21.10.2009 · An diesem Donnerstag ist es so weit: Windows 7 kommt für jedermann in den Handel. Das neue Microsoft-Betriebssystem löst das unbeliebte Vista ab. Einblicke und Erfahrungen im Praxiseinsatz.
Von Michael Spehr und Raymond WisemanWir haben das neue Windows 7 bereits seit Wochen im Einsatz. Für den geneigten Kunden steht zu Beginn allerdings die Qual der Wahl: Wie bei Vista gibt es ein heilloses Wirrwarr der Versionen, Ausstattungen und Preise, daran hat sich nichts geändert. Um hier schnell eine Bresche ins Dickicht zu schlagen: Für den Heimgebrauch ist „Home Premium“ (200 Euro) empfehlenswert, das man vielleicht und mit viel Glück in der „Familienpackung“ (drei Lizenzen für 150 Euro) erhält. Das Angebot ist jedoch limitiert. Die beiden teureren Top-Produkte Professional und Ultimate (310 und 320 Euro) richten sich an den geschäftlichen Nutzer. Ein Upgrade von Vista auf Windows 7 lohnt sich nur bei Home Premium (120 Euro), und sparsame Zeitgenossen nehmen die „System Builder Version“ ohne Handbuch und bunte Verpackung zu Preisen zwischen 90 und 160 Euro. Um das Chaos perfekt zu machen, kommt Windows 7 zudem in einer 32- und 64-Bit-Variante. Letztere ist nur dann angesagt, wenn 4 Gigabyte oder mehr Arbeitsspeicher auf dem Rechner installiert sind.
Windows 7 lässt sich über ein bestehendes Vista (mit mindestens Servicepack 1) installieren, wobei Programme und persönliche Daten erhalten bleiben. Beim Wechsel von Windows XP auf die 7 ist hingegen eine vollständige Neuinstallation auch der vorhandenen Programme erforderlich. Davon unbenommen sollte man natürlich vor der großen Operation alle eigenen Dateien sichern. Die Einrichtung von Windows 7 auf einem neuen PC dauert ungefähr 40 bis 60 Minuten. Wird es über Vista gespielt, muss man mehrere Stunden einplanen. Zum Glück läuft die Prozedur weitgehend selbsttätig ab. Wir haben Windows 7 auf ungefähr einem Dutzend Rechnern ausprobiert, mal lief vorher Vista, mal XP, und das erfreuliche Ergebnis ist: Im Unterschied zur ersten Vista-Version vom Dezember 2006 gab es nur sehr wenige Probleme mit Hard- und Software, mit fehlenden Treibern und sonstigen Unstimmigkeiten. Windows 7 ist kompatibel zu Vista. Was unter Vista läuft, soll sich mit dem Nachfolger einsetzen lassen, verspricht zumindest Microsoft, auch die Vista-Treiber für Peripherie sind kompatibel.
Die Hardware-Voraussetzungen sind bescheidener geworden
Die zweite gute Nachricht: Die Hardware-Voraussetzungen sind bescheidener geworden. Microsoft nennt einen 1-Gigahertz-Prozessor, 1-Gigabyte Arbeits- und 16-Gigabyte Festplattenspeicher, und so läuft das neue System selbst auf den schwachbrüstigen Netbooks hinreichend schnell, was bei Vista nicht der Fall ist. Auch bei leistungsstärkeren Rechnern ist der erste Eindruck, dass Windows 7 deutlich mehr Tempo an den Tag legt, es arbeitet flüssiger und glatter.
