15.02.2010 · Selbst der Twitter-Gründer hat manchmal das Gefühl, nicht mehr allen Informationen hinterherzukommen. Doch die Kurznachrichten förderten sogar die Konzentration, behauptet Biz Stone im Interview.
Selbst der Twitter-Gründer Biz Stone hat manchmal das Gefühl, nicht mehr allen Informationen hinterherzukommen. Doch die Kurznachrichten förderten sogar die Konzentration, behauptet er im Interview - und verspricht einige „Experimente“ für das kommende Halbjahr.
Biz Stone, über Twitter kann jeder im Internet 140 Zeichen lange Nachrichten verschicken. Wozu ist das gut?
Das ist gut, damit andere Leute schnell erfahren, was jetzt gerade um sie herum passiert. Auf Twitter bekommen Sie Informationen innerhalb von Sekunden, zum Beispiel wenn Sie wissen wollen: Was war das eben für ein Lärm?
Diese Antwort hätte jetzt aber nicht in die 140 Zeichen gepasst, die Sie erlauben.
In 140 Zeichen hätte ich gesagt: Twitter ist ein Informations-Netzwerk, in dem man herausfinden kann, was jetzt gerade passiert.
Was kann man denn in 140 Zeichen überhaupt lernen?
Da gibt es viel mehr, als Sie denken. Es ist schon zu einer Kunstform geworden, einen sehr guten Tweet zu dichten . . .
. . . also eine Twitter-Nachricht . . .
. . . Sie können aber auch einen Link zu einer Internet-Seite verschicken. Aber das ist gar nicht immer nötig. Denken Sie an eine Fernsehshow oder ein Naturereignis. Die Menschen wollen sich darüber austauschen. Denken Sie an eine Konferenz: Auf Twitter sehen Sie zum Beispiel, ob Sie in einen anderen Vortrag wechseln sollten.
Der Chef des Computerkonzerns Sun hat kürzlich seinen Rücktritt auf Twitter verkündet, in der Gedichtform eines Haikus.
An so etwas dachten wir sehr früh. Wir dachten, dass die Beschränkung auf 140 Zeichen auch die Kreativität aus den Leuten herausbringt. Einer hat mal vorgeschlagen, dass wir die Leute tatsächlich zu Haikus zwingen. Das haben wir aber dann doch nicht gemacht.
Mussten es denn unbedingt 140 Zeichen sein – hätten Sie nicht die 160 Zeichen nehmen können, die wir von der SMS gewohnt sind?
Unsere Wahl hängt sogar mit der SMS zusammen. Als wir angefangen haben, haben wir uns nämlich nur um SMS gekümmert. Twitter sollte dazu dienen, dass man unterwegs Informationen verschicken kann. Wir haben dann eine Obergrenze von 140 Zeichen genommen, um in der SMS genügend Platz für den Namen des Absenders zu haben.
Den Durchbruch hatte Twitter dann bei einem Filmfestival.
Ja, das Film- und Musikfestival South by Southwest war 2007 unser Durchbruch. Dieses Festival hat auch einen Technologie-Teil. Während einer Sitzung standen plötzlich viele Leute auf, weil sie per Twitter mitbekommen hatten, dass eine andere Sitzung am anderen Ende des Ganges interessanter war.
Für die Konferenz ist das ziemlich störend, wenn plötzlich alle Leute abhauen.
Wir beschleunigen nur das, was in der Welt sowieso per Mundpropaganda passiert. Bei Kinofilmen zeigt sich das jetzt schon: Wenn freitags viele Leute ins Kino gehen und den Film schlecht finden, dann erzählen sie das auf Twitter. Das kann sich schon auf die Besucherzahlen am Samstag auswirken. Für die Konferenz kann man sagen: Vielleicht sollte einfach der Redner besser sein. Wir üben also Druck aus, besser zu werden.
Abgelenkt werden die Leute auf jeden Fall.
Bei solchen Technik-Konferenzen haben sowieso ständig Leute den Laptop offen. Twitter hilft, dass die Leute der Diskussion folgen und ihre eigenen Gespräche darüber führen.
Nicht mal alle Technik-Junkies können die ganzen Informationen noch verarbeiten, die auf sie einströmen. Wir bekommen ja nicht nur Twitter-Nachrichten, sondern auch E-Mails und SMS.
Stimmt. Ich habe auch das Gefühl, dass ich den Informationen nicht mehr hinterherkomme, die auf mich einströmen. Zum Beispiel habe ich drei E-Mail-Postfächer. Da kommen jeden Tag Hunderte E-Mails an, und jeder erwartet, dass ich ihm zurückschreibe. Auch deshalb haben wir Twitter entwickelt.
Bitte?
Ja, auf Twitter sind die Erwartungen anders. Keiner muss sofort zurückschreiben, jeder kann so oft angekoppelt sein, wie er will. Während eines großen Ereignisses will man vielleicht mitbekommen, was passiert, zum Beispiel während des Oktoberfests. Und dann kann man wieder ein paar Tage weg sein, und niemand ist deshalb sauer.
Sind Sie auch manchmal ein paar Tage weg von Twitter?
Wenn ich auf Reisen bin, bin ich häufig sehr aktiv – und zu anderen Zeiten bin ich wieder recht ruhig.
Wie lange dauerte Ihre längste Twitter-Pause?
Wahrscheinlich zwei Tage.
Was war denn da los?
