31.03.2009 · Seit Jahren redet die IT-Branche über das „vernetzte Haus“. Während die klassische Haussteuerung derzeit eher auf der Stelle tritt, kommt die Vernetzung von Musik, Video und Bildern im Haushalt voran. Jetzt kommt das Internet auf den Fernseher.
Von Johannes Winkelhage, MünchenEs war immer der Kühlschrank. Der Kühlschrank, der selber die Milch bestellt, wenn sie zur Neige ging, war das Sinnbild für das „vernetzte Haus“ - und ist bis heute nicht wirklich in der Realität angekommen. Der kühle Alleskönner aber sitzt der Branche im Nacken - und verstellt ein wenig den Blick auf die Möglichkeiten, die heute für die Vernetzung von Geräten und Inhalten in den eigenen vier Wänden bestehen. Dieser Blick aber lohnt sich: vor allem, wenn es um die Verteilung von Inhalten im Heimnetzwerk geht.
Die Kühlschrankphantasie aber hat sich in den Köpfen festgesetzt. „Das ist allerdings Quatsch. Viel zu aufwendig“, sagt Achim Berg, der Geschäftsführer von Microsoft in Deutschland. Er muss es wissen. Berg ist Informatiker und hat sein Haus in Bonn selber vernetzt. In großem Maßstab mit Profiausrüstung.
Ihm geht es dabei nicht um ein drahtloses Netzwerk, um im Garten mal eben mit dem Laptop im Internet surfen zu können. Berg meint das gesamte Hausmanagement, Rollläden, Lichtschalter, Alarmanlage, Garagentor: Für alles gibt es Lösungen. „Die gesamte Ausrüstung ist aber heute noch viel zu teuer, die Preisgestaltung für diese Systeme des Gebäudemanagements ist prohibitiv“, ärgert sich Berg während eines Fachkongresses des Branchenverbandes Bitkom in München. „Man gibt für eine vernünftige Haussteuerung gut 50 000 Euro aus“, sagt er und fügt hinzu: „Was man braucht sind einfachere, billigere und bessere Geräte. Das hat die Branche noch nicht begriffen. Für die Installation brauchen sie immer einen Elektriker oder anderen Fachmann.“
„Mit dem Internet kommt auch der Personal Computer ins Wohnzimmer“
Was auf der Seite der Haussteuerung noch immer mit hohem Aufwand verbunden ist, geht auf der Seite der Heimvernetzung der digitalen Inhalte mit großen Schritten voran. „Die Verbindung zum Internet und dem Heimnetzwerk wird ein wichtiges Qualitätsmerkmal der neuen Generation von Fernsehern“, glaubt auch Hannes Schwaderer, der Geschäftsführer des Chipherstellers Intel in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Während der Bitkom-Veranstaltung sagte er: „Mit dem Internet kommt auch der Personal Computer ins Wohnzimmer.“ Das freut den Intel-Chef natürlich, da er dort einen völlig neuen Absatzkanal für die Produkte seines Hauses entdeckt. „Wir arbeiten sehr konkret mit Toshiba und Samsung, die beide sehr bald mit internetfähigen Fernsehern auf den Markt kommen werden“, betont Schwaderer. Diese Überzeugung teilt auch Achim Berg: „Einen hochwertigen Fernseher, der ohne Internetfähigkeit daherkommt, wird man in den nächsten 12 bis 24 Monaten nicht mehr vermarkten können“, lautet seine Prognose. Schon während der Consumer Electronic Show in Las Vegas im Januar hatten einige Hersteller erste internetfähige Fernseher präsentiert. Aber auch Anbieter wie Loewe aus Kronach zeigen schon Systeme, die den Fernseher zumindest mit dem Computer verbinden.
Die Wachstumszahlen für den Markt der Heimvernetzung geben der optimistischen Prognose der beiden Manager recht. So haben die Deutschen im vergangenen Jahr rund 600 Millionen Euro für die Vernetzung von Einzelgeräten der Unterhaltungselektronik und Informationstechnik ausgegeben. „Wir erwarten in Deutschland in den kommenden Jahren eine ähnlich stürmische Entwicklung wie in den Vereinigten Staaten. Dort werden mit der Heimvernetzung von Unterhaltungselektronik rund 8 Milliarden Dollar pro Jahr umgesetzt“, erwartet Achim Berg, der auch Vizepräsident des Bitkom ist. So wird in vielen Haushalten der Fernseher künftig in das Heimnetz integriert.
