Bei den Attentätern des zwanzigsten Jahrhunderts fand die Polizei immer wieder ein Buch: J. D. Salingers „Fänger im Roggen“. Marc David Chapman, der Mann, der John Lennon auf dem Gewissen hat, trug es im Moment seiner Festnahme bei sich. John Hinckley Junior, der 1981 mit seinem Mordanschlag auf Ronald Reagan scheiterte, galt als obsessiver Salinger-Fan. Und auch der als „Una-Bomber“ bekannte Theodore Kaczynski las in seiner Holzhütte die Bibel aller durchgeknallten Einzelgänger.
Ist Salingers Klassiker also eine Anleitung zum Amoklauf, die auf den Index statt auf den Lehrplan gehört? Betrachtet man den Aufruhr, den das nun auch in Deutschland erschienene Videospiel „Canis Canem Edit“ (Hund frißt Hund) in den Vereinigten Staaten erzeugte, dann wirkt diese Forderung gar nicht so abseitig. Ursprünglich sollte das Spiel „Bully“ heißen. In Amerika nennt man so Kinder, die anderen Kindern das Pausenbrot klauen; eine altmodische Übersetzung wäre „Raufbold“. Der Spieletitel verleitete Kritiker schon anderthalb Jahre vor dem Erscheinen des Spiels zur Annahme, „Bully“ verherrliche Schulhofterroristen. Jack Thompson, ein für seinen Kreuzzug gegen Computerspiele bekannter Anwalt aus Florida, warf sogar ohne jede empirische Grundlage den Begriff eines „Columbine-Simulators“ in die Runde.
Neuling mit kräftigem Körperbau
Wie das fertige und in Deutschland ab sechzehn Jahren freigegebene Spiel jetzt zeigt, ist der Verweis auf das Schulmassaker von Columbine an Abgeschmacktheit kaum zu überbieten - er ergibt nur Sinn, wenn man zum Beispiel auch die selbst bei Lateinstrebern beliebten Streiche von Caius, dem „Lausbub aus dem alten Rom“, als Anstiftung zum Bandenkrieg verurteilt. Das an einer fiktiven Schule irgendwo in Neuengland angesiedelte Videospiel verbeugt sich tief vor den Internatsromanen und High-School-Filmen des letzten Jahrhunderts. Und der vom Spieler gesteuerte Held namens Jimmy Hopkins durchschreitet das Schultor, wo ihn seine Mutter vor dem Aufbruch in ihre fünften Flitterwochen absetzt, keineswegs als gemeingefährlicher Soziopath, sondern als mißtrauischer Neuling mit kräftigem Körperbau, einem hellem Köpfchen voller Flausen und einem letztlich guten Herzen.
„Canis Canem Edit“ lautet das pessimistische Schulmotto der „Bullworth Academy“, welche die Entwickler aus kollektiven Erinnerungsbausteinen schufen. Selbst wer seine Schulzeit in nordrhein-westfälischen Betonkomplexen verbrachte und nie einen Fuß in eine amerikanische Lehranstalt setzte, erkennt all das auf Anhieb wieder - die Metallspinde auf den Fluren, die Cheerleader in der leeren Sporthalle, die Backsteinmauern unter welkem Efeu. „Canis Canem Edit“ ist kein Simulator für Schulgewalt, sondern eher eine Zeitmaschine nach Art der „Feuerzangenbowle“. Hier kommen Gummiflitschen und keine Butterflymesser zum Einsatz, statt CS-Gas gibt es am Chemiebaukasten gebastelte Stinkbomben, und der gehässige Schulleiter bestellt jeden Übeltäter zur Moralpredigt ins mit Büsten vollgestellte Büro. Die mit Juckpulver und Murmeln angestellten Streiche haben mehr mit „Max und Moritz“ als mit „MTV Jackass“ zu tun, und Blut fließt nicht einmal bei den heftigsten Raufereien.