Wahrscheinlich habe ich da einfach beschlossen, mir mal eine Auszeit zu nehmen. Wenn man so überverdrahtet ist in der Technik-Branche wie ich, dann muss man manchmal bewusst Pause machen und Sport treiben oder malen.
Sie zeigen: In vielen Fällen braucht man die Live-Information, die Twitter uns gibt, nicht so dringend. Zumal ich manchmal nur erfahre, was es bei anderen Leuten zum Mittagessen gibt.
So stimmt das nicht. Es gibt auf Twitter jederzeit etwas Interessantes. Da ist nicht nur das Mittagessen, sondern auch Menschen, die sich erzählen, welches Restaurant gut ist. Oder welche Züge Verspätung haben. Darin stecken Informationen, die für Sie sofort relevant sind. Das merken Sie am schnellsten, wenn Sie auf Twitter mal nach einem Produkt suchen, das Sie interessiert. Oder nach einer Firma. In Zukunft müssen wir dann besser herausfiltern, welche Nachrichten relevant ist.
Bisher sucht man sich hauptsächlich Leute aus und abonniert deren Nachrichten.
Künftig geht es nicht mehr so sehr darum, wie viele Leute die Nachrichten eines Einzelnen bekommen – sondern mehr darum, dass immer die relevanten Informationen oben stehen. In einiger Zeit werden wir Ihnen auch Informationen geben können, von denen Sie gar nicht wussten, dass Sie sie brauchen.
Wie soll denn das gehen?
Das kann zum Beispiel abhängig davon sein, wo Sie gerade sind. Vor kurzem habe ich über Twitter erfahren, dass bei uns in San Francisco die Bay Bridge gesperrt war. Und jeder, der auf seinem Heimweg über die Bay Bridge kommt, will das so früh wie möglich wissen.
Das funktioniert nur, wenn ich Ihnen auch immer sage, wo ich gerade bin.
Ja, seit kurzem können uns die Menschen auch ihren Aufenthaltsort nennen, wenn sie das wollen. Aber das will nicht jeder. Deshalb sammeln wir diese Daten nur, wenn die Leute sich dafür ausdrücklich anmelden.
Sie sind nicht mehr der Einzige mit dieser Idee. Seit Mittwoch hat Google auch einen neuen Dienst namens „Buzz“, über den man auch Kurznachrichten verschicken kann und der schon Informationen filtert.
Das ist keine direkte Konkurrenz zu uns. Dort schickt man Nachrichten an seine Kontakte, auf Twitter an viele Leute. Aber Buzz ist sehr innovativ und zeigt, dass wir uns immer verbessern müssen. Eines Tages mag es einen Wettbewerber geben, der uns wirklich bedroht, und wenn der uns schadet, wird es unsere eigene Schuld sein.
Google ist außerdem einer Ihrer wichtigsten Finanziers. Sie stellen Ihre Tweets Google und Microsoft für deren Suchmaschinen zur Verfügung. Das bringt Ihnen so viel Geld, dass Sie schwarze Zahlen schreiben.
Über die Verträge erzählen wir keine Details. Aber wir sind auch für andere Firmen offen, auch für Leute, die in einer Garage an einem Startup arbeiten. Inzwischen gibt es mehr als 50.000 Programme und Websites, die mit Twitter zusammenarbeiten.
Google hat schon viele junge Internet-Firmen finanziert. Viele haben Schwierigkeiten, andere Geldquellen zu finden, und bleiben abhängig von Google. Das ist schlecht, wenn Google einen Konkurrenzdienst aufmacht.
Uns geht es in dieser Kooperation hauptsächlich darum, unsere Informationen weiterzugeben. Das wird nicht unser langfristiges Geschäftsmodell. Das Geschäftsmodell haben wir noch nicht vorgestellt.
Gerüchte sagen, Sie wollen Geld von Firmen, die Twitter nutzen?
Das wird ein Teil. Wir wollen Firmen helfen, ihren Kunden einen besseren Service zu bieten. Es gibt schon einige kleine Cafés, Fluglinien und Läden, die auf Twitter mit ihren Kunden kommunizieren. Das ist zum Teil Marketing, zum Teil Kundenservice. Die Kunden können auf Twitter zum Beispiel eine Frage stellen, und sie bekommen Antwort. Eines Tages wird es spezielle Firmenaccounts geben.
Wann fangen Sie damit an?
Im ersten Halbjahr werden Sie einiges sehen. Wir werden anfangen zu experimentieren. Wir werden nicht gleich alles richtig machen, aber das haben wir sowieso noch nie geschafft.
Der Zwitscherer
Biz Stone hat schon viele Internetseiten vorangetrieben, auf denen Menschen sich ausdrücken konnten - erst auf der Blog-Seite „Xanga“, dann bei Google für dessen Blog-Dienst „Blogger“. Schließlich werkelte er an einer Seite für Podcasts mit, einer Art Internet-Radio. Dort entstand nebenbei der Kurznachrichten-Dienst Twitter (deutsch: „Gezwitscher“). Twitter wurde bald zum Hauptgeschäft und zum eigenen Unternehmen, gegründet von Biz Stone gemeinsam mit seinen Kollegen Jack Dorsey und Evan Williams. Dort arbeitet Stone jetzt als Kreativchef (“creative director“). Vor seinem Einstieg ins Internet-Geschäft arbeitete Stone als Designer in einem Buchverlag und brach Studiengänge in Schriftstellerei und Kunst ab. Biz (eigentlich: Christopher Isaac) Stone ist 35 Jahre alt und stammt aus Boston.