Geht man jedoch mit der Stoppuhr und verschiedenen Benchmark-Programmen der Sache auf den Grund, ergibt sich ein anderes Bild: Bei Spielen, beim Kopieren von Dateien und bei der Bild- und Videobearbeitung liegen Windows 7, Vista mit Servicepack 2 und das alte Windows XP mit Servicepack 3 ungefähr gleichauf. Auf Netbooks ist XP nach wie vor das schnellste Betriebssystem und Vista abgeschlagen das langsamste. Dasselbe Ergebnis zeigt sich beim Hochfahren über alle Rechnerklassen hinweg: XP führt, dicht gefolgt von Windows 7, Vista ist das Schlusslicht. Wer bislang mit Vista gearbeitet hat, darf sich also wenigstens in diesen Disziplinen auf deutlich mehr Tempo freuen. Alle anderen subjektiven Wahrnehmungen sind in erster Linie ein gefühlter Fortschritt. Außerdem hat Microsoft tief in die Trickkiste gegriffen: So kann man nun mit dem Erscheinen des Desktop im Unterschied zu XP und Vista sofort loslegen, und die Festplatte läuft im Vergleich mit Vista seltener, weil die im Hintergrund arbeitende Defragmentierung überarbeitet wurde. Auch die träge Reaktion auf Benutzereingaben bei Vista gehört nun der Vergangenheit an.
Microsoft hat die Bedienungsoberfläche optimiert
Die Arbeit geht auch deshalb schneller von der Hand, weil Microsoft die Bedienungsoberfläche optimiert hat. Man braucht weniger Mausklicks für eine Aktion, und damit sind wir bereits bei den Verbesserungen im Detail. Die neue Taskleiste wird zum zentralen Bedienelement, das den Aufruf des Start- und Programme-Menüs ersparen soll. Sie protzt durch Multifunktionalität: Da ist zunächst jedes gestartete Programm nur noch mit seinem Symbol, nicht aber namentlich vertreten. Ein schattierter Rahmen ums Symbol symbolisiert die aktive Anwendung und vervielfältigt sich mit einem Stapeleffekt, wenn mehrere Instanzen des Programms laufen. Sobald der Mauszeiger auf das Symbol fährt, zeigen sich alle geöffneten Fenster in einer Vorschau, die man flink vergrößern kann. Ferner gibt es eine Fortschrittsanzeige, wenn das betreffende Programm diese Funktion unterstützt. So zeigt sich beim Kopieren von Dateien schon in der Taskleiste, wie weit der Vorgang gediehen ist.
Doch ist die Taskleiste nicht nur für die laufenden Anwendungen zuständig. Über sie lassen sich Programme starten oder Dokumente aufrufen, wenn man sie dort verankert hat. Die Symbole passiver Anwendungen werden in der Taskleiste ohne Rahmen angezeigt, was leider kein überzeugendes Unterscheidungsmerkmal zu den bereits aktiven ist. Start und Zugriff auf laufende Anwendungen können auch über Tastenschlüssel erfolgen: Zugriff gibt - gezählt von links nach rechts - die Windows-Taste, gepaart mit einer Zahl der alphanumerischen Tastatur.
Die Maus schütteln, um zu minimieren
Das geänderte Fenstermanagement sorgt für mehr Ordnung auf dem Desktop. Wer die Kopfzeile eines Fensters mit der Maus schüttelt, minimiert alle anderen Fenster. Um das aktive Fenster auf Maximalgröße zu bringen, braucht es nur an den oberen Bildschirmrand gezogen zu werden, während es ein Schwung gegen den linken oder rechten Rand auf die halbe Displaygröße verkleinert. So kann man dann zwei Fenster rasch nebeneinander anordnen. Diese Gesten lassen sich zwar mit der Maus nutzen, gedacht sind sie aber für die ebenfalls neue Fingersteuerung von Windows 7. Allerdings lässt sich das fingerfertige Erlebnis, das mit noch mehr Gesten aufwartet - beispielsweise zum Zoom und zum Drehen von Fotos -, nur mit berührungsempfindlichen Anzeigen und den passenden Treibern nutzen. Mit der Tastatur allein es auch, man experimentiere mit den Kombinationen aus Windows- und Pfeiltasten.
