Home
http://www.faz.net/-gyc-78yq5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Update für Windows 8 Microsoft 95

Es wäre zu schön gewesen: Microsoft ist innovativ und zeigt Mut. Windows 8 war dafür das Beispiel. Doch viele Nutzer wollen nicht modern sein. Man klickt, was man kennt.

© Natascha Vlahovic Vergrößern

Es war der Tag gekommen, als wir darüber nachdachten, dass es neben Apple noch andere Götter gibt. Wir bekamen ein Testgerät mit Windows 8 in die Redaktion und saßen erst einmal glücklich vor den bunten Kacheln. Dieses Design (es hieß mal „Metro“) sah klasse aus, es steckte ein Konzept dahinter und es ließ sich intuitiv bedienen. Gerade mit einem Touchdisplay: Kacheln antippen zum Öffnen oder festhalten zum Verschieben. Eigens für Windows 8 hatte Microsoft die Programme des täglichen Bedarfs angepasst. Es machte Spaß zu mailen, zu surfen, zu suchen. Und es war für Computer, Tablet und Smartphone konzipiert. Sollen wir wechseln?

Marco Dettweiler Folgen:    

Als wir dann mit dem ein oder anderen Menüpunkt nicht zurecht kamen, bestimmte Funktionen nicht gefunden haben oder die Belegung der Bildschirmecken immer wieder vergaßen, dachten wir zwar für kurze Momente, dass Apple nach wie vor mit Mac OS X doch das bessere Betriebssystem hatte. Aber wir gaben Microsoft erst einmal eine Chance, indem wir uns die Zeit nahmen, das neue Betriebssystem näher kennen zu lernen und zudem den Mut belohnen wollten, den Microsoft in diesen schwierigen Zeiten aufbrachte. Sie standen natürlich auch mit dem Rücken zur Wand.

Nachfolger Blue wird ein Rückschritt sein

Viele Nutzer haben offenbar keinen Mut, auf Windows 8 umzusteigen. Microsoft hat zwar seit dem Start im Herbst über 100 Millionen Mal Windows 8 verkauft. Doch in den letzten Monaten brachen die Verkäufe ein. Denn 60 Millionen Exemplare waren schon bis Januar rausgegangen. Das sind für das Unternehmen offenbar zu wenig. Auch Hardware-Hersteller wie Acer waren nicht zufrieden. Zudem meckerten fortwährend Nutzer, die den Mut zum Umstieg hatten, so sehr, dass Microsoft wohl selbst Zweifel an seinem neuen Betriebssystem bekam.

Also hat das Unternehmen nervös reagiert und das Update, dessen Namen „Blue“ schon länger bekannt ist, noch für dieses Jahr angekündigt. Das ist der komplette Systemabsturz. Windows 8 wurde gerade mal im Herbst des letzten Jahres vorgestellt. Microsoft sprach von Innovation, radikalem Wechsel, Neuanfang und so weiter. Und was sagt die Microsoft-Managerin Tami Reller heute der Agentur Reuters? Die jetzige Version sei nicht perfekt und müsse überarbeitet werden. Wollte Microsoft nicht das Image loswerden, dass seine Betriebssysteme immer nur halbfertig und unausgegoren waren? Mit Windows 7 war man auf dem besten Weg. Die meisten waren zufrieden.

Lehnt euch nicht zurück!

Doch was soll nun Windows Blue genau sein? Es kann nur gegenüber Windows 8 einen Rückschritt bedeuten. Denn der Grund dafür scheint in Wahrheit ein anderer. Kunden waren von der Kacheloptik abgeschreckt, vermissten ihren Start-Button und wechselten so schnell wie möglich wieder auf die Windows-7-Oberfläche. Eigentlich wollen viele wieder ihr Windows 7 zurück. Sie waren möglicherweise auch geblendet von den Windows-8-Vorführungen, die auf einem Computer mit Touchdisplay stattgefunden haben. Die Kachelfunktionalität ist sicherlich weniger faszinierend auf einem klassischen Bildschirm. Doch sie ist innovativ und zukunftsweisend.

Was denken die Windows8-Verweigerer, wie die Zukunft aussehen wird? Es wird bald auf dem Display nur noch getoucht, gewischt und geschoben. Google richtet sein Betriebssystem Chrome darauf aus, die Hersteller von Ultra- und Notebooks sowieso. Wenn die Welt voller berührungsempfindlicher Bildschirme ist, werden sich sich die Windows7-Freunde nach den Kacheln sehnen und angestrengt auf ihrem Start-Button rumfummeln. Eine Handy ohne Tastatur? Da waren sich 2007 wahrscheinlich viele - auch Steve Ballmer - einig. Nein, da muss ich mich umgewöhnen. Ich brauche Tasten. Die benutze ich schon immer. An solche Menschen hat Tami Reller wohl auch gedacht, als sie bei der Ankündigung von Windows Blue sagte: „Wir lehnen uns nicht zurück und sagen uns, dass sie sich schon daran gewöhnen werden.“ Microsoft hätte sich zurücklehnen sollen!

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Apple iPad Air 2 und Mini 3 im Test Viel Tempo und vorsichtiger Fortschritt

Vergangene Woche wurden das iPad Air 2 und Mini 3 vorgestellt. Wir haben Apples neue Tablets bereits ausprobiert. Der Kauf lohnt sich nicht für jeden. Mehr Von Michael Spehr

22.10.2014, 05:59 Uhr | Technik-Motor
Microsoft überspringt eine Ziffer

Mit Windows 10 sollen herkömmliche Computer und mobile Geräte wie Smartphones oder Tablets verbunden werden. In einem Demonstrationsvideo feierte beispielsweise der Start-Button seine Rückkehr auf den Desktop. Auch App-Fenster sollen angepasst werden können. Mehr

01.10.2014, 11:40 Uhr | Technik-Motor
Android-Erfinder Andy Rubin Auf zum nächsten Moonshot

Er hat das Betriebssystem Android mit Google zum Erfolg gemacht. Ein Jahr lang war er für die Google-Roboter zuständig. Jetzt will Andy Rubin wieder sein eigener Chef sein. Mehr Von Carsten Knop

31.10.2014, 13:37 Uhr | Wirtschaft
Immer dahin, wo es kachelt

Storm Chasing ist in Nordamerika eine Aktivität zwischen Sport und Wissenschaft. Aber auch hierzulande fühlen sich Menschen von Unwettern angezogen. Und auch Deutschland ist Tornadoland. Mehr Von Andreas Frey

27.08.2014, 07:54 Uhr | Aktuell
Hunger Games für Youtuber Futter für Werbekunden

Um den Kinostart des dritten Teils der Tribute von Panem zu bewerben, drehen Youtube-Stars fiktive Propaganda-Clips für das Regime aus dem Jugendbuchbestseller. Die Geschichte spiegelt sich im Geschäftsmodell. Mehr Von Fridtjof Küchemann

24.10.2014, 11:52 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.05.2013, 15:30 Uhr

Sorge um die Jugend

Von Boris Schmidt

Warum nur ist die Jugend so unvernünftig? Dem eigenen Filius kann es allen Ermahnungen zum Trotz auf dem Rennrad nicht schnell genug gehen. Mehr 2

Hinweis
Die Redaktion