Home
http://www.faz.net/-gyc-12x0v
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ubuntu Leichter als man denkt und besser als gedacht: Linux!

25.06.2009 ·  Keine Angst vor komplizierter Technik: Das neue Ubuntu ist ein tolles Linux-Betriebssystem für jedermann und lohnt das Ausprobieren. Das Schöne daran: Man muss nichts kaufen, nichts registrieren und sich um keine Lizenzen kümmern.

Von Michael Spehr
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (21)

Man ist noch kein Rennfahrer, wenn man ein paar Runden auf dem Nürburgring gedreht hat. Aber man kann einiges erzählen. Wir haben uns mehrere Wochen lang mit dem offenen, freien und kostenlosen Betriebssystem Linux beschäftigt. Das macht aus einem noch keinen Linux-Experten, aber die Erfahrungen sind spannend. Linux wird von engagierten Einzelpersonen und Unternehmen entwickelt, es kommt nicht nur auf PCs, sondern auch und gerade auf Servern, Smartphones und manchen TV-Receivern zum Einsatz und hatte früher den Ruf, von Hackern für Hacker entwickelt worden zu sein. Es war kompliziert und mit kryptischen Kürzeln in einem Kommandozeilen-Editor zu bedienen, und als wir vor einigen Jahren zuletzt einige Versuche wagten, war das Experiment aus diesen Gründen schnell wieder beendet.

Linux ist nicht gleich Linux, sondern kommt meist als Distribution ins Haus, als Zusammenstellung verschiedener Programme, und wir nahmen das neue Ubuntu in der Version 9.04, „Jaunty Jackalope“. Das afrikanische Wort Ubuntu steht für Menschlichkeit und Gemeinsinn, Ubuntu ist eine besonders freundliche und leicht zu installierende Variante. Seit 2007 arbeiten alle Abgeordneten der französischen Nationalversammlung und ihre Mitarbeiter mit Ubuntu.

Zwischen Windows und Ubuntu umschalten

Man bekommt es entweder über www.ubuntu.com oder (einfacher, ohne Mega-Download) als fertige DVD-Zusammenstellung mit dem aktuellen Linux-Sonderheft der Fachzeitschrift „c‘t“. Der erste Schritt des unverbindlichen Ausprobierens ist einfach: Den Windows-PC im Bios so einrichten, dass er vom CD-Laufwerk hochfährt. Mit der eingelegten Silberscheibe startet Ubuntu und bietet einen Probebetrieb an, bei dem alle Programme allein von der CD ausgeführt werden. Am PC und seinem Betriebssystem wird nichts verändert. Wir fanden das Gebotene jedoch so überzeugend, dass wir uns für eine vollständige Installation entschieden.

Wahlweise richtet sich Ubuntu so ein, dass es neben dem vorhandenen Betriebssystem läuft und man beim Hochfahren zwischen Windows und Ubuntu umschaltet. Oder es übernimmt den PC zur Gänze. Ersteres erfordert einen freien, nicht partitionierten Festplattenspeicherplatz, der nötigenfalls durch Verkleinerung einer Partition freigeschaufelt wird. Überlässt man Ubuntu die gesamte Festplatte, werden indes alle vorhandenen Partitionen und Daten gelöscht. Wir haben beide Möglichkeiten ausprobiert. Auf dem ersten PC liefen fortan Windows Vista und Ubuntu abwechselnd, für das alternative Betriebssystem reichen bereits zehn Gigabyte. Vorsichtigen Naturen raten wir indes, die Windows-Festplatte auszubauen und für Ubuntu eine neue (oder eine alte aus dem Fundus) einzusetzen. Für unseren fünf Jahre alten PC nahmen wir eine 32-Gigabyte-Platte, die Ubuntu mit dem Dateisystem Ext3 formatierte. Wahlweise kann man auch die Windows-Dateisysteme Fat oder NTFS beibehalten oder das ganz neue Ext4 nehmen, das allerdings nach Meinung vieler Linux-Profis noch nicht so ausgereift ist wie das ältere Ext3.

Ubuntu ist unglaublich schnell, selbst auf alten Maschinen

Ubuntu erfordert bei der Installation nur wenige Angaben zu Sprache, Zeitzone und Tastaturlayout. Nach weniger als einer halben Stunde hat man, und das ist die erste Überraschung, einen komplett eingerichteten Linux-PC, mit dem man sofort loslegen kann: Es präsentiert sich ein übersichtlicher Bildschirm, mit einer zwar etwas hausbackenen Grafik, der aber in den Details überaus funktional ist. Das gewohnte Startmenü befindet sich oben links am Bildschirm, und darin sind schon alle Programme versammelt, die man für die tägliche Arbeit am Rechner braucht: Open Office in der Version 3 mit seiner leistungsstarken Textverarbeitung und Tabellenkalkulation nimmt es mühelos mit Microsoft Office auf, der Firefox-Browser ist an Bord, und Dutzende von weiteren Helfern stehen als dienstbare Geister parat.

Ohne Netzwerkkonfiguration und aufwendiges Gefummel nimmt der Ubuntu-Rechner den Kontakt mit dem heimischen W-Lan-Router auf, man kommt sofort klar. So gut wie jedes Programm kann PDF-Dateien drucken, Medien aller Art lassen sich problemlos wiedergeben, und wenn gegebenenfalls bei einem exotischen Videoformat der Codec fehlt, wird er flink nachgeladen. Überhaupt ist Ubuntu unglaublich schnell, selbst auf sehr alten Maschinen. Schon mit 256 Megabyte Arbeitsspeicher und einem 500-Megahertz-Prozessor läuft das System.