Davon abgesehen, hat Windows 7 viel von Vista übernommen. Das betrifft etwa den Wechsel zwischen den Anwendungsfenstern, bei dem Windows 7 mit der Livevorschau von Vista operiert. Die Schaltfläche „Desktop anzeigen“ ist nun an den rechten Rand der Taskleiste gerutscht. Ruht der Mauszeiger auf ihr, blendet Windows die Fensterinhalte aus, so dass der ganze Desktop sichtbar ist. So lassen sich beispielsweise Informationen der im Hintergrund laufenden Minianwendungen lesen. Während sich diese Kleinprogramme unter Vista noch in der Sidebar drängten, kann man sie nun frei auf dem gesamten Desktop verteilen.
Kaum „Sind Sie sicher“-Fragerei
Die bei Vista häufig kritisierte Benutzerkontensteuerung mit der nervenden „Sind Sie sicher“-Fragerei wurde dahin gehend geändert, dass nun weniger Rückfragen kommen. Dieser Komfort geht leider zu Lasten der Sicherheit, denn die an sich vernünftige Idee einer strikten Trennung von Administrator- und Anwenderrechten ist damit aufgegeben. Wer höchsten Schutz für Windows 7 sucht, sollte in der Benutzerkontensteuerung („UAC“ im Suchfeld des Startmenüs eingeben) die höchste Sicherheitsstufe wählen.
Zu den wenigen substantiellen Neuerungen in Windows 7 gehören die Bibliotheken für Bilder, Dokumente, Musik und Videos. Sie fassen verschiedene Ordner zusammen, deren Inhalte sich fortan gemeinsam anzeigen und durchsuchen lassen. Der Speicherort der Dateien bleibt unverändert, eigene Bibliotheken lassen sich rasch hinzufügen. Allerdings bleiben Wechselmedien außen vor, und Netzwerklaufwerke kann man nur dann einbinden, wenn sie ebenfalls mit Windows 7 oder dem zweiten Release des Windows Server 2008 arbeiten. Deutlich mehr irritiert uns aber, dass sich die Bibliotheken zwar für bestimmte Dateitypen - etwa Bilder oder Musik - in der Anzeige optimieren lassen, was sie aber nicht daran hindert, auch Dateien anzuzeigen, die nicht dazugehören. Hier fehlt ein Filter.
Einbindung von Peripheriegeräten wie Drucker oder Webcams optimiert
Heimnetzwerke und Arbeitsgruppen lassen sich unter Windows 7 deutlich einfacher einrichten als mit sämtlichen Vorgängerversionen. Vorausgesetzt, alle Beteiligten setzen das neue Betriebssystem ein. Wer ältere PCs mit anderen Betriebssystemen ins Netzwerk aufnehmen will, kommt um die manuelle Konfiguration nicht herum und muss außerdem auf manche Zusatzfunktionen verzichten. Dazu gehört etwa die Möglichkeit, Medien von anderen PCs zu holen oder auf Geräten des Netzwerks ferngesteuert abzuspielen. Wir konnten beispielsweise mit der Spielekonsole Xbox 360 von Microsoft im Wohnzimmer unsere Musik vom PC im Arbeitszimmer wiedergeben. So will sich Windows 7 ins multimediale Zuhause eingliedern und setzt bei den Wiedergabegeräten auf den DLNA-Standard der Digital Living Network Alliance. Auch bei Wireless-Lan kann man sich über etliche Verbesserungen freuen, vor allem über schnellere Verbindungsaufnahmen. Optimiert wurde ferner die Einbindung von Peripheriegeräten wie Drucker oder Webcams. Mit dem Bitlocker in der Ultimate-Variante lassen sich Festplatten und Speichersticks verschlüsseln, allerdings kann man auf älteren Windows-Rechnern nur lesend darauf zugreifen. Ferner werden nun Autostart-Programme von USB-Sticks und USB-Festplatten nicht mehr ausgeführt, was ein gewisser Schutz vor selbststartenden Schadprogrammen sein soll.