Knutschfunktion in dunklen Ecken
Natürlich tauchen all die kleinen Bosheiten auf, die den Schulalltag immer schon zur Hölle und zum Abenteuer machten. So kann man streitlustige Mitschüler mit einer Sondertaste in den Schwitzkasten nehmen und ihnen mit den Fingerknöcheln die Kopfhaut abreiben. Aber dieses Maß an Brutalität enthalten selbst verstaubte Schinken wie „Der Kampf der Tertia“ von 1928. Kein Wunder, daß sich die pädagogische Debatte nach dem Erscheinen schnell auf die Frage verlegte, ob es angeht, daß Jimmy die Knutschfunktion in dunklen Ecken des Schulgeländes nicht nur bei Mädchen einsetzen kann, sondern auch bei ausgewählten Jungs - zum Beispiel beim unsportlichen Cornelius, der schließlich auch in der Theatergruppe in „Romeo und Julia“ die Julia gespielt hat.
Obwohl „Canis Canem Edit“ dem Spieler bei der Gestaltung seiner Tage freie Hand läßt, herrscht an der Schule keine Beliebigkeit. Wer schwänzt, riskiert nicht nur, von den eisenharten Präfekten erwischt zu werden und öde Strafrunden auf dem Rasenmäher drehen zu müssen. Er verpaßt auch wichtige Lektionen fürs Leben. So verbessern die Englisch-Stunden bei Mister Galloway, der ein kleines Alkoholproblem hat und gerne Machiavelli zitiert, das Repertoire an Ausreden für den Fall, daß man auf dem Pausenhof von einem „Bully“ gestellt wird: Sprache ist eine überlegene Form von Gewalt. Und durch die Teilnahme am Kunstunterricht bei der schönen und stets verständnisvollen Miss Philips steigt die Chance, Mädchen zu küssen: Im Zweifelsfall gewinnt die Künstlerseele gegen den Quarterback. Ohnehin schult der Sportlehrer Mister Burton mit seinen zwangsverordneten Völkerballschlachten - „Ich liebe den Klang weinender Jungen am Morgen!“ - allenfalls die Zielsicherheit an der Zwille.
Nihilist in SS-Uniform
Was „Canis Canem Edit“ einen Platz in der Geschichte der Herzenserziehung sichert, ist allerdings die außergewöhnliche Story mit funkelnden Charakteren und witzigen Dialogen, wie man sie in kaum einer Pubertätskomödie aus Hollywood findet. So freundet sich Jimmy zu Beginn mit Gary an, einem hochintelligenten Außenseiter, der Medikamente gegen Hyperaktivität bekommt und mit seinem düsteren Humor die Aura eines Nihilisten verströmt. Am Halloween-Abend läuft Gary in SS-Uniform auf: Dieser Menschenlenker, der an den grausamen Protagonisten aus Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ erinnert, will die Herrschaft über die Schule erringen und erkennt in Jimmy schon bald ein Hindernis.
Im Gegensatz zum beängstigenden Fanatiker Gary schlägt sich Jimmy ein Jahr lang - die Minuten verfliegen im Sekundentakt, und spätestens um zwei Uhr in der Frühe herrscht Bettruhe im Schlafsaal - mit all den letztlich liebenswerten Cliquen an der Schule herum: den „Greasers“ mit ihren Lederjacken und Elvis-Tollen, den Strebern mit ihren Pullovern vom Astronomie-Klub, den Schnöseln mit ihrem antrainierten britischen Akzent und den Sportskanonen mit ihren Buchstabenjacken. Jimmy besorgt die Tagebücher verzweifelter Mädchen aus dem Rektorat zurück, er befriedet den stockdummen Schläger Russell, der nur in der dritten Person von sich redet, er klaut heimlich Schlüpfer aus dem Mädchenschlafsaal und jagt in der Bibliothek Ratten, um den Musterschülern das ungestörte Lernen zu ermöglichen.
Spielkonsolen gibt es übrigens an der „Bullworth Academy“ nicht. Nur eine uralter Arcade-Automat mit einem pixeligen „Future Street Race“ steht neben dem Getränkeautomaten im Aufenthaltsraum und verlockt zum Knacken des Highscores. Solche Spiele verleiten niemanden zum Töten.
antizyklischer jeton
Tim Flavor (Faunesk)
- 23.11.2006, 19:08 Uhr
Genau!
Maik Bode (MaikBode)
- 25.11.2006, 11:30 Uhr
@mr. bode
Tim Flavor (Faunesk)
- 26.11.2006, 15:07 Uhr
eltern haben die verantwortung!!!
(rdomi)
- 27.11.2006, 07:01 Uhr