Eine Faszination, die einen in das System hineinzieht

Die logische, klare und offene Struktur und vor allem das Fehlen von typischen Windows-Marotten und -Nervereien fällt als Nächstes auf. Es gibt keine Registrierungsaufforderungen, keine aufploppenden, nichtssagenden Systemmeldungen, keine digitale Rechteminderung, keine im Hintergrund laufenden Kopierschutz-prozesse und so weiter. In diesem Sinne arbeitet man wie unter einem deutlich verbesserten Windows, und was die Standardprogramme betrifft: ohne Umgewöhnung. Ubuntu hat zudem wie jedes Linux-System eine transparente und sichere Benutzerverwaltung, die es erlaubt, bestimmte Funktionen für einzelne Nutzer freizugeben oder zu sperren. Da unter Linux keine Gefahr durch Schadsoftware besteht, eignet sich ein Ubuntu-System prima als Kinderzimmer-PC (wobei Proteste wegen nicht laufender Windows-Spiele drohen).

Kurzum: Da entsteht eine Faszination, die einen in das System geradezu hineinzieht, man will mehr wissen und beginnt mit den ersten Basteleien. Ubuntu kommt im Unterschied zu anderen Linux-Distributionen mit einem bewährten Standard-Set an Programmen ins Haus, und was man nachinstallieren will, findet sich in der Softwareverwaltung Synaptic. Während sich eine Anwendung installiert, sorgt sie dafür, dass alle benötigten Komponenten ebenfalls dabei sind. Die Softwareverwaltung kümmert sich also um die Erfüllung der jeweiligen Systemvoraussetzungen, und ein Paketmanagement garantiert, dass ein Programm beim Deinstallieren keine Reste übriglässt, ein weiterer Vorzug gegenüber Windows. Man muss zudem Software nicht von irgendwelchen Internetseiten laden, sondern findet in vier riesigen Archiven (Repositories) Zehntausende von offenen und kostenlosen Anwendungen.

Nichts kaufen, nichts registrieren und keine Lizenzen

Und noch einmal: Man muss nichts kaufen, nichts registrieren und sich um keine Lizenzen kümmern. Doch stößt man schnell an die Grenzen der eigenen Fähigkeiten. Wir wagten uns zunächst an die Verschönerung des Desktop. Die fleißige Fangemeinde demonstriert im Internet eindrucksvoll, was man hier alles machen kann (etwa auf www.gnome-look.org), und nach wenigen Stunden hatten wir mit dem Compiz-Fenstermanager erste beeindruckende Effekte realisiert. Legt man mehrere Arbeitsflächen als virtuellen Desktop an, kann man zwischen ihnen mit einem dreidimensionalen Würfel umschalten.

Es geht noch spektakulärer, wie viele Videos auf Youtube zeigen. Da ist etwa der komplette Nachbau des Mac-Betriebssystems OS X zu sehen, inklusive sämtlicher Spezialeffekte. Solche Projekte erfordern allerdings viel Zeit für Recherche, Insiderkenntnisse oder zumindest Nachfragen auf Hilfeseiten wie forum.ubuntuusers.de.

Ein Betriebssystem ohne Zicken und Zumutungen

Jenseits der elementaren Funktionen muss man sich tief in die Materie hineinknien, was wir dann auch bei größeren Problemen feststellten: Wie lässt sich eine an der Fritzbox mit einem USB-Hub angeschlossene Festplatte ins Ubuntu-Dateisystem integrieren? Dass es mit Samba geht, war uns klar, aber an den Details scheiterten wir kläglich (mit Windows oder dem Mac ist die Sache übrigens in weniger als zwei Minuten erledigt). Ein Ubuntu-PC erkannte den angeschlossenen Analogmonitor nicht und kam zum Verplatzen nicht über eine mickrige 800er-Auflösung hinaus. Wo und wie kann man das ändern? Erst ein anderes LC-Display brachte Besserung.

Dass Linux-Treiber für etliche Peripherie wie Drucker, Faxgeräte oder Scanner fehlen, sei ebenfalls erwähnt, es gibt eben nicht alles auf dem freien Markt der offenen Software. Gimp wird von vielen als Photoshop-Ersatz beschrieben, wir können uns damit aber nicht anfreunden. Spezialsoftware aus Nischenbereichen ist Mangelware, und so weiter. Unser Fazit nach einigen Wochen: Linux ist toll, leistungsfähig, sicher und offen. Ein großartiges, modernes Betriebssystem ohne Zicken und Zumutungen. Das müsste der neue Standard werden, zumindest in den Schulen. Aller Respekt den Leuten, die das in ihrer Freizeit entwickelt haben. Aber wenn es um die Details geht, darf man nicht nur an der Oberfläche schwimmen, wie wir es gemacht haben, sondern muss gelegentlich in die Tiefe tauchen.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Onkel Ju

Von Holger Appel

Er ist das Symbol der Fliegerei unserer Tage. Obwohl Airbus mit dem A 380 das größte Passagierflugzeug der Welt gebaut hat, redet noch immer jedermann ehrfürchtig vom Jumbo. Mehr 2