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Weblogs Immer schön sachlich bleiben

12.12.2007 ·  Oft werden in Internetforen und -diskussionen die Grenzen von Fairness und Respekt missachtet. Wer das beklagt, erntet meist heftige Proteste der selbst ernannten Internet-Elite. Ein „Aufstand des Publikums“ ist das aber noch nicht.

Von Jürgen Kaube
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In der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) erschien vor einigen Tagen ein Beitrag über das sogenannte „partizipative Web“. Darin wurde das Niveau vieler Internetkommentare und -diskussionen beklagt. Neigungen, die auch im Journalismus verbreitet sind, so der Artikel von Bernd Graff, toben sich mit der Lizenz „Web 2.0“, also Laienjournalismus, hemmungslos aus: Pöbelei, Entrüstung, Denunziation, Häme. Ein rumorendes Plebiszit, halb anonym, von jeder Rechenschaft entlastet, bei keiner Sache dauerhaft verweilend, mache sich – zum Teil eingeladen von den Medien selber, die um der „Klickzahlen“ willen zum Kommentieren ihrer Beiträge aufrufen – hier Luft.

Einen Tag zuvor hatte die SZ mitgeteilt, die Möglichkeit zu Reaktionen auf ihre Artikel im Internet ein wenig einzuschränken. Man habe insbesondere bei nachts oder an Wochenenden eingehenden Leserkommentaren die Erfahrung zunehmender Verstöße gegen Mindestgebote an Respekt und Fairness gemacht. Daher werde man die Möglichkeit, nach 19 Uhr abends und vor 8 Uhr morgens zu kommentieren, ausschließen. Vielleicht war das schon eine Reaktion auf ein Urteil des Hamburger Landgerichts vom 4. Dezember, das von dem Journalisten Stefan Niggemeier als Betreiber eines „Blogs“ verlangte, Leserkommentare vor Veröffentlichung im Netz auf ihre Rechtmäßigkeit zu prüfen.

Gereizte Reaktionen der Internet-Elite

Beiden Artikeln der SZ antwortete, wiederum in den Kommentarfeldern des Internet, eine stattliche Anzahl von heftigen Protesten. Man sieht durch Kontrolle die Meinungsfreiheit gefährdet und den Sinn des Mediums Internet in Frage gestellt. Und man wirft dem Journalisten Graff Publikumsbeschimpfung vor. Man – das heißt hier allerdings noch immer: ein paar Dutzend Leute, die im Verhältnis zu den Millionen von Nutzern einzelner Websites von Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk- und Fernsehanstalten noch nicht als neue Öffentlichkeit ins Gewicht fallen. Die präpotente Rede davon, „das Internet“ wehre sich gegen die älteren Medien, ist jedenfalls auch dann stark übertrieben, wenn man von der Minderheit derjenigen Kommentare auf den SZ-Internetseiten absieht, die eine stärkere Qualitätskontrolle bei elektronischen Leserbriefen begrüßt.

Bemerkenswert sind die gereizten Reaktionen derjenigen, die sich offenbar als Internet-Elite und Mandatsträger der Zukunft verstehen, dennoch. Vor allem, weil man sie als Fortsetzung einer mediengeschichtlich vertrauten Gleichsetzung verstehen kann. Noch jede neue Technik der Verbreitung von Information und Meinung wurde als Durchbruch zur vollkommenen Demokratie gefeiert. Das Ideal des herrschaftsfreien, und das heißt dann hier: des von Gegenlektüre und redaktionellem Eingriff befreiten Diskurses ist, dass jeder zu allem jederzeit, auch an den Wochenenden, alles sagen darf – und dass es publiziert wird.

Der Anti-Journalismus ist auf dem Weg

Dabei tritt die Zusammensetzung des normativ hochbesetzten Begriffs „öffentliche Meinung“ in den Hintergrund. In ihn sind, wie der Soziologe Rudolf Stichweh einmal notiert hat, zwei spannungsvolle Worte eingegangen. Denn Öffentlichkeit bezeichnete seit je – etwa in Begriffen wie „res publica“ oder „öffentliches Recht“ oder „öffentlicher Dienst“ – etwa Universalistisches, Stabiles, alle Angehendes. Die Meinung hingegen trägt ihren privaten, kurzlebigen Charakter schon im Namen. Das Konzept der öffentlichen Meinung kombiniert beides: etwas Subjektives von allgemeinem Belang, etwas, das nicht ignoriert werden kann, aber auch nicht zu bestimmtem Handeln zwingt.