Das neue Design von Windows 7 gefällt, es ist aber kilometerweit entfernt vom detailverliebten Charme eines Mac OS X. Von der Raffinesse, Leichtigkeit und Eleganz des Mac-Betriebssystems gar nicht zu reden. Windows 7 kann man erfolgreich nutzen, man wird es indes nicht lieben. Es bleibt ein typisches Microsoft-Produkt mit vielen bekannten Ärgernissen, Unstimmigkeiten und Unzulänglichkeiten, mit dem Ballast der Vergangenheit, mit Rechteminderung und geradezu kuriosen Details: Dass man etwa selbst als Administrator nicht auf bestimmte Systemordner zugreifen kann oder ein PDF-Betrachter in der Standardausstattung fehlt. Selbst die teuersten Varianten von Windows 7 beherrschen nicht die Anbindung an das Microsoft-Exchange-System in Unternehmen, die bei Apples jüngstem Betriebssystem „Schneeleopard“ selbstverständlich an Bord ist. Selbst die Ausstattung für den privaten Einsatz von E-Mail, Kalender und Adressbuch muss nachgeladen werden (Windows Live Essentials), und der Mini-Editor „Wordpad“ zeigt nun keine alten Word-Dokumente im Doc-Format an.
Aber diese Polemik ist nur eine Seite der Medaille: Windows 7 ist insgesamt deutlich leistungsfähiger als das Mac OS X, und wir versprechen uns viel von der Touchscreen-Steuerung. Kommt derzeit Vista zum Einsatz, sollte man über ein Update nachdenken, es bringt viel, die Scharten des Vorgängers wurden hervorragend auswetzt. Wer mit XP arbeitet, zufrieden ist und die komplette Neuinstallation scheut, mag dabei bis zum nächsten Rechnerkauf bleiben. Man verzichtet allerdings auf etlichen Komfort, vor allem in Sachen Vernetzung und auf das Plus an Sicherheit von Windows 7.
Schwer zu löschen
Beim Upgrade legt Windows 7 ein Verzeichnis namens Windows.old an, in dem sich die alte Installation findet. Wer diesen Ordner nach der Installation manuell löschen möchte, verheddert sich in der digitalen Rechteminderung von Windows 7. Wir haben stundenlang experimentiert und nur einen Ausweg gefunden: Man gehe in die „Systemprogramme“, wähle dort die „Datenträgerbereinigung“ und das Laufwerk, auf dem sich Windows.old befindet. Hier kann man in der Liste der zu löschenden Dateien markieren, dass die vorherige Windows-Installation entfernt werden soll.
Windows XP im virtuellen Modus
In Windows 7 lassen sich nun XP-Anwendungen ausführen, die unter Vista nicht liefen. Das virtuelle Windows XP gehört zum Lieferumfang der drei teureren Versionen Ultimate, Professional und Enterprise. Voraussetzung für den „Windows Virtual PC“ ist, dass der Prozessor eine Hardware-Virtualisierung wie AMD-V oder Intel VT unterstützt und diese Funktion im Bios aktiviert ist. Der Speicherbedarf hält sich mit den voreingestellten 265 Megabyte im kleinen Rahmen. Nach Abschluss der Installation läuft in einem eigenen Programmfenster ein vollständiges Windows XP. Es besteht auch Zugriff auf die Festplatten und USB-Schnittstellen des Rechners. Installiert man nun ein Programm, das unter Vista oder Windows 7 nicht lauffähig ist, im Windows-XP-Mode, wird im Programme-Ordner ein Startlink angelegt. Über diesen Startbefehl aufgerufen, arbeitet es automatisch im Windows-XP-Modus und lässt sich wie gewohnt bedienen. Allerdings dauert dieser Startvorgang deutlich länger als bei Programmen, die direkt unter Windows 7 laufen. Somit ist der Windows-XP-Modus für inkompatible Programme nur eine Übergangslösung. Allerdings lässt sich der Kniff auch nutzen, um eigene virtuelle Computer anzulegen, etwa um Programme und Funktionen zu testen, bevor sie unter Windows 7 installiert oder aktiviert werden.