Veränderte Nutzungsgewohnheiten der Verbraucher
Dies folgt auch den veränderten Nutzungsgewohnheiten der Verbraucher: Im Jahr 2008 haben sich bereits 28 Prozent der Deutschen ab 10 Jahren Digitalfotos auf ihrem Fernseher angesehen. Weitere 34 Prozent interessieren sich dafür. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Bitkom hervor. Jeder dritte Deutsche möchte zudem über den Fernseher in der eigenen digitalen Musiksammlung stöbern - und rund 6 Prozent tun dies bereits. Sehr hoch ist auch das Interesse, über das Fernsehgerät Spielfilme aus dem Internet herunterzuladen. Fast 30 Prozent der Befragten waren daran interessiert, im Internet surfen wollen immerhin noch ein Viertel der Nutzer.
Mit dem Einzug des Internets auf den Fernsehschirm rückt auch die Interaktivität stärker in den Vordergrund. „Wir setzen zuerst auf kleine Internetanwendungen, die auch als Widgets bezeichnet werden und auf dem Fernsehschirm ein- und ausgeblendet werden können“, sagt Schwaderer. Diese Miniapplikationen sind den Kunden schon vom Computer her bekannt und können die Wettervorhersage ebenso enthalten wie Börsenkurse oder Staumeldungen. Intel und die Hersteller der Fernseher arbeiten dafür mit dem Internetunternehmen Yahoo zusammen. Aber auch andere Anbieter von Inhalten stehen in den Startlöchern, um in diesem Geschäft mitzumischen.
Auch die Politik hat das Thema „vernetztes Leben“ inzwischen für sich entdeckt. Andreas Goerdeler, Referatsleiter im Bundeswirtschaftsministerium, geht davon aus, dass im kommenden Jahr schon rund 10 Millionen Haushalte in Europa in solcher Manier ausgestattet sein werden. Dabei steht für ihn nicht nur die Unterhaltung, sondern auch die Energieeffizienz im Vordergrund - und rückt das Thema damit wieder näher an die Gebäudesteuerung heran. „Von den Heizungsbauern über die Rollladenhersteller bis hin zur Unterhaltungselektronik müssen alle mitmachen. Dann ist die Chance, dass sich der Markt entwickelt, deutlich größer“, sagte Goerdeler in München. Entsprechend soll ein Verein mit dem Namen „Innovationszentrum vernetztes Leben“ gegründet werden, in dem sich die beteiligten Unternehmen zusammenschließen sollen, um durch standardisierte Angebote die Voraussetzung für eine kritische Masse an potentiellen Kunden zu schaffen.
Auch Achim Berg ist ein Fan des Internetprotokolls
Deutliche Fortschritte für die Vernetzung verspricht sich Gerd Thiedemann vom Berliner Gerätehersteller AVM von der Einführung des neuen Internet-Protokolls (IP) in den kommenden Jahren. „Mit der Version 6 des Protokolls erhalten wir eine nahezu unendliche Anzahl verschiedener Internetadressen. Damit wird es möglich, jedem Gerät dauerhaft eine Adresse zuzuordnen“, sagt Thiedemann.
Das klingt zwar trivial, ist aber genau das, worauf die Vernetzungsfachleute sehnsüchtig warten. Damit erst wird es auf sehr einfachem Weg möglich, die Steuerungsbefehle, die einen großen Teil der Vernetzung ausmachen, eindeutig zu adressieren. „Wir sind darauf vorbereitet“, sagt Thiedemann für AVM. Das Unternehmen ist vor allem für seine DSL-Router bekannt, die unter dem Namen Fritzbox vertrieben werden und praktisch die komplette drahtlose Vernetzung der Kommunikationstechnik eines Haushalts steuern können. Wie andere Anbieter auch integriert AVM immer mehr Funktionen in die Boxen „und trägt auf diesem Weg ebenfalls zur Energieeffizienz bei!“, erklärt Thiedemann. Wenn früher mehrere Geräte zusammen rund 60 Watt verbraucht haben, seien es heute nur noch 6 bis 9 Watt, die die einzelne Box beansprucht. Zudem werden die Geräte - im Gegensatz zu den Komponenten der Haussteuerung - immer preiswerter.
Auch Achim Berg ist ein Fan des Internetprotokolls. „Auch bei der Heimvernetzung wird sich IP durchsetzen“, glaubt er und fügt hinzu: „Das Thema ist für mich entschieden. Die heutigen Anbieter der interaktiven Haustechnik merken offenbar gar nicht, dass sie von IP-Lösungen derzeit überholt werden.“