Bis zum Auftritt der Massenmedien hatte die öffentliche Meinung dabei stets einen lokalen Charakter. Jemand wollte etwas loswerden und bediente sich dazu der Medien. Die entsprechenden Formen der Schimpf- und Beschwerderede im Internet, die Bernd Graff festgehalten hat, folgen insofern einem alten Schema: Wer zu allen spricht, neigt zur Übertreibung, weil er, um alle zu interessieren, oft der Gefahr erliegt, den Allgemeinheitsgrad dessen, was ihn beschäftigt, rhetorisch zu steigern. Das gilt für Journalisten, das gilt aber auch für jene Anti-Journalisten, die jetzt die Welt in „alte Medien“ und solche der Zukunft einteilen oder eine ungeheure Repression darin finden, wenn eine Zeitung sagt: Wir publizieren nicht die Mitteilung jedweder ungewaschenen Subjektivität.

Das Publikum probt den Aufstand

Dabei ist das ganz normal. In Blogs mag jeder meinen, denken, toben, lästern, so wie am Tresen oder zu Hause. Mit den Massenmedien selber ist aber ein ganzes System entstanden, das beanspruchte, die öffentliche Meinung selbst zu pflegen. Und die Journalisten wurden zur ersten Berufsgruppe, die beanspruchte, aus der Rolle des Publikums selber einen Beruf zu machen. Zuvor bestand das Publikum aus Laien, jetzt sollte es professionelle Laien geben. Kein Wunder, dass daran sofort Kritik geübt wurde, vor allem die, der Journalist ermittle und verdichte die öffentliche Meinung weniger, als dass er sie selber mache.

Die Einträge in den Kommentarspalten der SZ dokumentieren, mit einem Wort des Soziologen Jürgen Gerhards, den „Aufstand des Publikums“ gegen solche Professionalität, gegen ihre Kunstfehler und Eigeninteressen. Sie folgen Linien der Kritik an Ärzten, Anwälten, Lehrern oder Priestern, wie sie seit dem neunzehnten Jahrhundert bekannt sind und beispielsweise zu Alternativmedizin, neuen Religionen und Reformpädagogik führten. Damit aber zu neuen Formen von Professionalität und, horribile dictu, Autorität. Wer sich von einem Medium wie dem Internet das Gegenteil verspricht, ist kindisch. Kritik findet im Einzelfall viel Nahrung an schlechtem Deutsch, unzulänglichem Wissen, zweifelhafter Information in den klassischen Medien.

Fehler der Journalisten schneller enttarnt

Aber solche Seiten im Internet, die es besser machen wollen, werden sich ihrerseits zu einem klassischen Medium mit hoher Selektivität entwickeln müssen, wollen sie nicht die Spezialisierungsvorteile verschenken, die mit Professionalisierung einhergehen. Dem trägt das Urteil des Hamburger Landgerichts Rechnung. Die Spezialisierung der einen bedeutet aber zwangsläufig den wie immer begrenzten Vertrauensvorschuss der anderen.

Als Nutzer der Fähigkeiten anderer Leute – zum Beispiel der, zu verwalten, zu trösten, zu heilen oder zu unterrichten – bescheidet man sich darum normalerweise auch mit einer weitgehend passiven Rolle. Das Internet suggeriert, dass es in Bezug auf Meinung und Information anders möglich sei. Punktuell ist dem auch gar nicht zu widersprechen. Die Ärzte und Anwälte müssen heute mit anders informierten Patienten rechnen, die Medien mit einer schnelleren und stärker sichtbaren Korrektur ihrer Fehler.

Medienkritik ohne Substanz

Aber Erscheinungen wie die der Lehrerkritik durch Schüler im Internet als Zunahme an Demokratie zu feiern ist mehr als dumm. Und wer als Blogger es ernst mit seiner Medienkritik meint, wird die Publikumsrolle verlassen und auf die andere Seite wechseln müssen. Die vom Netz hervorgebrachte Phantasie einer Gesellschaft der Amateure wirft die Frage auf, wovon diese denn leben. Was keinen Standards folgt, hat nur Ausdrucks-, aber keinen Informationswert.

Und wohinein nur Meinung investiert wurde, das verspricht auch keinen Ertrag darüber hinaus. Wie hoch wohl die Klickraten der Schmähkommentare auf Bernd Graffs Artikel selber sind? Man hat den Eindruck, dass sie unterschätzen, wie abhängig ihre eigene Beachtlichkeit davon ist, dass es das Objekt ihrer Schmähung, einen klassischen Artikel, auf den sie sich alle beziehen können, überhaupt gibt.

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