop und bequem-drahtlosem Lan im Haus brauchen sich also nicht zu sorgen. Wer Angst vor Mitlesen des Datenverkehrs hat - möglich, aber nicht einfach -, sollte verschlüsseln, muss dann aber den Schlüssel auch dem Trittbrett-Nachbarn sagen. Es geht also nicht ohne Vertrauen.
Fon-Hotspots gegen Gebühr
Eine weltweite W-Lan-Nutzung auf Gegenseitigkeit hat sich ein spanisches Unternehmen vorgenommen. Gegründet wurde „Fon“ Ende 2005 von dem Argentinier Martin Varsavsky. Inzwischen wird es von Index Ventures und Sequoia, ja sogar von Google und Skype mitfinanziert und bietet allein in Deutschland bereits mehr als 10.000 Zugangspunkte, deutlich mehr als der größte kommerzielle Betreiber, T-Com. Es stützt sich beim Bereitstellen von Hotspots - also öffentlichen W-Lan-Zugängen - auf Privatleute, die ihren Kabelmodem- oder DSL-Zugang teilweise zur Verfügung stellen. Das kommerzielle Unternehmen wird revolutionär-populistisch „Movimiento“ genannt. Da gibt es dreierlei Mitstreiter („Foneros“), alle forsch per du: solche, die ihren Anschluss ganz auf Gegenseitigkeit öffnen („Linuse“ nach dem Linux-Gründer Torvalds), solche, die dabei Geld verdienen möchten („Bills“ nach Bill Gates und „Rechnung“) und sich die Einnahmen mit dem Unternehmen teilen, und solche, die keinen eigenen Zugang zur Verfügung stellen und nur die Fon-Hotspots gegen Gebühr nutzen („Aliens“, Fremdlinge).
Für sie kostet der Zugang zum Fon-Netz 3 Euro am Tag. Als Linus oder prospektiver Bill muss man sich zunächst von Fon einen Drahtlos-Router kaufen, „la fonera“ genannt. Er kostet 30 Euro - der Preis ist subventioniert und hat sich öfter geändert. Techniker können alternativ bestimmte programmierbare Linksys-Router mit Fon-Firmware ausstatten. Trotzdem beklagt Fon-Europachef Robert Lang eine gewisse Installationsfaulheit seiner Mitglieder. Mancher fährt erst einmal beim Fon-Nachbarn mit, bevor er selbst kredenzt.
Für Abmahner auffindbar
Der Fonera-Router ist technisch interessant: Er sendet auf ein und demselben Kanal - bei uns Nummer 2 - zwei getrennte W-Lan-Signale aus, ein unverschlüsseltes öffentliches und ein solide WPA2-verschlüsseltes für den Besitzer des Anschlusses (WPA: Wireless Protected Access). Damit wird öffentliche von privater drahtloser Nutzung sauber getrennt, ohne dass zwei Kanäle und damit zwei Sender nötig wären. Das private Netz bleibt unantastbar; ja, man bekommt einen ganz guten, niedlich kleinen Drahtlosrouter von Linksys oder Buffalo zur Verfügung, sofern man nicht ohnehin schon einen betreibt. Am Fon-Router kann man die maximale Bandbreite des öffentlichen Zugangs vorgeben, also auf Wunsch bremsen. (Der ganze Anschluss hat wie immer nach außen nur eine IP-Adresse, so dass die getrennte Nutzung nachträglich nicht zu erkennen ist.) Wer sich wann in seinen Fon-Anschluss eingewählt hat, zeigt einem allerdings ein Fon-Logbuch.
Um das öffentliche Fon-Netz zu benutzen, sollte man sich erst bei http://maps.fon.com über aktive Zugangsstellen (Hotspots) informieren. Eine Satellitenansicht mit Straßenkarten wie bei Google-Maps zeigt die Zugänge. Die hohe Zahl der orangefarbenen „Mitglieder“ täuscht allerdings, denn bei weitem nicht alle, die sich bei Fon angemeldet haben, betreiben dann auch aktive Fon-Router (die tiefgrün erscheinen). Anders als bei ganz privaten Vereinbarungen mögen Fon-Sender so freilich auch für Abmahner auffindbar sein. Sollte sich die Sache wirklich als unzulässig, da kommerziell, herausstellen - immerhin wird man ein „Fonero“ ja wohl eher deshalb, um selbst anderswo nichts zu zahlen -, so müssten die Sender vermutlich formal angemeldet werden und liefen sonst Gefahr, abgemahnt zu werden.
Völlig kostenlose Netze
Wir werden mit Interesse verfolgen, wie sich Fon weiterentwickelt. Drahtlose Router, frei schon ab rund 50 Euro erhältlich, werden wie Mobiltelefone oft von DSL-Anbietern bis auf Null heruntersubventioniert, da mag Fon keinen leichten Stand haben. Geplante, rein kommerzielle Hotspot-Netze entwickeln sich zielstrebiger dort, wo sie besonders gebraucht werden, auf Flughäfen etwa.
Fon dagegen wächst wild, oft in Gegenden, wo kein ambulanter W-Lan-Bedarf ist. „Freifunker“ (www.Freifunk.Net) wiederum versuchen, völlig kostenlose Netze aufzubauen; sie sind untereinander mit besonderer Firmware OSLR-vermascht (Optimized Link State Routing Protocol). Und manch einer lässt sein drahtloses Netz ganz einfach ohne Zugangssperre laufen, bewusst oder versehentlich.
Fonero zu werden
Wolfgang Schaefer (schaeferw)
- 28.04.2007, 20:54 Uhr
Unsinnige Nachbarschaftsverhältnisse Strassenfest f. 480€
Ya Guza (yaguza)
- 02.05.2007, 21:15 Uhr